„Frühe Lyrik - bohemienhafte Dekade", charakterisiert Erich Schirhuber seine Gedichtsammlung „Die Pfeife geputzt". Das Klischee stimmt: durchgesoffene Nächte, Liebe und studentische Zivilisationskritik.Das Bändchen wäre etwas langweilig, gäbe es nicht den interessanten und mit großer Ehrlichkeit durchgeführten flauptstrang, die Auseinandersetzung mit der Spannung: angepaßtes Verhalten und bürgerliches Lebensbild gegen Auflehnung und Revolte. Solidarisierung mit den „Werktätigen" reduziert sich auf die Fahrt in derselben Straßenbahn, ein Belesener zweifelt
Und den teuren Regulator schmiß unser teures Kind von der Donaubrücke in das Wasser... ,Weg mit dem Käfig'... haben wir gehört, und dann sahen wir etwas fliegen."Das Kind, das mit der Schriftstellerin Maria Georg Hofmann mehr als nur das Jahr und den Ort der Geburt - Györ, Ungarn, 1933 - gemeinsam hat, mag keinen Maulkorb. Es lehnt sich auf, kämpft gegen eine überwiegend negative Umwelt, die voll ist mit Antisemitismus, Antisozialismus und unterdrückten Frauen. Erlebt aus der Sicht des Kindes, erzählt aus heutiger Perspektive, schildert Hofmann die Geschichte einer Familie von
„Wenn Du etwas aus dem Evangelium verstanden hast und sei es noch so wenig, lebe es!" So oder ähnlich lautete ein Satz in einer katholischen Jugendzeitschrift, der mich bis heute geprägt hat. Ich weiß nicht mehr, wann ich genau begonnen habe, mich regelmäßig mit der Bibel zu befassen, aber von Anfang an war mir wichtig, es in meinem Leben auszuprobieren, wobei ich vieles erst durch die Umsetzung besser verstanden habe.Heute gehöre ich der Fokolare-Be-wegung an und versuche sehr konsequent, einen Bibelspruch pro Monat zu lesen und zu leben. Jetzt im Dezember sind das die Worte von
Ich wasche den Salat, da hüllen dunkle unheilverkündende Wolken mein Angesicht in Finsternis. Oh Gott, die Suppe! Ich mache einen gewaltigen Satz hinüber zum Herd, stelle mit der rechten Hand die Suppe weg, bearbeite mit der linken die Bratkartoffel.Schweiß steht auf meiner Stirn. „Nikolaus", sage ich mir, „jetzt nur nicht die Nerven wegwerfen. Zwei Platten sind doch erst der Anfang. Also los, die dritte!" Das Kotelett zischt im heißen Fet, der Kampf mit den Naturgewalten geht erbarmungslos weiter.Stammesfehden, Turniere, Eroberungszüge, pah! Lächerlich! Das hier ist der
Eine plausible, nicht anthropozentrische, sondern auf das Tier selbst bezogene Begründung von Tierschutz geht von der Leidensfähigkeit der Tiere und dem Vernunftprinzip aus, Interessen, die man für sich selbst als berechtigt ansieht, auch bei allen anderen Individuen als schutzwürdig anzuerkennen. Die Verantwortung des Menschen für das Tier nimmt daher mit dessen Leidensfähigkeit zu.In Österreich wurde erstmals 1974 ein Tierversuchsgesetz in Kraft gesetzt. Seit 1985 gibt es konkrete Überlegungen, dieses Tierversuchsgesetz 1974 zu novellieren oder ein neues Tierversuchsgesetz zu
,J)er Jude war eben wie geschaffen für einen Staat, welcher auf den Trümmern von hundert lebendigen Politien erbaut und mit einer gewissermaßen abstrakten und von vornherein ver-schliffenen Nationalität ausgestattet werden sollte. Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition.“Theodor Mommsen, der große Historiker des alten Rom, hat in diesen Sätzen ein gültiges Urteil über die ureigene Aufgabe des jüdischen Volkes in den Wechselfällen einer langen Geschichte ausgesprochen. Wir denken dabei freilich weniger an die
Sauerstofflöcher wurden erstmals im Jahre 1981 in der Nordsee erfaßt: Damals sank im Tiefenwasser der Deutschen Bucht die Sauerstoffkonzentration um 60 Prozent ab. Gleichzeitig wurden auch in anderen küstennahen Bereichen der Nord-und der Ostsee Fischsterben beobachtet, die auf Sauerstoffmangel zurückgingen. Ursache war eine außergewöhnlich starke „Algenblüte“.Der Meeresforscher Sebastian Gerlach von der Universität Kiel führte die Algenvermehrung damals darauf zurück, daß das Nährstoffangebot in der Nordsee enorm gestiegen war: Durch die einfließenden Stickstoff- und
Ein gut besuchtes Bregenzer Festspielhaus bei Premiere und zweiter Aufführung stellte vor kurzem den — auch — musisch interessierten Alemannen unter Beweis. Großer Applaus war als Wohlwollenserweis gegenüber dem Unternehmen „Vorarlberger Opernwerkstatt" zu werten und jenseits jeden Zweifels verdienter Dank an Sänger, Orchester und Dirigent. Es war ein Erfolg, ein Erfolg jedoch, der eine fragwürdige Darbietung belohnte.Offenkundige Absicht der Inszenierung war die Übertragung des Geschehens aus dem frühen 19. Jahrhundert in die Gegenwart: Heeresverpflegungsfahrzeug, Mode
Das Vertrauen in staatliche Institutionen sinkt, das Unbehagen am Stil der Politik wächst. Ein engmaschiges Netz von Gesetzen, die jährlich zahlreicher’ werden, regelt fast alle Lebensbereiche. Der wachsenden Unübersichtlichkeit sind auch Politiker nicht gewachsen.
Die FURCHE hat namhafte Persönlichkeiten eingeladen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob unsere Gesellschaft noch eine gemeinsame Basis von Wertvorstellungen besitzt. Als ersten Beitrag bringen wir die Stellungnahme des Ordinarius für politische Wissenschaften der Universität München.
„Aber wenn mich jemand fragen sollte, ob ich etwa der Meinung wäre, der Westen, wie er sich heute darbietet, könnte ein Modell Tür mein Land sein, dann müßte ich dies, offen gestanden, verneinen. Nein, ich könnte nicht Ihre Gesellschaft in ihrer jetzigen Verfassung als ein Vorbild für die Umgestaltung der unseren empfehlen ... Nach Jahrzehnten der Gewalt und Unterdrückung sehnt sich die menschliche Seele nach höheren, wärmeren und reineren Werten als jene, denen man in den heutigen Lebensgewohnheiten begegnet, die von Fernsehstarre und unerträglicher Musik geprägt werden
Die Bildungsfunktion der Familie erfüllt sich nicht darin, daß Eltern sich gegenüber ihren Kindern wie Lehrer einer Grundschule verhalten, sondern dadurch, daß ein Familienleben besteht. Genau das, worunter unsere Gesellschaft krankt, daß sie aus atomaren Pluralitäten besteht, die nur gelegentlich und meist im weniger Wesentlichen miteinander in Beziehung treten, ist in einer gesunden Familie - auch in der Kernfamilie - im vorhinein überwunden.
