Die Gefangenschaft des Hegemons

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Recep Tayyip Erdogan, den umstrittenen Präsidenten der Türkei, haben Verfolgung und Gefängnis geprägt. Nun lässt er seine Kritiker verfolgen. Eine neue Biografie über Erdogan schildert die entscheidenden Monate seiner Karriere. Ein Auszug.

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Recep Tayyip Erdogan, den umstrittenen Präsidenten der Türkei, haben Verfolgung und Gefängnis geprägt. Nun lässt er seine Kritiker verfolgen. Eine neue Biografie über Erdogan schildert die entscheidenden Monate seiner Karriere. Ein Auszug.

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Ein Mann wie Recep Tayyip Erdo gan, der als Mitglied einer islamistischen Partei 1994 das Amt des Istanbuler Bürgermeisters erobert, ist im säkularen kemalistischen System nicht vorgesehen. Denn zu diesem Zeitpunkt ist die Gesellschaft noch in "schwarze Türken" ("Siyah Türkler") und "weiße Türken" ("Beyaz Türkler") gespalten - ein diskriminierendes System, das erst durch Erdogans Aufstieg endgültig abgeschafft wird. Zu den "weißen Türken" zählt die kemalistische Elite, die das Land über Jahrzehnte regiert und Militär, Justiz und Medien dominiert. Streng dem Säkularismus verpflichtet, behält sie sich vor, über das Zusammenleben und die Gestaltung der politisch-kulturellen Strukturen zu entscheiden. Dabei schaut sie auf die "schwarzen Türken" wie Erdogan herab. Denn diese sind arm, religiös-konservativ und ungebildet. Politische Teilhabe wird ihnen verweigert. "Schwarze Türken" dürfen die Häuser der "weißen Türken" putzen, ansonsten haben sie darin nichts verloren -so sind das Militär und die kemalistische Opposition angesichts des Erfolgs des politischen Islam alarmiert.

Schließlich gibt ein bekanntes Gedicht den Vorwand, unter dem die Kemalisten Erdogan zur Strecke bringen. Am 12. Dezember 1997 trägt er in Siirt, der Heimatstadt seiner Frau Emine, Verse des Dichters Ziya Gökalp vor. Vor rund 5000 Anhängern fällt auch der Satz: "Die Minarette sind unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Moscheen unsere Kasernen und die Gläubigen unsere Soldaten." Und: "Ich sage es immer wieder - wir sind keine Hundertmeterläufer, wir sind Langstreckenläufer, Marathonläufer. Aber unser Marathon ist nicht 42 Kilometer lang. Unser Marathon wird erst mit unserem letzten Atemzug enden. [...] Und ich sage es mit stolzgeschwellter Brust: Meine Referenz ist der Islam. Brüder und Schwestern, wenn ich nicht das Recht habe, das zu sagen, welchen Sinn hat dann für mich als Menschen das Leben?"

Der Auftritt hat Folgen. Am 21. April 1998 verurteilt das Staatssicherheitsgericht von Diyarbakir Erdogan in einem politisch motivierten Prozess wegen "Aufstachelung zur Feindschaft" zu zehn Monaten Gefängnis und erteilt ihm lebenslanges Politikverbot. Die Minarettverse seien ein Aufruf zum Sturz der weltlichen Regierung, begründet der Richter sein Urteil.

Der aufrechte Muslim

Dass Gökalps Gedichte Pflichtlektüre an staatlichen Schulen sind, wird außer Acht gelassen. Entsprechend gering ist Erdogans Einsicht: "Ich werde meine Identität, meine Persönlichkeit, meinen Glauben, die Gedanken, von denen ich überzeugt bin, ausleben und aussprechen", beharrt er und erklärt, er habe diese Verse schon Hunderte Male vorgetragen - sogar auf dem Taksimplatz. Nie sei etwas geschehen. Vollkommen zu Recht befindet er: "Wenn ich kein Gedicht lesen würde, sondern ein Nummernschild, würden sie wieder einen Grund finden, mich in den Knast zu sperren."

Das Urteil nimmt er stramm stehend mit regungsloser Miene entgegen. Er ist nun ein verurteilter Islamist, ein Gesetzesbrecher. "Natürlich habe ich im Grunde genommen so ein Urteil nicht erwartet. Natürlich wäre es gelogen, wenn ich behaupten würde, dass mich das im ersten Moment nicht mitgenommen hat", sagt er später. Er kritisiert, die Türkei sei kein Rechtsstaat, und befindet: "Ich habe kein ehrenrühriges Verbrechen begangen. Ich war kein Vaterlandsverräter. Ich habe nicht gestohlen. Ich habe nur meine Meinung gesagt. Außerdem war ich in Anwesenheit Gottes und des Volks nicht spaltend, sondern versöhnend."

Tiefe Spuren

Die Verurteilung hinterlässt tiefe Spuren bei Erdogan. Nach dem Wahlsieg der AKP 2002 erklärt er öffentlichkeitswirksam, dass nun niemand mehr "für seine Meinung, seine Gedanken und seinen Glauben" mit Gefängnis bestraft werden dürfe. Er deutet die Haftzeit als Zeichen der Diskriminierung ihm gegenüber, dem frommen "schwarzen Türken". Immer wieder pocht er darauf: "In diesem Land gibt es eine Trennung zwischen weißen Türken und schwarzen Türken; euer Bruder Tayyip ist einer der schwarzen Türken."

