Essex Vietnam Flüchtlinge - © Foto: APA / AFP / Nhac Nguyen
International

Tödliche Routen

1945 1960 1980 2000 2020

Der Fund von 39 Leichen in einem Kühl-LKW in Essex zeigt, dass die Aufrüstung der Sicherheitsmaßnahmen an den Grenzen auch am Ärmelkanal fatale Folgen hat.

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Der Fund von 39 Leichen in einem Kühl-LKW in Essex zeigt, dass die Aufrüstung der Sicherheitsmaßnahmen an den Grenzen auch am Ärmelkanal fatale Folgen hat.

Die Umstände liegen noch im Dunkeln, unter denen 39 Migranten Mitte letzter Woche in einem Kühllaster auf dem Weg nach Großbritannien ums Leben kamen. Welche Route der LKW zurücklegte, ist ebensowenig bekannt wie das Netzwerk, das wohl dahintersteckt. Gleiches gilt für die Rolle der beiden festgenommenen Fahrer. Einer von ihnen, der den Container im englischen Hafen Purfleet abholte, wird des unfreiwilligen Totschlags in 39 Fällen beschuldigt, zudem des Menschenschmuggels, der Hilfe zur illegalen Immigration sowie der Geldwäsche. Am Montag wurde seine Untersuchungshaft bis Ende November verlängert.

Viel erwarten sich die Behörden von der Befragung des zweiten Mannes, der Ende der Woche verhaftet wurde, als er mit einer Fähre aus Frankreich in Irland ankam. Er ist derjenige, der den Container im belgischen Hafen Zeebrugge absetzte. Die Hafenleitung geht davon aus, dass die acht Frauen und 31 Männer nicht erst in Zeebrugge an Bord gelangten. LKW-Fahrer vor Ort bestätigen gegenüber belgischen Medien, dass dies angesichts des logistischen Aufwands unwahrscheinlich sei.

Die Auswertung von Tachograf und GPS- System seines Fahrzeugs soll Aufschluss über die Route geben und womöglich den Ort enthüllen, an dem die Migranten in den Container stiegen. Auch dies könnte in Belgien geschehen sein. Drei andere Verdächtige, die kurz nach dem Fund der Leichen am 22. Oktober verhaftet worden waren, wurden am Wochenende gegen Kaution vorübergehend freigelassen. Beide verdächtigen Fahrer stammen aus Nordirland.

Vietnam nach Europa

Bewegung kommt dagegen in die Frage nach den Herkunftsländern der Opfer: Hieß es zunächst, es handele sich um Chinesen, sollen sich nach BBC-Angaben zumindest drei Vietnamesen darunter befinden, und es gibt Anzeichen, dass es deutlich mehr sein könnten. Sowohl in England als auch in Belgien hat in den letzten Jahren die Ausbeutung vietnamesischer Arbeiterinnen und Arbeiter drastisch zugenommen.

Wenige Tage, nachdem die Opfer auf einem Industriegelände in Grays östlich von London entdeckt worden waren, veröffentlichte die vietnamesische NGO Human Rights Space Screenshots einer SMS-Konversation einer jungen Frau mit ihrer Mutter. Darin schreibt die 26-Jährige: „Mein Weg ins Ausland ist nicht gelungen“, und „Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann.“ Verschickt wurden sie am Abend des 22. Oktober, zwei Stunden vor Ankunft des Containers im Hafen von Purfleet in der Grafschaft Essex.

Seither gibt es weitere Berichte über Familien in Vietnam, allesamt aus derselben Provinz, die ihre nach Europa migrierten Kinder vermissen. Der öffentlich-rechtliche belgische Rundfunksender VRT zitiert Jan Segers, den Vorsitzenden der belgisch-luxemburgischen Industrie- und Handelskammer in Vietnam: „Zur Zeit gibt es 34 vermisste Vietnamesen, die die Reise nach Europa gemacht haben.“ In Vietnam, so Segers, gehe man auch davon aus, dass der Kühl- Container Teil eines Konvois aus drei LKW gewesen sein könnte. Die britische Polizei hat inzwischen Dokumente nach Vietnam geschickt, um die Identifikation der Opfer voranzutreiben.

