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"Wehrmacht betrieb Judenvernichtung"

Als er 1997 mit dem Film "Der unbekannte Soldat" begann, hoffte er, dass die These der - viel diskutierten - Wehrmachtsausstellung sich nach eigenen Recherchen als falsch erweisen würde. Heute weiß Michael Verhoeven: Judenvernichtung war auch ein Programm der Wehrmacht.

Die Furche: Die Wehrmachtsausstellung hat 2004 ihre Pforten geschlossen. Jetzt ist Ihr Film "Der unbekannte Soldat", der von dieser viel diskutierten Schau ausgeht, im Kino. Verstehen Sie sich als Anwalt dieser Ausstellung?

Michael Verhoeven: Nein. Ich schulde der Ausstellung etwas: Dass ich dort drehen konnte, war ein großes Privileg. Da habe ich eine Dankbarkeitshaltung, aber ich wollte nicht Teil davon sein.

Die Furche: Sie machen den Konflikt um die Ausstellung nicht zum großen Thema. Auch Bogdan Musial, der Historiker, der die Schau wegen falsch zugeordneter Bilder angeblicher Wehrmachtsverbrechen kritisierte, ist kein "Ankläger" gegen die Ausstellung.

Verhoeven: Aber er sagt im Film, dass die Bildgeschichten montiert waren: er muss dafür gelobt werden, dass er diese Irrtümer aufgeklärt hat. Aber nicht Kritiker wie Musial haben die Ausstellung zu Fall gebracht, sondern die große, sehr konservative Fraktion in der deutschen Gesellschaft, die die Ausstellung nicht haben wollte und froh war, dass Musial Fehler entdeckt hat.

Die Furche: Der Konflikt um die Wehrmachtsausstellung ist nicht das eigentliche Thema Ihres Films.

Verhoeven: Mir ging es schon um das, worum es auch der Ausstellung geht. Ich war nicht darauf gefasst, dass sich die Wehrmacht die Vernichtung der Juden vorgenommen hatte. Ich habe es nicht gewusst. Das hat mich schockiert: Warum weiß ich es nicht? Ich bin doch ein interessierter Zeitgenosse. Welche Mechanismen haben dazu geführt, dass das verborgen geblieben ist? Andererseits habe ich immer noch gehofft, durch eigene Recherche draufzukommen, dass es doch nicht stimmt, dass es vielleicht nur eine Gruppe von Extremisten in der Wehrmacht war. Aber dass das ein Programm der Wehrmacht war - nicht von einer kleinen Fraktion, sondern der Wehrmacht - das ist doch eine so erschütternde Mitteilung. Ich wollte sie einfach nicht glauben. Auch ich nahm die Trennung vor, wie es alle zum Teil noch immer tun: Da die SS, die machte die brutalen Dinge …

Die Furche: … und die Wehrmacht war mehr oder weniger sauber.

Verhoeven: Ich bin, als der Film längst fertig war, auf das Buch Abgehört von Sönke Neitzel gestoßen, der bei Archivarbeiten in London auf Abhörprotokolle deutscher Generäle in einem britischen Gefangenenlager 1942-45 gestoßen ist. Da sagt ein General: "Wenn wir den Krieg verlieren, müssen wir es so drehen, als wäre alles nur die SS gewesen." Das ist die Nachkriegsgeschichte der Wehrmacht! Das war bis hinauf zu Adenauer Programm: Die Verbrechen der Wehrmacht gibt es, aber es darf sie nicht geben.

Die Furche: In Ihrem Film sagt Adenauer, nur ganz wenige Soldaten seien an Verbrechen beteiligt gewesen.

Verhoeven: Ich habe auch in Rundfunkarchiven gestöbert, und da ist mir diese Adenauerrede in die Hände gefallen. Ich werde oft gefragt: Du bist 1938 geboren, als der Krieg zu Ende war, bist du gerade in die Schule gekommen, was interessiert dich daran so? Und ich sage mir selber: Stimmt ja eigentlich. Ich habe keine Familiengeschichte, in der Soldaten eine Rolle spielten. Ich habe da also nichts abzuarbeiten. Was interessiert mich da eigentlich? Zwei Gründe: Der erste ist, dass ich in den 50er Jahren außer im Elternhaus keine Auskünfte bekommen habe. Mit dem, was ich zu Hause hörte, bin ich dann zu den Freunden gegangen. Und da wollte ich, dass die Freunde auch sagen: Ja, stimmt, mein Vater hat mir auch so etwas erzählt - aber überhaupt nicht! Die haben diese Kenntnis nicht gehabt. Das war immer eine Spannung, in der ich war. Das ist das eine, warum mich das so interessiert hat …

Die Furche: … viele Ihrer Filme haben das Thema aufgegriffen.

Verhoeven: Das zweite ist die eigenartige Erfahrung, die ich mit meinem Film Die Weiße Rose gemacht habe. Ich wollte den Film machen, um an diese jungen Leute zu erinnern, die ich verehrt habe, weil ich gedacht habe: Wäre ich denn überhaupt in der Lage gewesen, so viel Wagnis auf mich zu nehmen, bloß weil mein Gewissen mir diese Gedanken anschafft? Mit Sicherheit: Nein. Und diesen Film hat man mir nicht erlauben wollen. Als ich dieses Drehbuch zur Förderung abgeliefert habe als Produzent, ist es abgelehnt worden …

Die Furche: … das war 1982?

Verhoeven: Angefangen habe ich 1979, der Film wurde zwei Jahre lang verhindert. Einen Film kann man schnell verhindern: Er kriegt einfach keine staatliche Förderung.

Die Furche: 1982 - das war doch die große Zeit der Friedensbewegung!