Der polnische Ex-Marxist und Philosoph Leszek Kolakowski, der vor wenigen Wochen den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, verneinte in einem Interview zwar die Frage, ob er ein Christ sei, fügte aber hinzu: „Ich sehe mich als Teilnehmer einer lebendigen, christlichen Kultur. Der Mensch ist gut und böse; das Böse ist lebendig. Ich glaube an die These von der Erbsünde.” Vor drei Jahren schrieb er einen Aufsatz, in welchem er auf die Bedeutung der christlichen Lehre hinwies, daß es nicht nur einen Teufel gebe, sondern dieser auch nicht erlöst werden könne. Kurz darauf
In meinem letzten Beitrag versuchte ich, dem Leser nahezulegen, daß der Christ gewichtige Gründe habe, der Fortschrittsgläubigkeit unseres Zeitalters skeptisch gegenüberzustehen. Wenige Wochen, nachdem ich diese Zeilen eingesandt hatte, begegnete ich in den „Geistlichen Übungen“ des Ignatius von Loyola einer Wendung, die mich stutzig machte: Ignatius schreibt da, wir sollten uns Gedanken darüber machen, wie es um „unseren Fortschritt auf dem Weg zum Heil“ stehe. Gibt es also doch eine Art von Fortschritt, die dem Christen am Herzen liegen und zu der er sich bekennen muß?Dies ist
Sollte sich jemand finden, der bereit wäre, einen ebenso zeitgemäßen wie substantiellen Katechismus abzufassen, so könnte er heute wohl nicht umhin, auf die Frage einzugehen, wie der Christ es mit dem Fortschritt halten solle. Gewiß ist Fortschritt - oder was dafür gehalten wird - ein „weltlich Ding“; er hätte deswegen im Katechismus nicht mehr zu suchen als etwa philosophische Grundaussagen über die Natur oder den Menschen. Aber die Theologie und damit auch der sich artikulierende Glaube sind nie ohne dergleichen Begriffe und Aussagen ausgekommen; schließlich muß man auch über das Übernatürliche und erst recht über Aufgaben des Menschen in dieser Welt in Begriffen sprechen, die unserer Alltagserfahrung entspringen.
Das seit März für die deutschsprachigen Bistümer vorgeschriebene Römische Missale sowie die darauf beruhenden deutschen Ausgaben — wie Schott u. a. — haben längst Eingang'gefunden, nach anfänglichem Widerstand ist hier eine Periode der Ruhe eingetreten. Vielleicht hat dazu ebenfalls der Umstand beigetragen, daß der Papst in einem Handschreiben an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz anläßlich der Überreichung des deutschen Meßbuches lobend hervorhebt, „mit welcher Gründlichkeit, aber auch Sachkenntnis berufene Kräfte sich ihrer verantwortungsvollen Aufgabe
Den voraussichtlich letzten (zwölften) Band seiner Schriften zur Theologie hat Karl Rahner seiner Mutter zur Vollendung ihres 100. Lebensjahres gewidmet, damit gleichzeitig das einmalige Zeugnis seiner eigenen ungebrochenen Schaffenskraft ablegend. Von den Beiträgen stammen mindestens 25 aus den letzten Jahren (1972 bis 1974). Auf den ersten Blick scheinen die Beiträge recht unterschiedlichen Inhalts zu sein, dennoch bindet sie ein gemeinsamer Gesichtspunkt: die Frage nach dem Heiligen Geist und seinem Wirken in Kirche und Theologie. Mit vollstem Recht wird dieser Band daher als
Das Erscheinen dieses Bandes gibt Gelegenheit, des 70. Geburtstages von Karl Rahner zu gedenken und diesem Theologen für die vielseitigen und tiefen Einsichten zu danken, die er auch den zahlreichen Lesern dieser Wochenzeitung geschenkt hat. Neben ihm gibt es keinen katholischen Theologen, der so viel Grundlegendes veröffentlicht und das kirchliche und katholische Selbstverständnis von heute so entscheidend geprägt hätte. Mit diesem Band dürften Rahners „Schriften zur Theologie“ ihren Abschluß gefunden haben, wird doch ein Register zu diesen Bänden in Aussicht gestellt. Inzwischen
Mit dem Erscheinen des fünften Bandes hat PlöcWs großes Werls über üe Geschichte des katholischen Kirchenrechts von den Anfängen bis rur Erlassimg des neuen Kirdüichen Gesetzbudies (1917) erfreulicherweise seinen Abschluß gefunden. Mit diesem fünften Band ist zugleich auch die Darstellung der Kirchlichen Rechtsgeschichte der Neuzeit vollendet, der der dritte, vierte und fünfte Band gewidmet sind. Der hier anzuzeigende Abschlußband behandelt zunächst das Kirchliche Strafrecht, dessen Umfang sich mit dem zunehmenden Verlust des bracchium saecnilare und mit der Übernahme zahlreicher
MYSTERIUM SALUTIS. GrundriB heilsgeschichtlicher Dogmatik, herausgegeben von Johannes F einer und Magnus Lchrer, BAND I: DIE GRUNDLAGEN HEILSGESCHICHTLICHER DOGMATIK. Benzinger-Veriag, Einsiedeln-Zurich-Koln.
Jene Verlage sind keineswegs zu tadeln, die sich systematisch der Übersetzung und Veröffentlichung wertvoller ausländischer Werke widmen. Man sollte im Gegenteil solchen Verlagen eher dankbar sein, weil sie dadurch der theologischen Befruchtung dienen. — Besonders in den letzten Jahren hat dieses Bestreben zugenommen, und vor allem Laien haben sich auf diesem Gebiet große Verdienste erworben. Sie beherrschen nämlich nicht nur die Fremdsprachen (selbstverständlich auch die Muttersprache), sie sind zugleich theologisch gut bewandert.Unter den Verlagen, die auf dem Übersetzungssektor
Dieser Artikel erschien am 10. August 1957. Unheimliche Szene: Begegnungen unseres inzwischen verstorbenen und unersetzlich gebliebenen Rußlandbearbeiters Nikolaus Basseches mit dem Bourgeois-Revolutionär Tschi-tscherin, einem der vielen, die Stalins Ungnade einen einsamen Tod hat sterben lassen.Der verantwortliche Leiter der russischen Außenpolitik in der heroischen Zeit der bolschewistischen Revolution, Tschitscherin, war eine interessante Persönlichkeit. Er gehörte einem der ältesten und vornehmsten Adelsgeschlechter des Kaiserreiches an. So alt und so vornehm, daß sie die durch
„Arbeitnehmerpartei?“ ist der Titel einer Meinungsäußerung aus dem Bereich der Vereinigung österreichischer Industrieller („Die Furche“, Nr. 47 vom 20. XI. 1965), die zu einer Antwort, vor allem vom Standpunkt des ÖAAB aus, provoziert. In diesem Artikel heißt es: „Die österreichische Volkspartei ist als eine Partei der Sammlung gegründet worden, das war ihr großer Vorteil und ihre Stärke. Warum soll diese Grundidee fallengelassen werden?“ In der Antwort auf diese seine rhetorische Frage verweist der Verfasser des Artikels auf Kräfte innerhalb der Volkspartei, „die der
LEXIKON FtJR THEOLOGIE UND KIRCHE. Herausgegeben von Josef Hüter und Karl Rahner. 8. Band (Palermo bis Roloff); 9. Band (Rom bis Tetzel). Verlag Herder, Freiburg, 1983 und 19A4. Je etwa 640 Seiten. Fr eis je Band 88 DM.