Die belgische Tageszeitung De Morgen vergleicht den Fall mit Menschenschmuggel-Aktivitäten chinesischer Mafia – vor allem mit dem Fund von 58 Leichen in einem Tomatentransporter im Juni 2000 im Hafen von Dover. Damals handelte es sich bei den Opfern tatsächlich um Chinesen. Abfahrtshafen war ebenfalls Zeebrugge. 1993 lief der in Bangkok gestartete Frachter Golden Venture vor New York auf Grund. Beim Versuch, die Küste zu erreichen, starben zehn der auf dem Schiff versteckten Migranten.

In Belgien werden nun auch Erinnerungen an den Sommer 2014 wach. Damals gab es im Hafen von Tilbury, gut zehn Kilometer östlich von Purfleet, einen Todesfall: Einer von 35 afghanischen Sikhs, die in einem aus Zeebrugge kommenden Container versteckt waren, konnte nur noch tot geborgen werden. Auch damals betonten belgische Behörden, die Menschen müssten sich schon bei der Ankunft in Zeebrugge in den Containern befunden haben.

Globale Netzwerke

Bei einer ersten Sitzung vor dem Gerichtshof in Chelmsford sprach der Ankläger am Montag von einem „weltweiten Schmuggel-Ring“, der „zahlreiche illegale Immigranten ins Vereinigte Königreich“ gebracht habe. Dass der Container nach Purfleet verschifft wurde, passt zum Befund der britischen National Crime Agency (NCA), wonach beim Menschenschmuggel zunehmend kleine Häfen eine Rolle spielen, wie eben Purfleet und Tilbury.

Was die Situation auf dem Kontinent betrifft, so bestätigt der aktuelle Fall einmal mehr, dass sich der Seehafen von Brügge, ein unübersichtliches Terrain zwischen Strandviertel und dem Rest des Städtchens, in den letzten Jahren zu einer Drehscheibe der klandestinen Kanal-Überquerung entwickelt hat. Dies gilt für organisierten Menschenschmuggel ebenso wie die in Belgien „Transmigranten“ genannten Geflüchteten, die unbemerkt probieren, herüber nach England zu kommen. Dass sich beide Phänomene überlagern, ist umso offensichtlicher, je mehr die Sicherheitsbedingungen in Häfen und an der Küs­te verschärft werden. Kommerzielle Hilfe muss dabei nicht bedeuten, dass gewissenlose Mafiosi Menschen in Kühlcontainern ihrem Schicksal überlassen. Aber auch sie profitieren von einem Trend, der sich zuletzt deutlich abzeichnete: Wo die Chancen einer individuellen versteckten Überfahrt sinken, gibt es mehr riskantere, organisierte Methoden, wie die NCA bestätigt.

Die Umstände liegen noch im Dunkeln, unter denen 39 Migranten Mitte letzter Woche in einem Kühllaster auf dem Weg nach Großbritannien ums Leben kamen. Welche Route der LKW zurücklegte, ist ebensowenig bekannt wie das Netzwerk, das wohl dahintersteckt. Gleiches gilt für die Rolle der beiden festgenommenen Fahrer. Einer von ihnen, der den Container im englischen Hafen Purfleet abholte, wird des unfreiwilligen Totschlags in 39 Fällen beschuldigt, zudem des Menschenschmuggels, der Hilfe zur illegalen Immigration sowie der Geldwäsche. Am Montag wurde seine Untersuchungshaft bis Ende November verlängert.

Viel erwarten sich die Behörden von der Befragung des zweiten Mannes, der Ende der Woche verhaftet wurde, als er mit einer Fähre aus Frankreich in Irland ankam. Er ist derjenige, der den Container im belgischen Hafen Zeebrugge absetzte. Die Hafenleitung geht davon aus, dass die acht Frauen und 31 Männer nicht erst in Zeebrugge an Bord gelangten. LKW-Fahrer vor Ort bestätigen gegenüber belgischen Medien, dass dies angesichts des logistischen Aufwands unwahrscheinlich sei.

