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Grüne, wie habt ihr ’s mit der Religion?

Die Bestellung des Caritas-Generalsekretärs Stefan Wallner (Bild) zum Bundesgeschäftsführer der Grünen hat – wieder einmal – grün-katholische Phantasien beflügelt. – Eine Widerrede.

Es erstaunt immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit Anhänger der Grünen sich als Vertreter christlicher und humanistischer Werte ausgeben. Schaut man sich die konkreten Äußerungen grüner PolitikerInnen an, drängt sich eher das Gegenteil auf: Wer in Zeiten von Wirtschaftskrise und grassierender Massenarbeitslosigkeit gouvernantenhaft Rauchverbote fordert, ist an Zynismus und Realitätsferne kaum mehr zu überbieten. Noch bizarrer wird das Ganze, wenn Stefan Wallner, der drei Jahre lang von der ÖVP-Julius-Raab-Stiftung ausgebildet wurde, wider besseres Wissen die Christdemokratie mit dem Totschlagvokabel „soziale Kälte“ bedenkt. Nach seinen Lehr- und Wanderjahren in der Raab-Stiftung sollte Wallner wissen, dass die Werte der Personalität, Solidarität und Subsidiarität verbindliche Richtschnur des politischen Handelns jedes christdemokratischen Politikers sind. Das faszinierende Alleinstellungsmerkmal der Christdemokratie war seit jeher, dass sie „das Soziale und das Markwirtschaftliche als untrennbare Einheit denkt“ (Maria Schaumayer). Da ich Wallner keine bewusste Täuschung unterstellen möchte, glaube ich, dass sein Handeln und Fehlurteil schlicht auf Unwissen und einem Irrtum beruht. Dieser Irrtum ist in Teilen der „sozialpädagogischen Intelligenz“ (Robert Kurz) von NGO-Vertretern, Sozialarbeitern, Lehrern und Teilen der Meinungsmacher mit ihrer „Fernemoral“ (Arnold Gehlen) weit verbreitet und fußt auf der systematischen Verwechslung und Gleichsetzung von „Sozialreligion“ (Helmut Schelsky) und den Dogmen des christlichen Glaubens.

Gnostische Irrlehre

Die gnostische Irrlehre der Sozialreligion wurde im Fahrwasser des Zweiten Vatikanums in weiten Teilen der Kirche popularisiert und hat so die Entchristlichung der Kirche beschleunigt. Folgende Prämissen kennzeichnen die Anhänger der Sozialreligion: Sie fordern die soziale Gerechtigkeit auf Erden und betrachten die Wirklichkeit als verdorben und böse, weshalb diese mittels Sozialtechniken verbessert und therapiert werden müsse. Das Böse und Ungerechte der Welt sehen die Anhänger der Sozialreligion in der ungerechten Verteilung von Eigentum und Einkommen sowie in strukturellen Diskriminierungen. Religion sei dazu da, die irdischen Probleme zu lösen. Demgegenüber verkündet und will der christliche Glaube diametral anderes: Für den Gläubigen geht es um die Gerechtigkeit vor Gott mit dem Endziel unserer Erlösung. Die Wirklichkeit ist für den Christen gut, nur in ihrer Endlichkeit böse. Das Böse liegt in der Trennung der Menschen vom Gott, also in der Erbsünde, weshalb der Mensch sich nicht selbst erlösen kann. Erst die Erlösung im Glauben macht uns gerecht vor Gott. Menschen sind fehlbare Mangelwesen und können in der Politik nur versuchen, das Menschenmögliche, nicht aber das Paradies auf Erden zu schaffen, weshalb auch praktizierende Christen für die Trennung von Kirche und Staat eintreten und sich bei ihren politischen Entscheidungen auf ihr persönliches Gewissen berufen können. Diese Unterscheidungen finden ihre Entsprechung auch im Habitus der Christdemokraten, die in ihrer Amtsausübung meist demütig und bescheiden auftreten, während Grüne immer wieder mit dem Impetus der Selbstgerechtigkeit und Unfehlbarkeit verstören.

Die ÖVP hat schließlich ihre bittere Lektion aus der Geschichte gelernt. Im Unterschied zum politischen Katholizismus der Zwischenkriegszeit will die ÖVP keine organisatorische Verschränkung mit der Kirche mehr. Als säkulare Partei mit christlichem Menschenbild ist Religion aber moralischer Impuls für das politische Handeln des einzelnen Funktionärs und Mandatars. Die Grünen sind hingegen noch geschichtsvergessen. Der unfassbare Tabubruch von Alev Korun, die demokratisch gewählte Innenministerin Maria Fekter indirekt mit dem Diktator und Kriegsverbrecher Adolf Hitler zu vergleichen, zeugt von einem jakobinischen Amtsverständnis, das für das Endziel soziale Gerechtigkeit auch vor Tugendterror nicht zurückschreckt (Korun hat sich auf Aufforderung Fekters dafür entschuldigt; Anm.). Um diese verbalen Entgleisungen besser zu verstehen, ist es sinnvoll, die dahinterstehende Logik der Sozialreligion kurz zu erklären.