,,0 Gott, meine Seele braucht ein führend Licht“, so beginnt ein ^Gedicht von Alfons Petzold, dem großen Wiener Arbeiterdichter. Als Kind ganz armer Leute, die frühzeitig erkrankten und dahinsiechten, wurde er 1882 geboren, und so fällt seine Kindheit gerade in jene Zeit, in der zum erstenmal die Feier des 1. Mai vorbereitet und durchgeführt wurde. Sein Leben ist symbolisch für die Nöte und Sehnsüchte und auch für den Aufstieg der arbeitenden Menschen in Österreich.Von zartester .Jugend an ..mußte Alfons Petzold von Tür zu Tür um Arbeit anklopfen. Er verdingte sich als
Der innerrussischen Entwicklung, der raschen Veränderung des russischen Lebens wird im Ausland viel zuwenig Beachtung geschenkt. Wir laufen Gefahr, in einigen Jahren einem neuen, uns gänzlich unbekannten Rußland gegenüberzustehen, dessen inneres Kräftespiel schon heute für uns ein Geheimnis ist. Es ist erklärlich, daß alles, was in der russisch- orthodoxen Kirche vor sich geht — innere Kämpfe und Spannungen —, gar nicht oder nur gelegentlich und nur bruchstückweise an die Oberfläche gelangt. Dabei ist der Weg, den die russisch-orthodoxe Kirche bis heute gegangen ist, auch gerade
Daß man in Moskau die neue US-Präsidentschaft Kennedys als ein Ereignis allererster Ordnung betrachtet, beweist schon die Tatsache, daß bald nach der Wahl das erstemal seit Jahrzehnten die Vertreter aller kommunistischen Parteien wieder im Kreml versammelt waren. Natürlich nach außen hin waren weder die USA noch die neue Präsidentschaftsära als Grund dieser Zusammenkunft genannt worden. Vorwand der Zusammenkunft war vielmehr der sowjetische Nationalfeiertag. Viele Anzeichen sprechen eben dafür, daß Moskau von der Regierung des Präsidenten Kennedy eine neue Politik erwartet, vor allem
Wien wird in wenigen Tagen der Schauplatz einer bedeutenden Kundgebung des Gewerkschaftsbundes sein, des sechzigjährigen Jubiläums der „Gewerkschaftskommission Oesterreichs“, in der 1893 die völlig zersplitterte Gewerkschaftsbewegung zum erstenmal zusammenfand und aus der sich über viele Wechselfälle hinweg der Oesterreichische Gewerkschaftsbund entwickelte.Bei diesem dritten gesamtösterreichischen Gewerkschaftstreffen wird am Sonntag, dem 6. September, im Dom zu St. Stephan vom Kardinal und Erzbischof von Wien ein Ponti-fikalamt zelebriert und die Festpredigt gehalten werden.Ist
Noch einige Monate vor seinem Tode, auf dem 19. Parteikongreß, stellte Stalin triumphierend fest, daß durch die Kollektivisie-rung der Landwirtschaft die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, vor allem mit Getreide, endgültig und für immer gesichert sei.Seitdem ist noch kein Jahr vergangen, und es wird öffentlich zugegeben, daß nicht nur Schwierigkeiten in der Versorgung mit Lebensmitteln eingetreten sind, sondern daß die ganze landwirtschaftliche Produktion in einer Krise steckt, die nur durch vollkommene Umkehr in der Politik den Bauern gegenüber überwunden werden kann. Als
Die letzte Sowjetnote an die westlichen Alliierten hat insoweit eine gewisse Klärung gebracht, als — in mannigfacher Einkleidung — endlich die sowjetische Grund-forderung für die „Entspannung“ bekanntgegeben wurde. Damit ist das eigentliche Ziel der sowjetischen Außenpolitik und der sowjetischen Friedensoffensive gegeben. In dieser Grundforderung ist das Programm-Minimum: die Aufgabe der militärischen und maritimen Stützpunkte außerhalb des amerikanischen Kontinents durch die USA; das Programm-Maximum: die Auflösung des Nordatlantikpaktes. Moskau hat seine Forderung gestellt,
Das Ministerium des Aeußern der Sowjetunion hat wohl das größte Gebäude zur Verfügung, das je ein Außenministerium in der Welt besaß. Das neue Gebäude des sowjetischen Außenministeriums, an einem der Moskauer Boulevards gelegen, ist ein gewaltiger Wolkenkratzer. In diesem riesigen Bürogebäude wird seit dem Tode Stalins intensiv gearbeitet. Aeußerlich verläuft alles ruhig. Es ist noch keine auffällige diplomatische Geschäftigkeit zu vermerken. Der Außenminister Molotow und seine Stellvertreter empfangen nicht öfter ausländische Diplomaten als sonst. Die emsige Tätigkeit des
Nicht in einen Kampf bloß zwischen zwei gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systemen oder zwischen zwei politischen Mächten sind wir heute eingespannt in dem weltweiten Ringen titanischer Gewalten. Die Front ist auch nicht geographisch abzustecken, sondern verläuft quer durch alle Kontinente und durch alle Menschenherzen hindurch. Es ist ein Kampf zwischen zwei metahistorischen Bewegungen: zwischen dem Non serviam Luzifers, das schon im Morgengrauen der Schöpfung alles kreatürliche Sein in die Empörung und Auflehnung gegen Gott hinabriß, und dem Fiat der Jungfrau, das den Aufstieg
Christentum in der Sowjetunion. Herausgegeben von Wilhelm de Vries S.J. Kemper- Verlag, Heidelberg, 238 Seiten. (Titel der italienischen Ausgabe: II Christianesimo nell' Unione Sovietica; Edizioni „La clviltä catholica", Roma 1948. übersetzt von Adelaide Gerhard.)
Wo liegen die Ursachen für diese Fehlentwicklung und wie sind sie zu beheben? Inwieweit ist der Block der industriellen Arbeiterschaft dem Christentum verschlossen? Welche Bedeutung kommt der Rückgewinnung des Arbeiters für die Zukunft zu?
