Die Wehrmachtsausstellung schließt endgültig ihre Pforten und kommt ins Archiv. Rückblick auf ein knappes Jahrzehnt umstrittener Vergangenheitsbewältigung.

Am Sonntag, 28. März, schließt die zweite Auflage der Wehrmachtsausstellung ihre Pforten. Danach kommt sie ins Archiv des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Für die ursprüngliche Fassung der Wanderausstellung, die 1995 startete, kam 1999 das Aus. Aufgrund massiver öffentlicher Kritik gab der Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma, eine neue Ausstellung in Auftrag.

Keine historische Ausstellung im deutschsprachigen Raum hat so viele Diskussionen provoziert wie die erste Wehrmachtsausstellung: Sie wurde nicht nur in den Feuilletons Länge mal Breite besprochen, sie zog auch viele Stellungnahmen von ehemaligen Wehrmachtssoldaten, Historikern und Politikern nach sich - bis hin zu einer emotionalen Debatte im deutschen Bundestag sowie Demonstrationen und Anschlägen gegen die Ausstellung. Am 31. Jänner marschierten wieder Tausend Neonazis in Hamburg zur Eröffnung der letzten Station.

Aber es waren nicht nur die Ewig-Gestrigen, die sich durch die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht" provoziert fühlten: Breit war der Chor derer, die eine Generation verunglimpft sahen. Der andere Teil des Publikums lobte, dass endlich der Mythos vom sauberen deutschen Wehrmachtssoldaten destruiert worden sei.

Gebrüllter Dialog

Nun konnte man sich schon 1995 fragen, was so revolutionär sei an der Erkenntnis, dass Soldaten, die an einem verbrecherischen Krieg beteiligt waren, Verbrechen begangen haben. Aber man konnte die Auseinandersetzungen auch positiv werten - wie Hannes Heer, Kurator der ersten Wehrmachtsausstellung: Die Ausstellung habe den Dialog zwischen den Generationen in Gang gebracht: "Das konnte ein Losbrüllen und Lostrommeln gegeneinander sein; das konnte aber auch ein zaghaftes Anfangen der Älteren sein, einiges von dem zu erzählen, was sie bisher nie erzählt hatten." Die Familienerzählungen handelten meist nur von eigenen Opfern und Entsagungen. So kamen viele zu einer schizophrenen Perspektive: Sie sind zwar gut über die Verbrechen der Nazis unterrichtet, sie können sich aber kaum vorstellen, dass der eigene Vater oder Großvater beteiligt war. Statt die Ausstellung zum Anlass zu nehmen, den öffentlichen Diskurs behutsam mit dem familiären Diskurs zusammenzubringen, wurde der Ausstellung aber eine "Pauschalverurteilung" unterstellt.

Nur nicht in die USA...

Neben den persönlichen Motiven in der Diskussion gab es auch politische: Bundeskanzler Helmut Kohl gab sich Mühe, die Ausstellung in den USA zu verhindern. Aber auch die Nachfolgeregierung unter Gerhard Schröder fing 1999 zu rechnen an, als Verhandlungen über die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter anstanden. Würde die Ausstellung in den USA gezeigt, käme das die Bundesrepublik einige Milliarden teurer zu stehen, hieß es aus dem Kanzleramt.

Schließlich haben aber nicht Politiker die erste Ausstellung zu Fall gebracht, sondern rund 20 falsch zugeordnete Bilder. 20 Bilder von 1.433 sollen es gewesen sein? Wohl kaum, die Bilder hätte man entfernen können, ohne die Ausstellung zu revidieren. Aber Jan Philipp Reemtsma ließ trotzdem von einem neuen Team eine neue Ausstellung erstellen: Das Feuilleton zeigte sich in der Mehrzahl von der Neuauflage angetan. Von "Konsens" statt "Konfrontation" war die Rede, vom Nachvollziehen eines Epochenschnitts. Weg vom letzten Aufbäumen der 68er hin zu einem "neuen deutschen Selbstverständnis" und zu einem europäischen "Fundamentalkonsens über die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges".