Rückblickend wirken alle Worte und Erklärungen rund um seine Haftzeit wie ein einziger großer Hohn. Denn je mehr Macht Erdogan später innehat, desto mehr wird er darüber wachen, welche Meinungen in der Türkei öffentlich geäußert werden.

Die noch unter dem Eindruck der eigenen Festnahme geäußerten demokratischen Versprechen sind nicht mehr als Worthülsen. Ob sie damals eine gewisse Demokratiegläubigkeit ausdrückten oder rein taktische Überlegungen darstellten, lässt sich schwer sagen.

Für all die inhaftierten Journalisten und sonstigen im Gefängnis sitzenden Erdogan-Kritiker dürfte die Antwort jedoch klar sein. Was folgt, ist das Achsenjahr in seiner Biografie. Am 26. März 1999 muss Erdogan seine Haftstrafe antreten. Den Hunderten Menschen, die sich vor seiner Wohnung im Istanbuler Stadtteil Üsküdar versammelt haben, ruft der wie immer in einen dunklen Anzug gekleidete 44-Jährige sichtlich bewegt und mit seiner unverkennbar kräftigen Stimme zu: "Ich nehme nicht Abschied von euch. Das ist kein Abschied. So, wie ich es immer sage, wird dies nur eine Strophe, eine Station eines Liedes, das nie endet." Die Menge jubelt: "Das Volk ist stolz auf dich!" Daraufhin fährt Erdogan für ein Gebet in die Istanbuler Eyüp-Sultan-Moschee, ein kilometerlanger Konvoi begleitet ihn schließlich zur Fahrt ins Gefängnis Pınarhisar, das 190 Kilometer von Istanbul entfernt liegt.

Erdogan muss nicht allzu lange in einer Zelle hausen -seine Strafe wird auf vier Monate reduziert. Wohlwollende Biografen schildern, an Besuchstagen sei das Gefängnis voller Menschen gewesen, die den Insassen sehen wollten. Um die Fanbesuche zu organisieren, sei an einer Tankstelle ein Büro eröffnet worden, in dem potenzielle Besucher ihre Namen hinterlegen konnten, die an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet wurden. Die täglich zulässige Besucherzahl im Gefängnis wird wegen des großen Andrangs angeblich auf 400 Gäste reduziert. Und weil einer wie Erdogan niemals aufgibt, hält er nur wenige Stunden nach seiner Haftentlassung eine Pressekonferenz ab. Er kann und will trotz des Berufsverbots nicht von der Politik lassen: "Ich habe die Zeit im Gefängnis damit verbracht, dass ich nach Lösungen für die Probleme meines Lands und meines Volks gesucht habe." Er gibt sich tatkräftig und optimistisch und inszeniert sich weiterhin als fleißigen, demütigen Mann, der nur für "sein Volk" arbeite. Später erklärt er, er habe jeden einzelnen Brief beantwortet, den er bekommen habe. Hinter Gittern habe er zudem Vorbereitungen für die Gründung einer eigenen Partei getroffen.

Der Selbstständige

Der Zögling des Islamisten Necmettin Erbakan macht sich selbstständig und kündigt das auch selbstbewusst an: "Eine Partei, die fest entschlossen ist, an die Macht zu kommen, muss ein Falke sein. Herden können keine Falken sein." Er hat erkannt, dass ihn seine alte, fundamentalistisch-religiöse Agenda nicht weiterbringen würde. Von nun an präsentiert sich Erdogan als geläuterten Exislamisten, dessen neues Ziel eine lupenreine Demokratie ist. Und zu einem Zeitpunkt, als sich seine Gegner als weltfremde Elitemenschen entlarven, die sich nicht um die Bürger kümmern, wird klar: Erdogan ist ein Mann des Volks, womit er sich schmückt. Es ist seine besondere Masche, die eigene Biografie in Reden einzuflechten, sie hundertfach zu wiederholen und genau damit an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Hatte er sich bisher beharrlich geweigert, irgendeine Rolle zu spielen, orientiert er sich nun an neuen Spielregeln. Nach außen hin wechselt er die Überzeugung, im Inneren bleibt er aber ein Überzeugungstäter. Obwohl er nun Umwege geht, bleibt er letztlich doch geradlinig.

KrItIsche PunKte

Härte im Inneren

Eine kurdische Partei gefährdet den Wahlerfolg von Erdogans AKP. Nach Jahren der Annäherung kommt es deshalb im Zuge des Syrien-Konflikts zu bewaffneten Gefechten in Kurdistan.

Härte nach Außen

Die stillschweigende Allianz zwischen Israel und der Türkei bricht nach einer israelischen Kommandoaktion auf einem türkischen Schiff zusammen. Seither wettert Erdogan gegen Tel Aviv.

Luxus für sich selbst

Erdogan lässt sich einen Palast in der Nähe von Ankara errichten. Er ist das Zeichen eines neuen Herrschaftsstils, den Erdogans Kritiker als ein neues Sultanat bezeichnen. Erdogan lässt das unbeirrt.

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