Darum bitte ich Euch aus meinem zerquälten Harzen: Laßt mich in Frieden aus der Partei scheiden. Ich sehe keine andere menschliche Möglichkeit, die Partei von einer Verlegenheit, die ich für sie zu werden drohe, zu befreien und mich vor Zweideutigkeiten zu bewahren. Laßt mich in Frieden scheiden!Wenn Ihr dieses mein Austrittsgesuch mit den üblichen Beschimpfungen und Diffamierungen beantworten und meine Treue zur Kirche als ein „Zurücksinken in den Sumpf reaktionärer Ideologien“ interpretieren würdet, so wäre das für mich .überaus schmerzlich, aber ich werde es tragen und mich
Die Sowjets verstehen es, mit ihrem Pfunde zu wuchern, viel besser als einst die zaristischen Regierungen. Auch damals war Rußland von vielen Völkern bewohnt, die sich zu verschiedenen Religionen bekannten. Doch der Zarismus verstand es nicht, sich daraus einen Nutzen zu sichern. Die verschiedenen Möglichkeiten lagen brach. Außer der russisch-orthodoxen Kirche waren alle anderen Konfessionen, ebenso wie alle nichtrussischen Völker des weiten Reiches, entweder offen unterdrückt oder im besten Falle bloß geduldet. Die orthodoxe Kirche jedoch war so offenkundig an den Staat gebunden, daß
Die geheimnisvollen Vorgänge in Moskau, die im ersten Augenblick den Anschein erweckten, als sollte das Bild Stalins radikal ausradiert werden, beginnen sich nach und nach abzuklären. Zur genaueren Präzisierung kann zunächst gesagt werden, daß an der denkwürdigen Geheimsitzung zum Schlüsse des 20. Kongresses der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Chruschtschew zunächst nur eine Art von Rundschreiben verlas, welches auf Beschluß des Zentralkomitees an alle lokalen Parteiorganisationen versandt und hier eingehend diskutiert werden sollte. Dieses Schriftstück, das einen Umfang von
Die Westmächte haben in Genf Außenminister Molotow eine lange Liste von Maßnahmen zur Verwirklichung einer echten Politik der Koexistenz überreicht. Sehr viele dieser Maßnahmen sind schon durchgeführt. Künstler und Theater besuchen einander immer häufiger. Gruppen verschiedener Berufe bereisen die Sowjetunion und, umgekehrt, die USA und die meisten Länder des Westens. Und doch ist es kein richtiger, alles andere als ein freier und flüssiger Verkehr. Denn ganz richtig hat das westliche Memorandum als größtes Hindernis für den gegenseitigen Verkehr den künstlichen Rubelkurs
Nach der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages und der Wiederannäherung zwischen Sowjetrußland und Jugoslawien steht die europäische Oeffentlichkeit unter dem Eindruck, daß sich dadurch Perspektiven auf eine hoffnungsfrohere Zukunft der Kulturvölker eröffnen. Diesmal dürfte es keine allzu verfehlte Schlußfolgerung sein. Denn bei den neuesten weltgeschichtlichen Entwicklungen handelt es sich zweifellos um den Ausdruck eines entscheidenden geistigen Wandlungsprozesses, der sich durch greifbare politische Ereignisse ankündet. Allerdings begegnet jeder Versuch, die
Ingenieure sind in Rußland immer schon ein selbstbewußtes. Korps gewesen. Das macht schon ihre Geschichte. Technisches Wissen wurde dort immer sehr geschätzt. Daher nimmt es nicht wunder, daß am Anfang des vorigen Jahrhunderts die ersten technischen Hochschulen sofort zu den vornehmsten Lehranstalten des Landes zählten. Die beiden Hochschulen für Verkehrsingenieure und für Bergwerksingenieure wurden als militärische Anstalten gegründet, obwohl sie ja für eine friedliche Tätigkeit bestimmt waren. Die geistige Elite des Adels besuchte diese Hochschulen. Die Kaiser Alexander I. und
Gibt es eine neue „Bourgeoisie“ in der Sowjetunion?Die heutige soziale Struktur der Sowjetunion ist von Stalin geschaffen worden. Bis zum Jahre 1936 teilte das Sowjetgesetz die Bevölkerung in zwei ungleiche Teile. In Staatsbürger und in Personen, die kein Wahlrecht, weder aktives noch passives, besaßen, also vollkommen rechtlos waren. Die Intelligenz, also die Wissenschafter, Techniker, Lehrer, die ganze gebildete Schicht hatte wohl als „Werktätige“ die staatsbürgerlichen Rechte, mußte dem Sowjetstaate dienen, wurde jedoch moralisch und materiell diffamiert. Diese Intelligenz
Das Gebiet von Charkow und Bjelgorod, aus dem Sowjetrußlands Parteichef, Nikita Sergejwitsch Chruschtschow, stammt, gehört ethnographisch zum ukrainischen Siedlungsgebiet. Politisch war es jedoch bis 1917 nie ein Teil der Ukraine, sondern seit vielen Jahrhunderten russischer Besitz, lange bevor 1654 die Großukraine zu Moskau kam. In diesem Gebiet fällt es schwer, zu sagen, was der einzelne eigentlich ist: Ukrainer oder Russe. Zu diesem Typus gehört auch Nikita Chruschtschow. Er kann genau so als russifizierter Ukrainer wie als des Ukrainischen kundiger Russe angesehen werden. Oder aber
Den Donauraum mit sinr vielfälligen Vermischung von Völkarn und Volkssplillern In Nationalstaaten aufgliedern zu wollen, ist so unmöglich wie dl Quadratur das Zirkels. Je mehr ich über diese Frag nachgedacht hob, um so klarer ist es mir geworden, dafj Frieden und Wohlstand aller dieser Völker zwischen Tirol und der Bukowina, zwischen dem Banat und dem Sudelenland nur In einer Wiederzusammenfassung der alten historischen Einheil gewährleistet sein kann. Man braucht mir nicht zu sogen, daß niemand zweimal in den gleichen Fluß steigt; Ich weif), daß es nicht genügt, einfach das Alle
Moskau, 29. Dezember. Parteisekretär Chruschtschew verurteilte Israel schärfstem und betonte, die Sowjetunion sympathisiere mit dem Wunsch der arabischen Bevölkerung, ihre Unabhängigkeit zu erlangen und zu erhalten ... Hinter Israel stünden die Imperialisten, die versuchten, diesen Staat als Instrument gegen die Araber zu ihrem eigenen Vorteil auszunützen ...