Sozialisierung & Pädagogisierung

Der geistige Ahnvater der Grünen und Sozialreligionsanhänger, Jean-Jacques Rousseau, hat die Problematisierung und Abschaffung des Naturrechts zugunsten des menschlichen Willens als Letztinstanz propagiert. Die unverrückbaren Grundbestimmungen der „conditio humana“ wollte er durch den menschlichen Willen ersetzen und überwinden. Sozialisierung, Pädagogisierung und die permanente Sorge um das Ich lösen die Prädispositionen der Gattung Mensch ab. Sozialisierung ersetzt die Natur des Menschen; Identitäten, geschlechtliche Orientierung und die Menschenrechte sind nicht von Gott und der Natur vorherbestimmt, sondern vom Menschen gemacht und von ihm alleine zu verantworten. Rousseau glaubte, dass alles, was gesellschaftlich bedingt ist, auch wieder von der Gesellschaft geheilt werden kann. Daher kommt die Tendenz der Grünen, jede Person als Opfer der Gesellschaft und struktureller Diskriminierung zu betrachten, da sie von der prinzipiellen Gutheit des Menschen ausgehen. Das sagen sie auch deutlich so auf der Homepage der Grünen Bildungswerkstatt: Die Grünen gehen davon aus, „dass die Welt nicht zufällig so ist, wie sie ist“, sondern dass „Gesellschaft, Welt, soziale Umwelt permanent von Menschen umgebaut, gestaltet und verändert werden“.

Fehlendes Wissen um Schuld und Erbsünde

Diese angesichts der fortgesetzten Barbarei des Menschengeschlechts wohl nur naiv zu nennende Anthropologie der Grünen glaubt an die Veredelungsfähigkeit des Menschen. Die Perfektionierung kann durch gesellschaftliche Fortschrittsprojekte, egal ob in der Schule, in der Umwelt, in der Forschung, in der Familie, im Verhältnis der Geschlechter umgesetzt werden. Und hier liegt die grüne Häresie für den gläubigen Christen: Das Paradies auf Erden ist nicht länger von göttlichem Willen abhängig, sondern liegt in der wissenden Hand der Sozialtechniker, die mit Quoten und Vorschriften den Menschen vollenden. Unvollkommenheit ist nicht angeboren, sondern sozial bedingt, durch falsche gesellschaftliche Verhältnisse, durch ein falsches Bewusstsein – aber durch richtige, soll heißen: grüne Politik kann der Mensch auch wieder werden, was er eigentlich ist: ein vollkommenes Wesen. Was er eben nicht ist und nie sein wird: Selbst der sich als unfehlbar wahrnehmende Rousseau war ein Wesen mit Fehlern. Seine fünf Kinder gab er in ein Waisenhaus.

Die Annahme der prinzipiellen Gutheit der Menschen gibt es im Christentum nicht; ihr steht das Wissen um die menschliche Schuld und die Erbsünde entgegen. Die Prämisse des von Natur aus guten Menschen ist aus christlicher Sicht ebenso falsch wie gefährlich: Es gibt und wird keinen neuen Menschen geben. Weder die Nazis noch die Kommunisten haben mit ihren Menschenzüchtungsphantasien Erfolg gehabt. Auch den modernen Sozialingenieuren wird es mit ihren Forderungen nach Erleichterung der Abtreibung, ihrem Insistieren auf Genderprogrammen, Eugenik und Sterbehilfe sowie der Popularisierung der freien Wählbarkeit von Sexualität und Identitäten nicht gelingen, die Natur des Menschen zu überwinden; diese gegen die Stürmer und Dränger der Sozialreligionsanhänger zu verteidigen, wird auch im 21. Jahrhundert Kernaufgabe der Christdemokratie bleiben. Die Positionierung der Grünen als zivilreligiöse politische Bewegung mit innerweltlichem Erlösungsanspruch ist innerhalb des demokratischen Parteienspektrums selbstverständlich legitim, nur christlich ist sie mit Sicherheit nicht.

* Christian Moser arbeitet an der Politischen Akademie der ÖVP und unterrichtet an der Universität Wien

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