Kopftuch - © APA/BARBARA GINDL

Strittiges Stück Stoff

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Der türkische Ministerpäsident Erdogan fordert eine Volksabstimmung über die Aufhebung des Kopftuchverbots. Damit hat die Auseinandersetzung um den Schleier einen neuen Höhepunkt erreicht.

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Der türkische Ministerpäsident Erdogan fordert eine Volksabstimmung über die Aufhebung des Kopftuchverbots. Damit hat die Auseinandersetzung um den Schleier einen neuen Höhepunkt erreicht.

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Für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan war es eine "Schande": Die Universität im osttürkischen Erzurum hatte Kopftuch tragenden Müttern einiger Studenten die Teilnahme an der Prüfungsfeier für ihre Kinder untersagt. Erdogan erwägt nun eine Volksabstimmung zur Aufhebung des Kopftuchverbots. In der türkischen Gesellschaft gebe es hier einen Konsens, meinte er.

Das religiöse Kopftuch, der Schleier, birgt in der Türkei schon seit Jahrzehnten Diskussionsstoff. "Bedeckt" zu sein, gilt für gläubige Muslimas als ein Ausdruck ihres Glaubens. Andererseits hatte Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, ein distanziertes Verhältnis zu seiner Religion. Sein Ideal war eine aufgeklärte Türkei nach dem Beispiel Europas. Als einen der Bremsblöcke dazu empfand er den Islam. Daher wurde in den Anfangsjahren der Republik das islamische Recht durch ein an Europa orientiertes Recht abgelöst und das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) eingeführt. Öffentlichen Ausdruck fand dies unter anderem in einem Gesetz von 1934, das das Tragen religiöser Kleidung an öffentlichen Orten wie Schulen, Ämtern oder dem Parlament verbot.

So sind die Auseinandersetzungen um das Kopftuch in der Türkei nicht nur eine Frage des Glaubens an sich, sondern auch der Stellung des Islams im Staat. Die Frau Erdogans, die der bürgerlich-islamischen AK-Partei angehört, kann ihn bei offiziellen Anlässen wegen ihres Schleiers nicht begleiten; Erdogans Töchter studieren im Ausland, da sie das Kopftuch an türkischen Universitäten nicht tragen dürften.

Kopftuch - wie die Mutter

Daneben gibt es nicht wenige türkische Frauen, die sich als Muslimas empfinden und klar erklären, dass das Kopftuch für sie kein Thema ist und sie dementsprechend keines im Alltag tragen. In den ländlichen Gebieten Anatoliens tragen Frauen ihr Kopftuch einfach, weil schon die Mutter und Großmutter eines getragen haben und dies als anständig gilt.

Die meisten der Kopftuchträgerinnen tragen dieses als eine persönliche Glaubensentscheidung. Aber es gibt auch islamische Gruppierungen, in denen die Frauen sich bedecken, weil sie nur so am öffentlichen Leben teilnehmen können.

Selbstverständlich ist das Bekenntnis zum Kopftuch auch eine Aussage darüber, welches Gesellschaftsbild diese Frau bzw. ihre Familie vertritt. Doch heißt dies bei weitem nicht, dass jede verschleierte Frau politische Absichten im Sinne der Einführung des islamischen Rechts als Ziel hat. Die meisten Muslimas sehen sich einfach als ein Teil der gesellschaftspolitischen Realität einer pluralistischen Gesellschaft.

Doch gibt es auch eine sehr kleine Gruppe, die mit dem Tragen ihrer religiösen Kleidung Ansprüche auch im politischen Sinn erheben will. Hier ist das Bestehen unseres klaren Religionsrechts, besonders des Islamgesetzes von 1912, ein erstklassiger Katalysator dafür, inwieweit die persönliche Religionsfreiheit sich an der Loyalität zu den gewachsenen Grundwerten des österreichischen Staates zu orientieren hat.

Dieser Spannungsbogen, der in Österreich für eine freie Kleidungsordnung (so lange sie nicht den guten Sitten widerspricht) sorgt, ist in der Türkei ganz anders gefasst. Aus dem Bedenken, dass die Gesellschaft ihre Laizität verlieren könnte, wenn die Religion zu viel Einfluss hätte, versuchte man bisher diese Beziehungen durch das Verdrängen von äußerlichen Zeichen wie dem Schleier in den persönlichen Bereich zu schützen. Damit ist die Frage nach der Sichtbarkeit des Schleiers auch im offiziellen Bereich in der Türkei eine politische Frage.

Die Autorin ist IslamBeauftragte der Diözese Feldkirch und Mitarbeiterin der katholischen St. Georgs-Gemeinde in Istanbul.

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