Die Reise des Chefs der sowjetischen Geheimpolizei, General Iwan S j e r o w. nach London hat zwar.viel Staub aufgewirbelt, die eigentliche Sensation aber ist der Weltöffentlichkeit entgangen. Es war nämlich das erste Mal in der Geschichte, daß der Chef der roten Geheimpolizei sich ganz offiziell ins Ausland begab und mit ausländischen Kollegen Kontakt nahm. Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre so etwas noch ganz undenkbar gewesen, so sehr widerspricht es aller Tradition der sowjetischen Tschekisten-Kaste. Schon das zeigt die auf jeden Fall beachtenswerte Veränderung, die in tier
Am „stillen Don“, über den so viele.russische und kosakische Lieder singen, ist im Jahre 1905 Dimitri Schepilow geboren. Im Lande der Donkosaken also. Diese Donkosaken sind ein eigenartiger Menschenschlag. Bekanntlich flohen frühzeitig aus dem Moskauer Rußland hierher, an den Rand der Welt, in ein Gebiet, das Niemandsland war und keiner Staatsmacht unterstand, vor Herren- und Fürstenwillkür, alle, die sich unterdrückt fühlten. So bildete sich am Don die freie Kosakengemeinschaft. Nur sehr starken und rücksichtslosen und in gewissem Sinne auch intelligenten Menschen gelang unter den
Die Zertrümmerung des geschichtlichen Bildes Stalins beginnt nun auch zu Personalveränderungen zu führen.Das erste Opfer ist Molotow, der am 1. Juni als Außenminister zurückgetreten ist. Hier haben wir ein klassisches Beispiel, wie ein Staatsmann im Reiche der Sowjets politisch „verbraucht“ wird. Dabei muß man feststellen, daß Molotow viele Jahre gerade bei der Parteimasse eine merkwürdig große Autorität genoß. Es ist sogar fraglich, ob Stalin in den ersten Jahren seiner Diktatur sich hätte durchsetzen können, wenn ihm Molotows Autorität nicht zur Seite gestanden hätte. Das
Der Sturm gegen Stalins Gespenst, ausgelöst durch den nun historisch gewordenen Vortrag des ersten Parteisekretärs, Nikita Chruschtschew, legt sich allmählich. Man kann heute schon eine Art Bilanz ziehen und übersieht bereits die politischen Hintergründe. Denn in den Nachrichten der letzten Wochen hat die Flut der Informationen über wirkliche oder tatsächliche Verbrechen Stalins, dieser sensationellen, wenn auch heute schon nur historisch zu bewertenden Nachrichten, die ernsten politischen Vorgänge gewissermaßen überdeckt.Bei allen diesen Nachrichten fällt auf: Beinahe alle diese
Die Welt hat eigentlich erwartet, daß nach der posthumen Kritik an Stalin, nach seiner „Entgöttlichung“, endlich auch jene geheimnisvollen Vorgänge und menschlichen Tragödien eine sachliche Darstellung erfahren, die sich jähre- und jahrzehntelang im Schatten der innerparteilichen Kämpfe abgespielt haben. Bis jetzt ist jedoch kein Wort davon gefallen. Eine Reihe von Persönlichkeiten, Viele davon längst verstorben, die in den Jahren 1936 bis 1939 verschwanden, sind jetzt rehabilitiert “worden. Doch ist keine einzige darunter, die in den großen Prozessen der Jahre 1936 und 1937
Fern der Heimat, manchem der älteren Generation als eigenwilliger, scharfer Denker und gesinnungsstarker Politiker gelegentlich in unbequemer Erinnerung, feiert am 1. September in seinem freiwillig gewählten Exil, für das er den geforderten Zoll bis zur letzten Münze bezahlt hat, ein Mann, dem Oesterreich mehr ist als bloß das Land seiner Vorfahren und seiner besten Mannesjahre, den sechzigsten Geburtstag: Ernst Karl Winter, von 1934 bis 1937 Dritter Bürgermeister von Wien.Seine philosophisch-soziologischen, historisch-politischen und religionshistorisch-theologischen Schriften, die er
Der Kreml treibt jetzt ausgesprochen Weltpolitik; seine gegenwärtig sehr aktive europäische Politik ist nur im Rahmen seiner Weltpolitik richtig zu verstehen.Der Grund des „neuen Kurses“ ist nicht in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und nicht in Schwäche zu suchen. In den letzten Jahren hat sich bei den Massen in Rußland, weil das Leben leichter geworden ist, ein weitgehender Mentalitätsumschwung vollzogen, dem jede Regierung im Kreml Rechnung tragen muß.Doch wenn auch die Sowjetunion den Frieden, vor allem mit den USA, sucht, so bedeutet das nicht, daß man nicht an einen neuen
Das nicht geringe Verdienst der Genfer Konferenz besteht darin, Europa und der westlichen Welt aufgezeigt zu haben, was Einigkeit erreichen kann. Die Einigkeit der kommunistischen Asiaten mit den Russen ist die wahrscheinlich wichtigste Tatsache der weltpolitischen Situation heute. Wer sie übersehen will, treibt Vogelstraußpolitik. Diese Einung ruht auf dem Bündnis sehr verschiedenartiger politischer, wirtschaftlicher und kultureller Räume. Grundlage ist die Achse Moskau-Peking, die im folgenden Aufsatz eines international bekannten Fachmannes nüchtern und leidenschaftslos betrachtet
Wieder mehren sich die Nachrichten über das religiöse Leben im Reiche der Sowjets. Gleichzeitig zeigen diese Nachrichten eine beginnende neue Aktivität des Moskauer Patriarchen. an. Denn die wichtigste dieser Nachrichten ist die Meldung, daß die Residenz des Patriarchen im Dreifaltigkeitskloster des heiligen Sergius in dem Städtchen Sagorsk, etwa eine Stunde Bahnfahrt von Moskau, gewaltig ausgebaut werden soll. Vor allem der Palast des Patriarchen soll ausgebaut werden, um die Geltung des russischen Patriarchates weithin sichtbar zu machen. Wenn dabei behauptet’ wird, nach dem Neubau
Die Genfer Asienkonferenz kann mit ihren Hintergründen nur verstanden werden, wenn man weiß, daß die Sowjetunion selbst einer der größten asiatischen Staaten ist. Territorial gesehen, sogar der größte, denn Sibirien allein macht etwa ein Drittel des asiatischen Kontinents aus. Dazu kommen noch Zentralasien mit über 3,9 Millionen Quadratkilometer und Transkaukasien. Trotzdem würde das ein schiefes Bild geben, wenn man die Machtverhältnisse in Asien nur vom territorialen Gesichtswinkel aus betrachtet. Denn Sibirien hat, man weiß es nicht genau, zwischen 20 und 30 Millionen Einwohner, So- wjetisch-Zentralasien rund 20 Millionen und die drei transkaukasischen Republiken nicht ganz 10 Millionen. Ganz Sowjetisch-Asien zählt also zwischen 50 und 60 Millionen Einwohner, nur ein Bruchteil der Bevölkerung Chinas, mit seiner halben Milliarde Menschen. Und doch wird die Sowjetunion immer mehr zu einer eigentlich asiatischen Macht. Denn das Wachstum der Bevölkerung der asiatischen Teile der Sowjetunion geht be-
Vor einigen Monaten gab die „Prawda“, und damit die Parteizentrale selbst, durch einen Leitartikel das Signal zu einem neuen antireligiösen Propagandafeldzug. Dieser Artikel der „Prawda“ war an sich interessant genug. Außer der Feststellung, daß die Kommunistische Partei weiterhin atheistisch und religionsfeindlich bleibe, wird in dem Artikel Klage darüber geführt, daß die religiösen Organisationen erhebliche Erfolge nicht nur unter der Bevölkerung im allgemeinen, sondern sogar unter den eingeschriebenen Mitgliedern der Kommunistischen Partei zu verzeichnen haben. Wenn auch
Der nachstehende Aufsatz wurde kurz vor den Umbesetzungen im Kreml und vor den letzten Allianzerklärungen Moskaus an die Adresse Pekings von dem bekannten Asien- und Rußlandfachmann geschrieben. Er ist, vielleicht eben deshalb, besonders geeignet, Hintergründe aufzuzeigen, die im Westen oft wenig beachtet werden: sowohl die sowjetische wie die chinesische Revolution verdanken ihre eigentümliche Wucht einer Erhebung des Landvolkes, des unbetreuten Bauern in den riesigen Weiten und Ebenen der östlichen Länder; diese bäuerlichen Massen wurden oftmals betrogen, ja geopfert von städtischen Führern der Revolution, wurden nicht verstanden und nicht genügend gewürdigt von den intellektuellen Spitzenreitern der Revolution; diese Massen erheben aber heute in allen unentwickelten Völkern ihr Haupt: auf sie müssen die Führer des 200- und de 600-Millionen-Reiches Rücksicht nehmen, weil in ihnen die stärkste Volkskraft ihrer Länder gebunden ist, und weil Millionen von hörigen und abhängigen Bauern in Asien, Afrika, Südamerika, im Fernen und Nahen- Osten auf sie blicken. Hinter der Bolschewisierung. Mechanisierung, Industrialisierung und Bürokratisierung des Ostens steht, stärkstem Druck ausgesetzt und stärksten Druck ausübend, die Lebensnot und Lebensmacht der agrarischen Massen; die Erhebung der Bauern beginnt, in der gegenwärtigen geschichtlichen Phase der östlichen Revolutionen, diese zu unterwandern und von unten her immer entscheidender zu beeinflussen. Die eigentümliche Härte, Schwere, dai Unerbittliche, Stete der weltgeschichtlichen Umwälzungen des Ostens und Asiens stammen von diesam agrarischen Untergrund her, der wichtiger, schicksalsmächtiger als viele Einzelaktionen and singulare Ereignisse in den Führungsgruppen der östlichen Regimes ist. Die „Fufche“
Nach der Darstellung der wichtigen sozialpolitischen Hintergründe der gegenwärtigen Entwicklungen in der Sowjetunion behandelt der bekannte Rußlandfachmann nun eine- der charakteristischesten Gestalten des Regimes.Nikolai Bulganin ist 1895 in N i s c h n i j Nowgorod geboren. In der Stadt an der Wolga, dem Schicksalsstrom Rußlands, die selbst oft russisches Schicksal war. Diese Gouvernementshauptstadt schlief in tiefem Schnee den Winterschlaf und war dann einfach eine träge russische Provinzhauptstadt. Kaum aber taute der mächtige Strom auf, erwachte auch sie zu geräuschvollem Leben.
