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Feuilleton

Die Ratten kommen aus den Löchern

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Der Kenntnisstand von 1945 genügt, um zu wissen, dass die Wehrmacht, nicht aber die Mehrheit der Soldaten Verbrechen begangen hat.

Da mit Verminung zu rechnen war, ordnete der Kommandeur des rückwärtigen Armeegebietes 532 in seinem Einsatzbefehl vom 23. September 1942 an, das "Minensuchgerät 42" in genügender Zahl bereitzustellen: "Die Einheiten haben sich selbst mit Stricken auszurüsten, um die Juden oder Bandenangehörigen mit langen Halsstricken zu versehen." Das Kürzel "Minensuchgerät 42" bedeutete: Juden, die, mit langen Stricken am Hals "versehen", mit Eggen und Walzen über die Minenfelder getrieben wurden. Die "Minensuchgeräte" (in Gänsefüßchen) hätten der Truppe viel Blut erspart, hieß es hinterher im Gefechtsbericht.

Kein Verbrechen der deutschen Wehrmacht? Eine kleine Ausschreitung, wie sie in jedem Krieg vorkommen? Die deutschen Soldaten im rückwärtigen Armeegebiet 532 haben vielleicht gar nichts mitbekommen?

Der Befehl liegt übrigens in keinem russischen, sondern im deutschen Bundesarchiv. Das "Minensuchgerät 42" wurde im September 1942 im Gebiet der Heeresgruppe Mitte bei den Unternehmen "Dreieck" und "Viereck" eingesetzt. Dabei ging es um die Bekämpfung von etwa 4.000 Partisanen im Gebiet um den Eisenbahnknoten Brjansk. Mindestens 1.000 Menschen wurden getötet, die Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, Vorräte und Vieh abtransportiert, 18.596 Personen deportiert.

Ein in der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" gezeigtes sowjetisches Plakat aus dem Jahr 1941 (siehe Foto) illustriert die Gefährlichkeit der Partisanen, die ihre Heimat verteidigten, für die deutschen Eindringlinge. Partisanenkampf wie in vielen anderen Kriegen? Für die Behandlung von Juden gab es Sonderbestimmungen: Sie wurden als "Minensuchgerät 42" eingesetzt. Partisanenkrieg und Judenausrottung hatten nichts mit einander zu tun?

Ein antisemitisches deutsches Plakat mit der Unterschrift "Sie sind schuld daran! Die Juden und ihre Helfershelfer - die Kommunisten!" stammte nicht von der SS oder von den zivilen deutschen Verwaltungsbehörden, sondern von der "sauberen" Wehrmacht.

Der 707. Infanteriedivision oblag von September 1941 bis März 1942 die militärische Sicherung im westlichen Teil Weißrußlands. Ihr Kommandeur Gustav Freiherr von Bechtolsheim schrieb am 19. Oktober 1941 in einem Lagebericht über die Zeit vom 1. bis 15. Oktober: "Die Juden als die geistigen Führer und Träger des Bolschewismus und der kommunistischen Idee sind unsere Todfeinde. Sie sind zu vernichten. ... Es ist um so unverständlicher, dass bei einem Truppenteil, bei dem durch eine Streife 7 Juden erschossen wurden, noch gefragt wird, warum man sie erschossen hat. Wenn in einem Dorfe ein Sabotageakt ausgeführt wurde und man vernichtet sämtliche Juden in diesem Dorfe, so kann man sicher sein, dass man den Täter oder wenigstens den Urheber vernichtet hat. ... Hier gibt es keinen Kompromiss, hier gibt es nur eine ganz klare und eindeutige Lösung und die heißt insbesondere hier im Osten restlose Vernichtung unserer Feinde. Diese Feinde aber sind keine Menschen mehr im europäischen Kultursinn, sondern von Jugend auf zum Verbrecher erzogene und als Verbrecher geschulte Bestien. Bestien aber müssen vernichtet werden.