Die Auswertung von Tachograf und GPS- System seines Fahrzeugs soll Aufschluss über die Route geben und womöglich den Ort enthüllen, an dem die Migranten in den Container stiegen. Auch dies könnte in Belgien geschehen sein. Drei andere Verdächtige, die kurz nach dem Fund der Leichen am 22. Oktober verhaftet worden waren, wurden am Wochenende gegen Kaution vorübergehend freigelassen. Beide verdächtigen Fahrer stammen aus Nordirland.

Vietnam nach Europa

Bewegung kommt dagegen in die Frage nach den Herkunftsländern der Opfer: Hieß es zunächst, es handele sich um Chinesen, sollen sich nach BBC-Angaben zumindest drei Vietnamesen darunter befinden, und es gibt Anzeichen, dass es deutlich mehr sein könnten. Sowohl in England als auch in Belgien hat in den letzten Jahren die Ausbeutung vietnamesischer Arbeiterinnen und Arbeiter drastisch zugenommen.

Wenige Tage, nachdem die Opfer auf einem Industriegelände in Grays östlich von London entdeckt worden waren, veröffentlichte die vietnamesische NGO Human Rights Space Screenshots einer SMS-Konversation einer jungen Frau mit ihrer Mutter. Darin schreibt die 26-Jährige: „Mein Weg ins Ausland ist nicht gelungen“, und „Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann.“ Verschickt wurden sie am Abend des 22. Oktober, zwei Stunden vor Ankunft des Containers im Hafen von Purfleet in der Grafschaft Essex.

Seither gibt es weitere Berichte über Familien in Vietnam, allesamt aus derselben Provinz, die ihre nach Europa migrierten Kinder vermissen. Der öffentlich-rechtliche belgische Rundfunksender VRT zitiert Jan Segers, den Vorsitzenden der belgisch-luxemburgischen Industrie- und Handelskammer in Vietnam: „Zur Zeit gibt es 34 vermisste Vietnamesen, die die Reise nach Europa gemacht haben.“ In Vietnam, so Segers, gehe man auch davon aus, dass der Kühl- Container Teil eines Konvois aus drei LKW gewesen sein könnte. Die britische Polizei hat inzwischen Dokumente nach Vietnam geschickt, um die Identifikation der Opfer voranzutreiben.

Die belgische Tageszeitung De Morgen vergleicht den Fall mit Menschenschmuggel-Aktivitäten chinesischer Mafia – vor allem mit dem Fund von 58 Leichen in einem Tomatentransporter im Juni 2000 im Hafen von Dover. Damals handelte es sich bei den Opfern tatsächlich um Chinesen. Abfahrtshafen war ebenfalls Zeebrugge. 1993 lief der in Bangkok gestartete Frachter Golden Venture vor New York auf Grund. Beim Versuch, die Küste zu erreichen, starben zehn der auf dem Schiff versteckten Migranten.

In Belgien werden nun auch Erinnerungen an den Sommer 2014 wach. Damals gab es im Hafen von Tilbury, gut zehn Kilometer östlich von Purfleet, einen Todesfall: Einer von 35 afghanischen Sikhs, die in einem aus Zeebrugge kommenden Container versteckt waren, konnte nur noch tot geborgen werden. Auch damals betonten belgische Behörden, die Menschen müssten sich schon bei der Ankunft in Zeebrugge in den Containern befunden haben.

Globale Netzwerke

Bei einer ersten Sitzung vor dem Gerichtshof in Chelmsford sprach der Ankläger am Montag von einem „weltweiten Schmuggel-Ring“, der „zahlreiche illegale Immigranten ins Vereinigte Königreich“ gebracht habe. Dass der Container nach Purfleet verschifft wurde, passt zum Befund der britischen National Crime Agency (NCA), wonach beim Menschenschmuggel zunehmend kleine Häfen eine Rolle spielen, wie eben Purfleet und Tilbury.