Die sowjetische Volkswirtschaft leidet an Gleichgewichtsstörungen, einer wirtschaftlichen Krankheitserscheinung, der vorwiegend eine Planwirtschaft unterworfen ist. Zuerst trat die landwirtschaftliche Krise in Erscheinung. Das bedeutet nichts anderes, als daß die Verteilung der Investitionen, Maschinen und Konsumgüter zwischen Industrie und Landwirtschaft nicht richtig gehandhabt worden war. Eiligst versucht nun die Sowjetregierung, durch Urbarmachung von 35 Millionen Hektar jungfräulichen Bodens die Ernährung des Landes in der Zukunft zu sichern. Das bedeutet nicht nur eine Neuverteilung
Beinahe unbeachtet von der Oeffentlichkeit des Westens wird in der Sowjetunion ein geschichtliches Jubiläum gefeiert, das auch außerhalb Osteuropas weltgeschichtliche Bedeutung hat: die Feier der 300jährigen Zugehörigkeit der Ukraine zu Rußland. Man könnte es auch so formulieren: Die Drei- hundertjahrfeier des entscheidenden Schrittes des Russischen Reiches nach Westen. Denn bis zu jenem schicksalsschweren Monat Mai des Jahres 1654 breitete sich der russische Moskauer Staat vorwiegend nach Osten aus. Sein Kampf gegen Polen, Schweden und die deutschen Ordensritter im Westen war bis dahin
Seit dem 17. Jahrhundert,kurz nachdemein großer Teil der Ukraine unter russischer Herrschaft kam, sollte die pravoslawe Kirche in der Ukraine ein wichtiges Instrument der Russifizierung werden. Das gelang jedoch nur zum Teil. Denn der niedere Klerus, die Dorfgeistlichen und Diakone waren ja Ukrainer. Bekanntlich begann in der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine Renaissance der ukrainischen Kultur, zuerst in der Bukowina, dann in Ostgalizien, die natürlich auch zu einer ukrainischen Nationalbewegung führte. Aus dem damaligen Oesterreich griff diese ukrainische Nationalbewegung auch auf die
Von den nichtchristlichem Konfessionen in der Sowjetunion sind die Juden, vor allem aber die Mohammedaner und die Buddhisten von’ Bedeutung.Bei den Juden gab es weder regionale Verbände noch eine Organisation für die Union. Jede „israelitische Kultusgemeinde" ist in ihrer Stadt oder Ortschaft selbständig. Der Nachwuchs der Rabbiner wird an den großen Synagogen, wie Moskau und.Kiew, herangebildet. Sehr oft, in kleinen Ortschaften, bilden die dortigen Rabbiner ihren Nachfolger selbst aus. Die Beziehungen zwischen der israelitischen Religionsgemeinschaft und der Sowjetregierung sind
Wenn ein neu angekommener ausländischer Botschafter oder Gesandter dem Staatsoberhaupt der Sowjetunion sein Beglaubigungsschreiben überreicht, dann tritt er im großen Kremlpalast einem Manne gegenüber, der äußerlich viel besser in den prunkvollen Rahme i paßt als seine drei Vorgänger. Die fremden Diplomaten schreiten durch das weite Portal des großen Zarenpalastes die hohe Paradetreppe hinauf. Alles ist wie einst zu den Zeiten des Zaren. Selbst das Bild, auf dem der Kaiser Alexander III. die Dorfältesten empfängt, hängt hoch oben. Früher trat der ausländische Diplomat, in
Der Ministerpräsident der Sowjetunion, Marschall Nikolaj Alexandrowitsch Bulganin, stammt von den Ufern der Wolga. Er ist der dritte Regierungschef der russischen Revolution, der von dort kommt. Der erste war Alexander Kerenski, der Führer der großen Sozialrevolutionären Partei, der nach dem Sturze des letzten Zaren eine Art von demokratischer Diktatur ausübte und von einem andern Mann von der Wolga gestürzt wurde, von Wladimir Iljitsch Uljanow, der in die Weltgeschichte unter seinem literarisch-politischen Pseudonym Lenin einging. Nach ihm heißt jetzt auch die stille Stadt Simbirsk an
Ueber das religiöse Leben in der Sowjetunion ist nicht allzuviel bekannt. Auf jeden Fall hat sich die Lage der Kirchen und Religionen in der Sowjetunion, wenigstens soweit sie vom Staate anerkannt sind, stabilisiert. Wenn auch in einem begrenzten Wirkungsraume, hat die Religion jetzt immerhin Lebensmöglichkeiten. Die Geistlichkeit aller Konfessionen ist nicht mehr diskriminiert, der Beruf des Priesters und Geistlichen gilt als intellektueller Beruf und ist auch dementsprechend geschützt. Die materielle Lage der Geistlichkeit ist also relativ gut, um so mehr, als diese Geistlichkeit auch im
In Samarkand oder auch draußen auf dem Flugfeld vor der heiligen Stadt Buchara besteigen Gestalten wie aus alten orientalischen Märchen das modernste Verkehrsmittel.In weißen, kunstvoll gewundenen Turbanen aus duftigem Musselin, in buntgestreiften Chalaten, den langen Röcken ohne Knöpfe, die am Gürtel mit einem bunten Schal zusammengehalten werden, in hohen, weichen Stiefeln aus buntem Leder, das kunstvoll in Blumen und Ornamenten zusammengefügt ist.Und der stolze, schimmernde Vogel erhebt sich in die Lüfte. Seine Insassen sind hohe mohammedanische Geistliche, die nach Mekka fliegen.