Es ist notwendig, dass in diesem Zusammenhang gerade an den Aufruf des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht an die Soldaten der Ostfront v. 2. Oktober 1941 hingewiesen wird. Jeder Soldat hat sich dieses Gedankengut zu Eigen zu machen und danach zu handeln und seine Pflicht zu tun."

Saubere Wehrmacht?

Besuchern, die zeitgeschichtlich einigermaßen auf dem Laufenden sind, erzählt die "Wehrmachtausstellung" nichts Neues. Man braucht nicht einmal auf dem laufenden zu sein, um zu wissen, dass die Wehrmacht ungezählte Verbrechen begangen hat. Der Wissensstand von 1965 genügt. Der von 1955 auch. Ganz zu schweigen vom Wissensstand des Jahres 1945. Die Wehrmacht beging Verbrechen gemeinsam mit der SS und jenen Spezialeinheiten für den Massenmord, in deren einer sich ein mittlerweile in der Versenkung verschwundenes prominentes freiheitliches "Urgestein" zwar einen Orden verdient, aber keine Verbrechen begangen hat. Zum Teil auch allein.

So viel und so erfolgreich nachher auch noch geforscht und publiziert und dissertiert und debattiert wurde: Der Wissensstand von 1945 genügt erst recht, um zu wissen, dass die Mehrheit der deutschen Soldaten keine Verbrechen begangen hatte. Der überlebensgroße Hinweis auf diese Tatsache, auf dem Helmut Zilk am Sonntag im Fernsehen so herumritt, erübrigt sich allerdings wegen übergroßer Bekanntheit.

Ein sehr großer Teil der Wehrmachtangehörigen, die schließlich niemand gefragt hatte, ob sie der Wehrmacht angehören wollten (wer einmal die Verhaftung eines Deserteurs miterlebt hatte, wusste Bescheid), hatte auch mit dem Nationalsozialismus nichts am Hut. Ungezählte alte Herren der Generation 70 plus haben kein Wort gegen die Ausstellung gesagt, weil sie ihren Titel nicht als Vorwurf empfinden. In der Wehrmacht waren Millionen Nazis und Millionen Nazigegner, denen bewusst war, dass ein Verbrecher die Wehrmacht zu seinem Instrument gemacht hatte. Betroffen fühlt sich nur, wer genau dies selbst heute noch nicht begriffen hat oder begreifen will.

Trotzdem ist diese Ausstellung von eminenter Wichtigkeit. Nicht zuletzt gerade deshalb, weil sich an ihr die Geister scheiden. Auf die Frage, wie er die politische Lage einschätze, sagte Erich Maria Remarque vor Jahrzehnten, übrigens in Wien: "Die Ratten kommen wieder aus ihren Löchern, man hört sie schon pfeifen!" In den letzten Jahren wurde ein empörendes Maß von Verniedlichung und Entschuldigung des Nationalsozialismus wieder gesellschaftsfähig. Die Ratten - um im Bild Remarques zu bleiben - pfeifen nicht in ihren Löchern, sie schreien wieder auf der Kärntner Straße "Sieg Heil!"

"Sieg Heil!" auf der Kärntner Straße ist übrigens ein klarer Fall von Wiederbetätigung für die verbotene NSDAP und ein Verbrechen nach dem Verbotsgesetz, das strafrechtlich verfolgt werden muss, wenn es zur Kenntnis der Behörde gelangt.

Den in Sechserreihen marschierenden restaurativen Tendenzen tritt die "Wehrmachtausstellung" genau dort entgegen, wo mit den besten Erfolgsaussichten verniedlicht und beschönigt wird. Auschwitz und die Gaskammern leugnet man nur am äußersten rechten Rand, in feineren Milieus geht es um die Frage, ob man etwas gewusst haben musste, was man gewusst haben musste, und wenn schon nicht gewusst, dann wenigstens geahnt. Ob die Wehrmacht "sauber" war, was immer man darunter verstehen mag, ist gleichbedeutend mit der Frage, ob es im Nazistaat saubere Bereiche gab. Klartext: Ob er nicht doch ein Staat war, in dem man sich arrangieren, an den man sich anpassen durfte und der sich halt ein bisserl mehr von dem erlaubte, was zwar nicht schön ist, aber überall vorkommt. Und sofort fällt das Wort My Lai, fällt das Wort Dresden. Und weg ist er, der braune Patzen in der Familiengeschichte.

Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" beweist, dass es im NS-Staat Bereiche, in denen man sich guten Gewissens einrichten und Karriere machen durfte, ohne sich schmutzig zu machen, nicht gab. Auch nicht in der Wehrmacht. Schon gar nicht in der Wehrmacht, denn sie war das zum Glück untaugliche Mittel des Versuchs, Europa einem Wahnsinnigen zu unterwerfen. Unter dem Oberbefehl eines Massenmörders, geführt von einer Generalität, die entweder mit seinen Eroberungsplänen einverstanden war oder sich duckte, konnte die Wehrmacht jedenfalls im Osten, wo ein deklarierter Vernichtungskrieg geführt wurde, unmöglich sauber bleiben.

Daran muss erinnert werden. Und manche Scheußlichkeit, wie zum Beispiel das "Minensuchgerät 42", waren selbst dem zeitgeschichtlich Beschlagenen unbekannt. Mag sein, dass die Ausstellung vor der Überarbeitung zu nassforsch provozierte, einmal abgesehen von den falsch zugeordneten Bildern. Offenbar ist tatsächlich das schiere Thema und die Information Provokation genug. Anderenfalls hätten sich nicht alle, die an die Verbrechen der Wehrmacht nicht erinnert werden wollen, so in diesen Lapsus verbissen. Denn an der grundlegenden Aussage der Ausstellung ändert er ja nicht das geringste.

Zu den erschütterndsten Bildern zählt eine Serie von vier Fotos, entstanden in Dubno, die auf der Rückseite beschriftet sind, "Juden schaufeln selbst ihr Grab (Dubno)" das erste, "Juden warten auf ihre erschiesung (in Dubno)" das zweite, "Juden erschießung in Dubno" das dritte, das feuernde deutsche Soldaten zeigt, und "Die letzte Lebenssekunde der Juden (Dubno)" das vierte (siehe Foto).

Nicht Zuzuordnendes wird als nicht zuordenbar deklariert. Auf einer umfangreichen Fotoserie des deutschen Kriegsberichterstatters Baier schaufelt eine Gruppe von Männern ihr eigenes Grab. Die Schützen dürften einer Nachrichteneinheit angehört haben (einer wurde als Funkmeister identifiziert), unter den Opfern waren Juden, kenntlich an kleinen Judensternen am Revers. Möglicherweise handelt es sich um Fotos einer der beiden Geiselerschießungen von 2.200 Juden im Oktober 1941 in der Umgebung von Belgrad, über die ein Oberleutnant Liepe vom Armee-Nachrichtenregiment 521 eine ausführliche Meldung verfasste. Die Stimmung der Delinquenten war gut, so lange sie glaubten, in ein besseres Lager verlegt zu werden. Bei der Erschießung brachten einige ein Hoch auf Stalin und Rußland aus.

Allein in den Feldpostbriefen, die auf Videogeräten dargeboten werden, könnte man Stunden lesen. Viele beweisen, dass es in der Wehrmacht sehr wohl "anders Denkende", vor allem aber Fühlende, gab. Dem Besucher werden kaum Meinungen oktroyiert. Die Fakten sprechen genug.

Auch die Reaktionen auf die Ausstellung, die Einwände gegen die erste Fassung und das ganze politische Hickhack sind in Lesegeräten gespeichert und können von jedem eingesehen werden. Sehr lehrreich. Aber um so manche unangenehme Frage kommt man nicht herum. Die unangenehmste ist vielleicht die nach den Gründen, warum sich in Deutschland, vor allem in Bayern, ausgerechnet CSU-Politiker gegen die Offenlegung der Wehrmacht-Verbrechen so stark machen mussten. Muss man wirklich bei jeder Gelegenheit beweisen, dass man nicht christlich und konservativ, sondern etwas ganz anderes ist?