Gegen diese Wahrnehmung wirken Reemtsmas Beteuerungen hilflos, dass die Grundthesen der ersten Ausstellung trotz der Revision gültig seien: dass die Wehrmacht im Osten einen Vernichtungskrieg geführt habe, dass sie auch "selbstinitiativ" an Verbrechen beteiligt war, die nicht nur "zufällige Begleiterscheinungen" waren, sondern zur "Anlage des Krieges" dazugehörten. Warum dann die Revision?

Die neue Ausstellung sollte weniger emotional, dafür objektiver sein: Daher finden sich weniger eindrückliche Bilder in der neuen Ausstellung. Außerdem wird der Krieg unter die Perspektive des Völkerrechtes gerückt: Der Krieg der Wehrmacht hat gegen das Völkerrecht verstoßen. So wollten die neuen Ausstellungsmacher dem Vorwurf begegnen, man habe nur einen moralischen Verbrechensbegriff. Aber ist die völkerrechtliche Perspektive eine angemessene Kategorie? Den strengen Regeln des Völkerrechtes hat noch kaum ein Krieg genügt: Exzesse kamen und kommen in allen Kriegen vor.

Fünf Prozent Verbrecher?

Schließlich ließ die neue Ausstellungsleiterin Ulrike Jureit wissen: "Über die Anzahl von Wehrmachtsangehörigen, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren: Dazu kann man keine Aussagen machen. Jede Zahl außer Null wäre in diesem Zusammenhang völlig spekulativ." Durchs deutsche Feuilleton geisterte dann doch eine Zahl: Fünf Prozent der Wehrmachtssoldaten seien an Verbrechen beteiligt gewesen. Fünf Prozent von zehn Millionen Soldaten an der Ostfront sind immer noch 500.000, aber fünf Prozent hört sich doch nach fast nix an. Dann war Vater bestimmt nicht dabei.

Hannes Heer protestiert: Der angebliche Fünf-Prozent-Konsens sei eine "aus der Luft gegriffene Kunstzahl". Man könne in der Tat keine Zahlen nennen, so Heer, aber doch Dimensionen deutlich machen. In seinem Buch verweist er auf Aussagen ehemaliger Soldaten. Einer vertrat die Einschätzung, dass 80 Prozent alles mitgemacht, ein Prozent sich verweigert hätten und der Rest "unsichere Kantonisten" gewesen seien.

Erschießung ist Legende

Es gab Kommandanten, die den Befehl zur Liquidierung von Zivilisten verweigerten. Fälle, in denen solche Verweigerungen geahndet wurden, sind nicht bekannt. Die angeblich drohende standrechtliche Erschießung ist eine Legende. Ein ehemaliger Militärrichter schrieb seinen Kindern, er habe Glück gehabt, dass er niemals ein Todesurteil unterschreiben musste. Darin blitzt immerhin die (Selbst-)Erkenntnis auf, dass es oftmals nur eine Frage des Glücks und des Zufalls war, ob jemand persönlich an Verbrechen beteiligt war oder nicht; es lag zu selten an Mut oder Zivilcourage.

Statt den privaten Familiendiskurs über die NS-Zeit den Erkenntnissen des öffentlichen Diskurses anzunähern, wurde der öffentliche Diskurs den Familienerzählungen angeglichen: Wer Täter war, wissen wir nicht genau, bestimmt aber waren wir alle Opfer, denn auch die Bombardierung deutscher Städte war doch gegen das Völkerrecht. Literaturnobelpreisträger Imre Kertész sieht in der Wehrmachtsausstellung ein Gegengewicht zur Bombenkriegsdiskussion, das der "Erhaltung des Gleichgewichts" diene. Man könnte auch ernüchtert urteilen: Die Ausstellung der Verbrechen und ihre allmähliche behutsame Verkleinerung ermöglichte es, die eigenen Verbrechen mit denen der anderen zu vergleichen. Und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt.

Der Autor ist freier Journalist.

Buchtipp:

VOM VERSCHWINDEN DER TÄTER

Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei

Von Hannes Heer, Aufbau-Verlag, Berlin 2004, 395 Seiten, geb., e 22,90.

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