Auf der goldenen Spitze des ehemals kaiserlichen Kremlpalastes, die einstmals nur der Kaiserstandarte vorbehalten blieb, weht die rote Staatsflagge. Der Palast ist ein großer imposanter Bau, er ragt hoch über die Kremlmauern hinaus. Er ist nur etwas über 100 Jahre alt, dieser Palast, erbaut unter dem Kaiser Nikolaus I. Eigentlich passen seine quadratischen, massigen Konturen gar nicht in diesen alten Kreml mit seinen Zwiebeltürmen, seinen bizarren, verschlungenen Linien. Dieses zu Stein gewordene Symbol des weitausholenden russischen Imperialismus soll jetzt die sichtbare und prächtige
Ausgelöst durch das Unbehagen, ja den zeitweisen Alpdruck ob der Leistung des weit-’ revolutionären Sowjetstaates, hegt die westliche Welt seit Jahrzehnten den eigenartigen Wunschtraum: die russische Armee, geführt von ihren Generälen, ergreift eines Tages die Macht, und die dadurch verwirklichte Militärdiktatur verwandelt schlagartig den revolutionären Sowjetstaat wiederum in ein friedliebendes Rußland, mit dem wieder vernünftig zu reden sein wird. Insbesondere nachdem sich der große gemeinsame Sieg über den deutschen .Nationalsozialismus in den gegenseitigen kalten Krieg
Unser Rußlandmitarbeiter Nikolaus Basseehes, Schaffhausen, ist zur Zeit mit der Abfassung seiner Memoiren beschäftigt. Sie behandeln seine Erlebnisse und Begegnungen, die er in den 15 Jahren seiner Korrespondententätigkeit in Moskau hatte. Wir veröffentlichen heute erstmals ein Kapitel aus dem Manuskript: Die nächtliche Begegnung mit dem Vorgänger Litwinows und Molotows, dem Volkskommissar für Aeußeres, Georgij Wassiljewitsch Tschitscherin, im Jahre 1923. Die RedaktionDer verantwortliche Leiter der russischen Außenpolitik in der heroischen Zeit der bolschewistischen Revolution,
Die Form, in der das Plenum des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei Für den 21. Juni einberufen wurde, ist in jeder Hinsicht neu. Bisher war es immer so gewesen, daß ein solches Plenum nicht öffentlich angezeigt wurde, sondern erst einige Zeit nach Abschluß der Tagung einzelne Teile der gefaßten Resolutionen veröffentlicht wurden. Diesmal aber wurde die Einberufung schon Wochen zuvor verlautbart. Damit" erschöpft sich 'die Bedeutung dieses Novums noch nicht. Denn zum ersten Male wurde gleichzeitig auch die Tagesordnung veröffentlicht. Tagesordnung: In den vierzig Jahren bisher
Die Freigabe der jüdischen Auswanderung nach Israel durch die kommunistischen Satellitenstaaten hat sofort das größte Aufsehen in der arabischen Welt hervorgerufen. Dabei handelt es sich in allen osteuropäischen Staaten außer der Sowjetunion nur um einige Hunderttausend, von denen nur ein Bruchteil im mili- tärdienst- und arbeitsfähigen Alter steht. Die Sowjetunion selbst hat ihren Juden die Auswanderung bisher nicht freigegeben. Formal steht dem die heutige sowjetische Gesetzgebung entgegen. Denn nach der sowjetischen Verfassung ist jeder Sowjetbürger verpflichtet, bis zum
Während die Sowjetunion an ihrer europäischen Front außenpolitisch hoch aktiv ist, hört man von ihren asiatischen Grenzen kaum etwas. Die russisch-chinesischen Beziehungen entwickeln sich beinahe unter jedem Ausschluß der Oeffentlichkeit. Trotzdem steht es fest, daß die innerchinesische Entwicklung und damit auch die russisch-chinesischen Beziehungen für künftige Jahrhunderte das Schicksal der gesamten Menschheit beeinflussen Werden. Ddt'ScKä't-"ten des riesig großen Reiches der Mitte mit seinen über 6O0 Millionen Einwohnern‘ fördert geradezu zu politischen und
Es sieht ganz so aus, als ob das Tauwetter in den west-östlichen Beziehungen anhält und die Entwicklung tatsächlich nach der Richtung einer sogenannten Koexistenz sich hinbewegt. Das ist auch zu erwarten gewesen. Es ist für jeden klar denkenden Menschen offensichtlich, daß niemand einen Krieg riskieren kann. Nicht nur allein, weil die neuen Waffen mit allgemeiner Vernichtung drohen, sondern auch ganz einfach darum, weil die Menschen doch nicht gerne sterben. Der Farmer in Kansas oder der Kolchosbauer an der Wolga werden es nie einsehen, warum sie ihr Leben lassen sollen, um eine ihnen
Die letzte Tagung des Obersten Sowjets der Sowjetunion und die darauffolgenden zahlreichen Publikationen über die sowjetische Volkswirtschaft aus offiziellen Quellen geben vorhandene Gelegenheit, die Entwicklung der Sowjetwirtschaft näher zu beleuchten.Grundsätzlich ist festzustellen, daß die Bevorzugung der Schwerindustrie vor der Konsumindustrie weiter zunimmt. Darüber gibt das Staatsbudget 1960 klare Auskunft. Die Gesamtinvestitionen 1960 belaufen sich auf 297,1 Milliarden Rubel. Für die Landwirtschaft, die beinahe noch die Hälfte der Sowjetbevölkerung beschäftigt, sind nur 50,6
Der Abgang von Wjatscheslaw Molotow und Lazar Kaganowitsch aus der aktiven sowjetischen Politik kommt nicht unerwartet. Schon seit Monaten, wenn nicht seit Jahren, erwartete man, daß die beiden nach Woroschilow ältesten Mitglieder der sowjetischen Parteileitung aus der aktiven Politik ausscheiden. Es hieß immer, daß insbesondere Molotow nur darum noch aktiv blieb, weil sein Name und die damit verbundene Autorität in den Parteimassen nach dem Tode Stalins noch notwendig war. Er ist nun einer der letzten Mohikaner, der bereits in der zaristischen Zeit in der illegalen Partei tätig war.
Die Genfer Konferenz der Außenminister wirft die Frage über die Außenpolitik der Sowjetunion und ihre Ziele auf.Selbstredend wird die Außenpolitik der Sowjetunion, was ihr Programm und ihre Ziele betrifft, nicht allein vom Chef der Partei und Regierung festgelegt. Zweifellos aber besitzt Nikita Chruschtschow ungemein weitgehende persönliche Vollmachten. So drückt seine Persönlichkeit dieser Außenpolitik weitgehend ihren Stil und Charakter auf. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß sich Partei und Bevölkerung in der Sowjetunion besonders rege für außenpolitische Belange
Der Schwerpunkt der Krise im Nahen Osten hat sich in den letzten Tagen immer mehr vom Suezkanal nach Syrien verlagert. Die pausenlosen Waffenlieferungen der Sowjetunion nach Damaskus beunruhigen nicht nur die Westmächte, sondern auch die unmittelbaren Anrainer Syriens, vor allem die Türkei und den Irak. Immer dringlicher wird die Frage laut: Will, kann, wird Rußland in die Konflikte des Nahen Ostens direkt eingreifen?