Der Kenntnisstand von 1945 genügt, um zu wissen, dass die Wehrmacht, nicht aber die Mehrheit der Soldaten Verbrechen begangen hat.

Da mit Verminung zu rechnen war, ordnete der Kommandeur des rückwärtigen Armeegebietes 532 in seinem Einsatzbefehl vom 23. September 1942 an, das "Minensuchgerät 42" in genügender Zahl bereitzustellen: "Die Einheiten haben sich selbst mit Stricken auszurüsten, um die Juden oder Bandenangehörigen mit langen Halsstricken zu versehen." Das Kürzel "Minensuchgerät 42" bedeutete: Juden, die, mit langen Stricken am Hals "versehen", mit Eggen und Walzen über die Minenfelder getrieben wurden. Die "Minensuchgeräte" (in Gänsefüßchen) hätten der Truppe viel Blut erspart, hieß es hinterher im Gefechtsbericht.

Kein Verbrechen der deutschen Wehrmacht? Eine kleine Ausschreitung, wie sie in jedem Krieg vorkommen? Die deutschen Soldaten im rückwärtigen Armeegebiet 532 haben vielleicht gar nichts mitbekommen?

Der Befehl liegt übrigens in keinem russischen, sondern im deutschen Bundesarchiv. Das "Minensuchgerät 42" wurde im September 1942 im Gebiet der Heeresgruppe Mitte bei den Unternehmen "Dreieck" und "Viereck" eingesetzt. Dabei ging es um die Bekämpfung von etwa 4.000 Partisanen im Gebiet um den Eisenbahnknoten Brjansk. Mindestens 1.000 Menschen wurden getötet, die Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, Vorräte und Vieh abtransportiert, 18.596 Personen deportiert.

Ein in der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" gezeigtes sowjetisches Plakat aus dem Jahr 1941 (siehe Foto) illustriert die Gefährlichkeit der Partisanen, die ihre Heimat verteidigten, für die deutschen Eindringlinge. Partisanenkampf wie in vielen anderen Kriegen? Für die Behandlung von Juden gab es Sonderbestimmungen: Sie wurden als "Minensuchgerät 42" eingesetzt. Partisanenkrieg und Judenausrottung hatten nichts mit einander zu tun?

Ein antisemitisches deutsches Plakat mit der Unterschrift "Sie sind schuld daran! Die Juden und ihre Helfershelfer - die Kommunisten!" stammte nicht von der SS oder von den zivilen deutschen Verwaltungsbehörden, sondern von der "sauberen" Wehrmacht.

Der 707. Infanteriedivision oblag von September 1941 bis März 1942 die militärische Sicherung im westlichen Teil Weißrußlands. Ihr Kommandeur Gustav Freiherr von Bechtolsheim schrieb am 19. Oktober 1941 in einem Lagebericht über die Zeit vom 1. bis 15. Oktober: "Die Juden als die geistigen Führer und Träger des Bolschewismus und der kommunistischen Idee sind unsere Todfeinde. Sie sind zu vernichten. ... Es ist um so unverständlicher, dass bei einem Truppenteil, bei dem durch eine Streife 7 Juden erschossen wurden, noch gefragt wird, warum man sie erschossen hat. Wenn in einem Dorfe ein Sabotageakt ausgeführt wurde und man vernichtet sämtliche Juden in diesem Dorfe, so kann man sicher sein, dass man den Täter oder wenigstens den Urheber vernichtet hat. ... Hier gibt es keinen Kompromiss, hier gibt es nur eine ganz klare und eindeutige Lösung und die heißt insbesondere hier im Osten restlose Vernichtung unserer Feinde. Diese Feinde aber sind keine Menschen mehr im europäischen Kultursinn, sondern von Jugend auf zum Verbrecher erzogene und als Verbrecher geschulte Bestien. Bestien aber müssen vernichtet werden.