Verhoeven: Klar: Ich bin ein Kind meiner Zeit und auch von den Impulsen dieser "unruhigen Jugend" beeinflusst. Aber das Drehbuch der Weißen Rose ist aus der Literatur entstanden. Nur in Spuren wich das Drehbuch von den Büchern ab, aber das hatte ich von den Familien der Weißen Rose erfahren. Es steht natürlich nicht in einem Lehrbuch, dass Hans Scholl vom Russlandeinsatz im Sommer 1942 zurückkommt und sagt: "Ich hab es erlebt - die haben russische Gefangene erschossen! Mit dieser Wehrmacht will ich nichts mehr zu tun haben!" Solches im Drehbuch hat Entsetzen ausgelöst - wie später die Wehrmachtsausstellung.

Die Furche: Die Spur zu Ihrem jetzigen Film.

Verhoeven: Natürlich. Die Weiße Rose wurde fünfmal abgelehnt! Ich war damals wütend. Heute bin ich dankbar, weil ich zwei Jahre mehr Zeit zum Recherchieren hatte. Da bin ich nochmals zu den Familien gegangen, habe viele Details erfahren. Der Film hat dazu geführt, dass die Urteile des Volksgerichtshofs aufgehoben wurden; nach Die Weiße Rose hat der Bundestag den Volksgerichtshof zum Terrorinstrument erklärt!

Die Furche: Sie sagen, Sie seien kein Dokumentarist, kein Historiker, sondern würden mit den Augen eines Filmemachers auf die Ereignisse blicken. Was heißt das?

Verhoeven: Dass ich nicht so sehr auf der Spur nach Faktischem war, sondern versuche, das Menschliche herauszuarbeiten. Ich wollte das Geschehen so zeigen, dass man es auch begreifen kann. Das ist ja mit den schrecklichen Fotos mit Tausenden Leichen gar nicht möglich. Ich hab das auch gezeigt, weil ich das ja nicht verschweigen kann. Aber größere Emotion erreiche ich mit einem Foto von Menschen, die nicht wissen, was ihnen bevorsteht. Etwa als beim Massaker von Babi Jar die jüdische Bevölkerung aufgefordert wurde, etwa 33.000, sich an einem Ort in Kiew zu versammeln mit all ihren Wertsachen - weil man sie angeblich umsiedeln wollte. Die Wertsachen landeten bei der Beutestelle der Wehrmacht; das zeige ich ja auch. Aber die teuersten Schätze für viele Menschen sind Fotos, Familienalben - überhaupt nichts Schreckliches, sondern etwas sehr Emotionales. Ich habe, statt Gräuelszenen, Fotos, die die Leute in Babi Jar in ihren Koffern hatten, zusammengesucht. Auch die sind in den Archiven aufbewahrt, weil sie gedacht haben, sie erfüllen eine großartige Mission an der Menschheit, wenn sie die Juden umbringen. Das war die Frage: Wenn das alles in den Archiven liegt, wieso wussten wir nichts davon? Solches meine ich mit "als Filmemacher herangehen": Auf diese Weise entsteht ein Dialog mit den Menschen - das ist etwas anderes als die auch in diesem Film unvermeidliche Nachricht der Gräuel.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Schauspieler, Arzt, Filmemacher

Zwei Jahre schon polarisierte die "Wehrmachtsausstellung", die die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg belegte, die deutsche wie die österreichische Öffentlichkei. Da begann Filmemacher Michael Verhoeven 1997 anlässlich einer NPD-Demonstration gegen die Ausstellung in München mit den Dreharbeiten für seinen Dokumentarfilm Der unbekannte Soldat, der nun im Kino ist. 1999 wurde die Ausstellung zurückgezogen, weil sich 20 der 1433 gezeigten Fotos, welche die Wehrmachtsgräuel belegen sollten, als falsch erwiesen. 2001 folgte die überarbeitete Ausstellung, die bis 2004 in Deutschland und Wien gezeigt wurde. Ausgehend davon spürt Verhoevens Film den Wehrmachtsuntaten in Weißrussland und der Ukraine nach - etwa dem Massaker von Babi Jar, einer Schlucht bei Kiew, in der am 29./30. September 1941 33.700 ukrainische Juden hingemetzelt wurden. Verhoeven reist an die Schauplätze, sucht Zeitzeugen und Historiker auf und macht mit NS-Filmausschnitten die staatlich gelenkte Pogrom-Stim-mung ebenso spürbar wie das jüdische Leben mit Filmen aus den Schtetls der Zwischenkriegszeit oder durch Blicke in die "Fotoalben" der Ermordeten.

Der 1938 geborene Michael Verhoeven begann als Sohn des Schauspielers und Regisseurs Paul Verhoeven früh mit der Schauspielerei und trat in den 50er Jahren in Filmen neben Horst Buchholz und Heinz Rühmann auf. In den 60er Jahren studierte er Medizin (Promotion 1969), seit 1966 ist er mit der Schauspielerin Senta Berger verheiratet. Ende der 60er begann er als Regisseur, sein Anti-Vietnamkriegs-Film O.K. führte 1970 zum Abbruch der Berliner Filmfestspiele. 1981/82 entfachte seine filmische Hommage an die Widerstandsgruppe Die weiße Rose eine Diskussion, die zur Aufhebung der Urteile der Volksgereichtshöfe in Deutschland führte. Für den Spielfilm Das schreckliche Mädchen über eine junge Frau, die die NS-Vergangenheit ihrer Heimatstadt aufarbeitet, erhielt Verhoeven bei der Berlinale 1990 den Silbernen Bären sowie eine Oscar-Nominierung. ofri

Der unbekannte Soldat

D 2006. Regie: Michael Verhoeven. Verleih: Filmladen. 100 Min.

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