Was die Situation auf dem Kontinent betrifft, so bestätigt der aktuelle Fall einmal mehr, dass sich der Seehafen von Brügge, ein unübersichtliches Terrain zwischen Strandviertel und dem Rest des Städtchens, in den letzten Jahren zu einer Drehscheibe der klandestinen Kanal-Überquerung entwickelt hat. Dies gilt für organisierten Menschenschmuggel ebenso wie die in Belgien „Transmigranten“ genannten Geflüchteten, die unbemerkt probieren, herüber nach England zu kommen. Dass sich beide Phänomene überlagern, ist umso offensichtlicher, je mehr die Sicherheitsbedingungen in Häfen und an der Küs­te verschärft werden. Kommerzielle Hilfe muss dabei nicht bedeuten, dass gewissenlose Mafiosi Menschen in Kühlcontainern ihrem Schicksal überlassen. Aber auch sie profitieren von einem Trend, der sich zuletzt deutlich abzeichnete: Wo die Chancen einer individuellen versteckten Überfahrt sinken, gibt es mehr riskantere, organisierte Methoden, wie die NCA bestätigt.

Kurz vor ihrem Tod schrieb eine 26-Jährige an ihre Mutter ein SMS aus dem LKW: ‚Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann.‘

Festnahmen und Tote

2018 wurden laut belgischem Innenministerium 2603 Personen festgenommen, die in den Hafen von Zeebrugge eingedrungen waren. 2019 waren es bis Ende August 1779. Die unscheinbare Kleinstadt nahe der niederländischen Grenze ist indes nur einer der relevanten Orte in Belgien. Allen Befürchtungen belgischer Politiker zum Trotz gab es dort nie feste Niederlassungen wie in Calais. Trucker in Zeebrugge bestätigten schon vor Jahren, dass sich das Geschehen zunehmend an mehrere Autobahnrastplätze im Landesinneren verlagert. Dabei war selbst von einem stark frequentierten Parkplatz in Luxemburg die Rede. Seit es auf belgischen Raststätten zu mehreren Todesfällen kam, wurden manche vorübergehend gesperrt und andere mit Sicherheitspersonal bewacht.

Die Meldungen vom letzten Wochenende vermitteln einen Eindruck von der geo­grafischen Dimension: So wurden nicht nur zehn irakische „Transmigranten“ festgenommen, die ein LKW-Fahrer kurz vor Zeebrugge in seiner Fracht bemerkte, sondern auch elf aus Eritrea stammende bei Sint-Truiden, immerhin knapp 200 Kilometer von der Küste entfernt. Die britische Grenzpolizei befreite derweil im Hafen von Calais am Sonntag morgen zehn Menschen aus einem Kühl-Laster.

Immer härteres Vorgehen

Hinter dieser Entwicklung steht nicht zuletzt das immer drastischere Vorgehen der französischen Behörden gegen die klandestinen England- Fahrer. Ein Teil der Szenerie hat sich in den letzten Jahren aus der Region Calais, knapp 130 Kilometer entfernt, die Küste entlang verlagert – nördlich nach Belgien und teilweise bis in die Niederlande, wo in Hoek van Holland bei Rotterdam vor allem Albaner versuchen an Bord zu gelangen. Südlich betrifft es normannische Häfen wie Dieppe und Cherbourg, aber auch das spanische Bilbao. Dieser Prozess begann bereits im Vorfeld der Räumung des „Jungle“ genannten inoffiziellen Flüchtlingscamps 2016.

Seither ist es in Calais und im etwas nördlich gelegenen Dunkerque zwar ruhiger geworden, doch zum Erliegen gekommen ist das Geschehen keineswegs. Die Behörden sind vor allem darauf bedacht, Migranten aus dem Stadtbild zu entfernen und keine neuen Ansiedlungen entstehen zu lassen. Erst letzte Woche wurde ein Wäldchen bei Calais geräumt, wo sich vor allem Geflüchtete aus Sudan und Iran aufhielten.

Seit Ende 2018 gibt es im Küstenabschnitt zwischen Dunkerque und Boulogne-sur-Mer einen weiteren, äußerst gefährlichen Trend: Überfahrten mit kleinen, oft aufblasbaren Booten. Ein erster Höhepunkt entsprechender Versuche lag in den letzten Weihnachtsferien, ein weiterer im Hochsommer. Dass zu diesen Perioden zahlreiche Boote am selben Tag aufbrachen, deutet auf ein abgestimmtes Vorgehen hin, zumal die Logistik ohne kommerzielle Hilfe nicht zu leisten ist. Zunehmend versuchen jedoch Verzweifelte in Eigenregie per Boot nach England zu kommen. In diesem Jahr gab es die ersten Todesfälle.