Es ist notwendig, dass in diesem Zusammenhang gerade an den Aufruf des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht an die Soldaten der Ostfront v. 2. Oktober 1941 hingewiesen wird. Jeder Soldat hat sich dieses Gedankengut zu Eigen zu machen und danach zu handeln und seine Pflicht zu tun."

Saubere Wehrmacht?

Besuchern, die zeitgeschichtlich einigermaßen auf dem Laufenden sind, erzählt die "Wehrmachtausstellung" nichts Neues. Man braucht nicht einmal auf dem laufenden zu sein, um zu wissen, dass die Wehrmacht ungezählte Verbrechen begangen hat. Der Wissensstand von 1965 genügt. Der von 1955 auch. Ganz zu schweigen vom Wissensstand des Jahres 1945. Die Wehrmacht beging Verbrechen gemeinsam mit der SS und jenen Spezialeinheiten für den Massenmord, in deren einer sich ein mittlerweile in der Versenkung verschwundenes prominentes freiheitliches "Urgestein" zwar einen Orden verdient, aber keine Verbrechen begangen hat. Zum Teil auch allein.

So viel und so erfolgreich nachher auch noch geforscht und publiziert und dissertiert und debattiert wurde: Der Wissensstand von 1945 genügt erst recht, um zu wissen, dass die Mehrheit der deutschen Soldaten keine Verbrechen begangen hatte. Der überlebensgroße Hinweis auf diese Tatsache, auf dem Helmut Zilk am Sonntag im Fernsehen so herumritt, erübrigt sich allerdings wegen übergroßer Bekanntheit.

Ein sehr großer Teil der Wehrmachtangehörigen, die schließlich niemand gefragt hatte, ob sie der Wehrmacht angehören wollten (wer einmal die Verhaftung eines Deserteurs miterlebt hatte, wusste Bescheid), hatte auch mit dem Nationalsozialismus nichts am Hut. Ungezählte alte Herren der Generation 70 plus haben kein Wort gegen die Ausstellung gesagt, weil sie ihren Titel nicht als Vorwurf empfinden. In der Wehrmacht waren Millionen Nazis und Millionen Nazigegner, denen bewusst war, dass ein Verbrecher die Wehrmacht zu seinem Instrument gemacht hatte. Betroffen fühlt sich nur, wer genau dies selbst heute noch nicht begriffen hat oder begreifen will.

Trotzdem ist diese Ausstellung von eminenter Wichtigkeit. Nicht zuletzt gerade deshalb, weil sich an ihr die Geister scheiden. Auf die Frage, wie er die politische Lage einschätze, sagte Erich Maria Remarque vor Jahrzehnten, übrigens in Wien: "Die Ratten kommen wieder aus ihren Löchern, man hört sie schon pfeifen!" In den letzten Jahren wurde ein empörendes Maß von Verniedlichung und Entschuldigung des Nationalsozialismus wieder gesellschaftsfähig. Die Ratten - um im Bild Remarques zu bleiben - pfeifen nicht in ihren Löchern, sie schreien wieder auf der Kärntner Straße "Sieg Heil!"

"Sieg Heil!" auf der Kärntner Straße ist übrigens ein klarer Fall von Wiederbetätigung für die verbotene NSDAP und ein Verbrechen nach dem Verbotsgesetz, das strafrechtlich verfolgt werden muss, wenn es zur Kenntnis der Behörde gelangt.

Den in Sechserreihen marschierenden restaurativen Tendenzen tritt die "Wehrmachtausstellung" genau dort entgegen, wo mit den besten Erfolgsaussichten verniedlicht und beschönigt wird. Auschwitz und die Gaskammern leugnet man nur am äußersten rechten Rand, in feineren Milieus geht es um die Frage, ob man etwas gewusst haben musste, was man gewusst haben musste, und wenn schon nicht gewusst, dann wenigstens geahnt. Ob die Wehrmacht "sauber" war, was immer man darunter verstehen mag, ist gleichbedeutend mit der Frage, ob es im Nazistaat saubere Bereiche gab. Klartext: Ob er nicht doch ein Staat war, in dem man sich arrangieren, an den man sich anpassen durfte und der sich halt ein bisserl mehr von dem erlaubte, was zwar nicht schön ist, aber überall vorkommt. Und sofort fällt das Wort My Lai, fällt das Wort Dresden. Und weg ist er, der braune Patzen in der Familiengeschichte.

Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" beweist, dass es im NS-Staat Bereiche, in denen man sich guten Gewissens einrichten und Karriere machen durfte, ohne sich schmutzig zu machen, nicht gab. Auch nicht in der Wehrmacht. Schon gar nicht in der Wehrmacht, denn sie war das zum Glück untaugliche Mittel des Versuchs, Europa einem Wahnsinnigen zu unterwerfen. Unter dem Oberbefehl eines Massenmörders, geführt von einer Generalität, die entweder mit seinen Eroberungsplänen einverstanden war oder sich duckte, konnte die Wehrmacht jedenfalls im Osten, wo ein deklarierter Vernichtungskrieg geführt wurde, unmöglich sauber bleiben.

Daran muss erinnert werden. Und manche Scheußlichkeit, wie zum Beispiel das "Minensuchgerät 42", waren selbst dem zeitgeschichtlich Beschlagenen unbekannt. Mag sein, dass die Ausstellung vor der Überarbeitung zu nassforsch provozierte, einmal abgesehen von den falsch zugeordneten Bildern. Offenbar ist tatsächlich das schiere Thema und die Information Provokation genug. Anderenfalls hätten sich nicht alle, die an die Verbrechen der Wehrmacht nicht erinnert werden wollen, so in diesen Lapsus verbissen. Denn an der grundlegenden Aussage der Ausstellung ändert er ja nicht das geringste.

Zu den erschütterndsten Bildern zählt eine Serie von vier Fotos, entstanden in Dubno, die auf der Rückseite beschriftet sind, "Juden schaufeln selbst ihr Grab (Dubno)" das erste, "Juden warten auf ihre erschiesung (in Dubno)" das zweite, "Juden erschießung in Dubno" das dritte, das feuernde deutsche Soldaten zeigt, und "Die letzte Lebenssekunde der Juden (Dubno)" das vierte (siehe Foto).

Nicht Zuzuordnendes wird als nicht zuordenbar deklariert. Auf einer umfangreichen Fotoserie des deutschen Kriegsberichterstatters Baier schaufelt eine Gruppe von Männern ihr eigenes Grab. Die Schützen dürften einer Nachrichteneinheit angehört haben (einer wurde als Funkmeister identifiziert), unter den Opfern waren Juden, kenntlich an kleinen Judensternen am Revers. Möglicherweise handelt es sich um Fotos einer der beiden Geiselerschießungen von 2.200 Juden im Oktober 1941 in der Umgebung von Belgrad, über die ein Oberleutnant Liepe vom Armee-Nachrichtenregiment 521 eine ausführliche Meldung verfasste. Die Stimmung der Delinquenten war gut, so lange sie glaubten, in ein besseres Lager verlegt zu werden. Bei der Erschießung brachten einige ein Hoch auf Stalin und Rußland aus.

Allein in den Feldpostbriefen, die auf Videogeräten dargeboten werden, könnte man Stunden lesen. Viele beweisen, dass es in der Wehrmacht sehr wohl "anders Denkende", vor allem aber Fühlende, gab. Dem Besucher werden kaum Meinungen oktroyiert. Die Fakten sprechen genug.

Auch die Reaktionen auf die Ausstellung, die Einwände gegen die erste Fassung und das ganze politische Hickhack sind in Lesegeräten gespeichert und können von jedem eingesehen werden. Sehr lehrreich. Aber um so manche unangenehme Frage kommt man nicht herum. Die unangenehmste ist vielleicht die nach den Gründen, warum sich in Deutschland, vor allem in Bayern, ausgerechnet CSU-Politiker gegen die Offenlegung der Wehrmacht-Verbrechen so stark machen mussten. Muss man wirklich bei jeder Gelegenheit beweisen, dass man nicht christlich und konservativ, sondern etwas ganz anderes ist?