Digital In Arbeit

Nahsehen ist "in"

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Lokale Fernsehkanäle schießen aus dem Boden und erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Der neueste Trend: Bürger greifen selbst zur Videokamera.

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Lokale Fernsehkanäle schießen aus dem Boden und erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Der neueste Trend: Bürger greifen selbst zur Videokamera.

Über den Bildschirm flimmern die neuesten Nachrichten aus dem Bezirk: Kleine Ereignisse, Feste, Umzüge aus der Nachbarschaft, werden zum Medienereignis, oft gibt es auch schon Informationsblöcke von Gemeinde- und Stadtverwaltungen sowie Wahldiskussionen und Talkshows. Die Rede ist vom lokalen Fernsehen. Diese Art der Berichterstattung gewinnt in der medialen Globalisierung stark an Bedeutung: Die Menschen interessiert es viel mehr, was unmittelbar vor ihrer Haustüre passiert, als Neues aus dem fernen Indien zu erfahren. Ein regelrechter Boom an privaten Klein- und Kleinststationen, die ihre Programme allesamt im Kabel ausstrahlen, ist die Folge.

Was in den USA und in Deutschland schon voll im Gange ist, entsteht langsam auch in Österreich: Das von Bürgern gestaltete TV-Programm. "Offene Kanäle" nennt man diese Sender; sie ermöglichen jedem Bürger, eigene Beiträge zu gestalten und diese auch zu senden - und zwar zum Nulltarif. Der Hobbyfilmer liefert dabei nur einen fertigen Beitrag auf Band ab, und los geht's. In Deutschland gibt es derzeit um die 70 Offene Kanäle. "Das erste Programm ging bereits 1984 in Ludwigshafen auf Sendung", sagt Hans-Uwe Daumann von der Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter (LPR) in Rheinland-Pfalz. Die LPR ist ein Dachverband für die Bürgersender. Allein in Rheinland-Pfalz sind heute 26 solcher Stationen auf Sendung. Und es werden immer mehr, Daumann: "Wir haben sogar ein Dorf, das bloß 140 Einwohner hat, und das einen eigenen Dorfsender betreibt".

Von Laa bis Alt-Erlaa Eingespeist werden die Programme in die lokalen Kabelnetze, deren Betreiber in Deutschland gesetzlich dazu verpflichtet sind, einen Kanal für lokale Sender kostenfrei offen zu halten, wenn sie mehr als 5.000 Kabelkunden haben. Die Sender sind meist in Vereinsträgerschaft organisiert und werden von Fernseh-Laien und Halbprofis, die ehrenamtlich arbeiten, gestaltet. Daumann: "Der technische Standard einer professionellen Anstalt wird wegen des fehlenden Budgets und Know-hows natürlich nicht erreicht. Dennoch akzeptieren die meisten Zuseher, daß Laien Fernsehen machen, weil es sich um lokale Inhalte handelt. Außerdem kennt sie ja die Leute aus dem Dorf, die sie jetzt nicht nur beim Fleischer treffen, sondern auch im Fernsehen."

Besonders aktive Videofilmer haben in offenen Kanälen die Möglichkeit, alles, vom eigenen Reisefilm bis zur örtlichen Theateraufführung, vom Geschehen im Schachverein bis zum Autowasch-Weltrekordversuch, zu zeigen. Zensur gibt es nicht. Die Verantwortlichkeit für den Sendungsinhalt trägt der jeweilige Gestalter. Lediglich Pornographie und Gewaltverherrlichung sind untersagt.

Wer interessiert sich aber für den Schachverein? "Die Einschaltquoten der offenen Kanäle sind sehr schwer festzustellen. Erhebungen kennen wir nur aus Umfragen, und die besagen, daß lokale Sender oft größere Marktanteile halten, als die großen TV-Stationen. Natürlich ist das nicht zu vergleichen, aber es zeigt, daß lokales, ,hausgemachtes' Programm gern und häufig gesehen wird", erzählt Daumann.

Fragen und Zukunftsperspektiven der Offenen Kanäle wurden jüngst in einem Workshop an der Politischen Akademie in Wien erörtert. Denn in Österreich gibt es zwar seit dem Kabel-TV-Gesetz 1996 einige lokale Sender in den Kabelnetzen, wovon allerdings nur wenige den Sehern die Möglichkeit bieten, selbst Programm zu machen.