Fluchtrouten und Herkunftsländer - © Grafik: Rainer Messerklinger (Quelle: Frontex)
© Grafik: Rainer Messerklinger (Quelle: Frontex)
Brennpunkt Türkei-Syrien

Der brüchige Pakt gegen die Flüchtlinge

Wer wissen möchte, warum Menschen verzweifelt versuchen, nach Europa zu gelangen, muss nur einen Blick über die EU-Grenze Richtung Türkei werfen. Dort leben mehr als drei Millionen syrische Flüchtlinge in Zeltlagern, exakte Zahlen fehlen (seit Jahren). Einige Zahlen aber lässt die türkische Zensur dann doch durch. Das Innenministerium gab heuer bekannt, 320.000 Menschen seien freiwillig nach Syrien zurückgekehrt.

Und es scheint so zu sein, nur ein wenig anders. Wenn es den türkischen Behörden nämlich gefällt, dann verhaften sie die Geflüchteten auf offener Straße und transportieren sie in Handschellen in den syrischen Krieg zurück, etwa nach Idlib/Syrien.

Eine Zeugenaussage unter vielen, die von Human Rights Watch veröffentlicht wurde: „Ich wurde mit etwa 35 Syrern in einem großen Bus abgeschoben. Sie fesselten uns mit Handschellen und die Fahrt nach Bab al-Hawa (Grenzübergang) dauerte 21 Stunden. Sie schlugen einige der Männer im Bus mit Knüppeln, als diese auf Toilette gehen wollten oder um Wasser baten. Wir haben alle immer wieder miteinander gesprochen und wir alle haben gesagt, dass wir abgeschoben werden. Keiner wollte nach Syrien zurück.“

Zur Erinnerung. Die EU zahlt der türkischen Regierung im Rahmen eines Abkommens seit 2017 bis zu drei Milliarden Euro pro Jahr, um sich von der Verpflichtung loszukaufen, selbst die Millionen nach Maßgabe der Genfer Konvention aufzunehmen und unterbringen zu müssen. Von einer Zurückschiebung in den Krieg, Gewaltanwendung, Erpressung und Nötigung steht dort nichts, sondern von Rechtstaatlichkeit, die die Lage der syrischen Kriegsopfer so erträglich wie möglich machen und die Rückübernahme der Menschen ermöglichen soll, die trotzdem versuchen, über den Seeweg nach Griechenland zu gelangen. Es war ein Deal, den die deutsche Kanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan auf den Weg brachte und der damit entscheidend zum Abebben der Migrationswelle nach Mittel- und Westeuropa über die Balkanroute beitrug. Aber die Kehrseite des Abkommens bekam Europa immer wieder aus direkten und indirekten politischen Erpressungsversuchen zu spüren.

Zuletzt auch wieder, als die türkische Regierung im Zug ihrer Invasion in Nordsyrien damit drohte, die Flüchtlinge nach Europa zu lassen. Sofort ließen sich Staatsführer wie der Ungar Viktor Orbán dazu bewegen, schärfere Sanktionen der EU gegen die Türkei zu blockieren. Nun aber droht laut den Flüchtlingsexperten von Human Rights Watch und UN ein neues Flüchtlingsdrama. Es betrifft zunächst jene mindestens 300.000 Menschen, die aus Nordsyrien vor den türkischen Truppen und ihren mutmaßlich islamistischen Söldnertrupps fliehen. Und auf der anderen Seite jene Flüchtlinge, die aus den Lagern in der Türkei nach Syrien getrieben werden, um dort – ja, was eigentlich zu tun? Erdoğan sprach davon, Menschen eine neue Heimat in Sicherheit zu geben. Die Leiterin der HRW-Krisenabteilung Lama Fakih bringt es auf den Punkt: „Diese Sicherheitszone wäre alles andere, nur keine Sicherheitszone“. (tan)