In Laa/Thaya gibt es seit einigen Jahren das "Bürger TV Laa". Betreiber Christian Ribisch hat das Kabelnetz selbst aufgebaut: "Wir starteten 1987 ein Kabel-TV-Netz in Laa und hatten damals nur zwei Teilnehmer. Mittlerweile haben wir 1.350 angeschlossene Haushalte." Ribisch führt den starken Zuwachs auf den von ihm betriebenen offenen Kanal zurück. "In Laa hatten die meisten Bewohner eine Sat-Schüssel am Dach. Als unser ,Bürger TV Laa' startete, stiegen immer mehr Bürger von der Sat-Anlage aufs Kabel um; jeder wollte wissen, was in Laa los ist. Wir haben die Neuigkeiten mit unserem Programm geliefert; und das gab es eben nur im Kabel", freut sich Ribisch. "Bürger TV Laa" sendet unter der Woche ein siebenminütiges Programm in Schleife, und das rund um die Uhr. Am Wochenende gibt es ein halbstündiges Programm mit Videobeiträgen von engagierten Filmern aus der Bevölkerung. Der Erfolg ließ Ribisch zwei weitere Kanäle gründen.

Die Gemeinde selbst betreibt nun einen Infosender, und ein "Gastronomie Kanal" soll speziell die Jugend erreichen. Ribisch montierte in In-Lokalen und Bars TV-Geräte. Inhalt der (stummen) Sendungen sind Informationen zu Konzerten und Veranstaltungen, gemischt mit einem Modekanal und besonderen Angeboten der Wirte.

Ein in Österreich einzigartiges Projekt kommt aus dem Süden Wiens. Im Wohnpark Alterlaa ist seit Sommer 1997 das "Wohnpark TV" (WPTV) auf Sendung. Dabei dreht sich alles um den gigantischen Wohnkomplex, in dem in über 3.000 Wohnungen etwa 10.000 Menschen leben. "Es gibt Geschäfte, Banken, Klubs und Schulen auf unserem Areal. Warum soll es dann nicht einen Fernsehsender geben", fragt Wohnpark-TV-Chef Heinz Sack. Ausgestattet ist WPTV mit neuester Digital-Technik, das Kabelnetz und die Sendeanlagen stellt die Telekabel Wien zur Verfügung. Sack: "Jeder bei uns im Wohnpark kann Beiträge gestalten und senden. Unser Motto ist: Fernsehen ist out, Nahsehen ist in."

Der Sender hat kein Personal, alles läuft ferngesteuert und digital, und das 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Jederzeit können neue Beiträge hinzugefügt werden. WPTV ist in Alterlaa sehr beliebt - nicht nur bei den Sehern. Auch die Werbewirtschaft hat das Potential entdeckt und sichert so den Fortbestand des ehrgeizigen Projektes. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht: Das Jugendzentrum in Alterlaa hat etwa die Aktion "Kids on Screen" ins Leben gerufen. Kinder und Jugendliche aus dem Wohnpark machen ihre eigenen Sendungen, können medial experimentieren. "Das ist eine medienpädagogische Arbeitsweise. Wir erfüllen wichtige soziale Funktionen, bringen Menschen zusammen und zeigen ihre unmittelbare Lebensumgebung."

Sonntagsmesse live Nicht nur die Jugend von Alterlaa gestaltet Programm: Auch die Sonntagsmesse aus der Kirche im Wohnpark wird in jede Wohnung "live" (!) übertragen. Personal ist auch dabei keines vonnöten. Die fünf fix montierten Kameras werden nämlich per Mikrofonanlage gesteuert und zeigen immer gerade das, was passiert. Nachdem der Chor gesungen hat, wechselt die Kamera automatisch zurück auf den Pfarrer, der nun mit der Predigt beginnt. "Die Messe in Alterlaa wird seit der TV-Übertragung von einem Drittel mehr Menschen besucht. Hinzu kommen noch all die ungezählten Fernsehzuschauer", freut sich Sack.

Auch in Österreich zeichnet ab: Je kleiner die große Welt wird, desto mehr steigt das Interesse am Lokalen. Wenn dann die Bürger ihr Programm auch noch selbst machen, ist das meist ein Publikumsrenner.

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