Am 7. November dieses Jahres jährt sich zum 40. Male der Tag, an dem der Führer der Bolschewiken, Wladimir Uljanow — in die Geschichte unter seinem publizistischen Pseudonym Lenin eingegangen —, seinen Aufstand im damaligen Petrograd lancierte. Nicht alle seiner Parteigenossen waren mit ihm einverstanden. Viele, unter ihnen seine nächsten Mitkämpfer Z i n o w j e w und Kamenew, die 1938 durch Henkershand starben, sahen die Niederlage kommen. Auch Stalin war damals nicht so „stählern", wie er später, nach seinem ebenfalls angenommenen Namen, von seinen Bewunderern genannt wurde.
Eine der wichtigsten Reformen im derzeitigen Umbau des Sowjetstaates ist die sehr weit gehende Schulreform.Das einstige zaristische Schulsystem beruhte ganz auf dem Normalschulsystem Kaiser Josefs II. von Oesterreich. Da die Sowjets vor etwa 25 Jahren in vielem zur zaristischen Schulmethode zurückgekehrt sind, ist dieses System auch heute weitgehend gültig.Alle Schulen in der Sowjetunion gehörten bis jetzt den drei Kategorien der niederen, mittleren und der Hochschule an. Entsprechend der Vergangenheit war dabei die Mittelschule in zwei Stufen geteilt, ähnlich den Progymnasien und
Den Gymnasiasten Lebedjew lernte ich in der Osternacht 1925 kennen, das heißt, näher kennen, denn gesehen habe ich ihn auch schon vorher öfter. Seine Mutter war damals die Aufwartefrau der österreichischen Gesandtschaft in Moskau. In der damaligen Zeit ging es auch auf den ausländischen diplomatischen Vertretungen in der Sowjethauptstadt noch sehr einfach und bescheiden zu. Die österreichische Gesandtschaft befand sich inmitten eines Parkes in einem alten Adelshause an der Sodowaja Kodrinskaja. Frau Lebedjewa war eigentlich nicht nur Aufwartefrau, sondern auch eine Art von Faktotum.
Ausländische Firmen hatten schon in früheren Jahren versucht, Modevorführungen in der Sowjetunion zu organisieren Jetzt aber war es das erstemal, daß der berühmte Pariser Modeschöpfer Dior eine großangelegte Schau in Moskau über den Laufsteg gehen ließ. Die Franzosen hatten sich wenigstens einen „moralischen“ Erfolg von einer solchen Vorführung westlichen Geschmacks versprochen und waren daher sehr enttäuscht, als die Vorführungen nicht gerade enthusiastisch aufgenommen wurden. Die Bilder, die man von diesen Veranstaltungen zu sehen bekam, zeigen auch deutlich, daß die
Die bevorstehenden Treffen Chruschtschows mit Eisenhower stehen im Mittelpunkt des Weltinteresses. Obwohl es nicht an Stimmen fehlt, die vor einer Ueberschätzung dieser Gespräche warnen, herrscht doch das unbestimmte Gefühl vor, daß sich hier eine historische Wende vorbereitet. Wenn wir im Auge behalten, daß seit langem die Sowjetdiplomatie bilaterale Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten offen anstrebte und Chruschtschow persönlich derjenige war, der diese Zusammenkünfte anregte, dann müssen wir feststellen/ daß der heute leitende Mann der Sowjetunion eigentlich ohne ein deutlich
Die Entsendung des etwa 50jährigen Ersten Steilvertreters des sowjetischen Ministerpräsidenten, Frol Koslows, nach den Vereinigten Staaten bat die Weltöffentlichkeit auf diese relativ neue Gestalt auf dem Parkett der Sowjetpolitik aufmerksam gemacht und zu verschiedenen Spekulationen geführt. Man sieht in Koslow teilweise bereits einen Kronprinzen, den zukünftigen Nachfolger Chruschtschows. Solche Spekulationen sind natürlich zumindest verfrüht. Es bleibt jedoch die interessante Tatsache, daß aus dem dichten Dschungel des sowjetischen Staats- und Parteiapparats neue Menschen in der
Die sowjetische Presse kritisiert in vielen Artikeln gewisse Erscheinungen in der seit dem Tode Stalins dezentralisierten sowjetischen Industrieverwaltung. Dabei wird immer wieder das bei allen Völkern gebräuchliche Sprichwort vom Hemd, das dem Menschen näher ist als der Rock, zitiert, indem diese Binsenwahrheit, auf die sich der Russe besonders gern beruft, bekämpft wird. Nebenbei gesagt, wird dieser Kampf immer wieder periodisch seit vierzig Jahren geführt, immer wieder auf einem anderen Gebiet. Es zeigt sich jedoch, daß der Versuch, die Menschen davon zu überzeugen, daß der Rock und
Im Zentrum des 21. bolschewistischen Parteikongresses der Sowjetunion stand amtlich und offiziell die Bestätigung des großen wirtschaftlichen Siebenjahrplanes, dem der Westen, aber nicht der Osten den Namen Chruschtschows gibt. Chruschtschow hat sich keineswegs wie einst zu Stalins Zeiten als alleiniger Urheber dieses Wirtschaftsplanes vorgestellt, wohl aber als jener politische Führer, der für diesen Plan und seine Durchführung als verantwortlich zeichnet.Der Verlauf des Kongresses zeigte, daß die politische Autorität Chruschtschows zwar gewachsen ist, daß jedoch gar keine Rede davon
Boris Leonidowitsch Pasternak, heute 68jährig, ist ein alter Moskauer. Das Alter ist wichtig und auch, daß er in Moskau geboren und erzogen wurde. Er war im Moskau der Zarenzeit Gymnasiast und Student. Er ist heute einer der wenigen in der Sowjetunion, die das alte Rußland als erwachsene Menschen erlebt haben, und unter den alten Schriftstellern wohl heute der allerletzte, der das alte Moskau genau kennt. Moskau, die geistig-intellektuelle Hauptstadt, mit der Moskauer „Intelligenzia“, die maßgebend für ganz Rußland war. Eine „Intelligenzia“, die mehr als anderswo in Rußland sich
Obwohl in Genf die Atomexperten über die technischen Möglichkeiten der Kontrolle von Atomexplosionen verhandeln, obwohl der Kreml seine nicht abreißenwollende Korrespondenz über die Gipfelkonferenz fortsetzt, ist es doch deutlich spürbar, daß seit einiger Zeit die sowjetische Außenpolitik nicht mehr so selbstbewußt sicher und folgerichtig agiert. Man weiß auch genau, seit wann ein leises Schwanken in den Aktionen der Sowjetdiplomatie bemerkbar ist. Seit jenem berühmten Artikel in der „Volkszeitung“ von Peking, mit welchem der Streit des Ostblockes mit Jugoslawien von neuem
Es sind etwas mehr als hundert Jahre her, seitdem der sogenannte Krimkrieg, auch Orientkrieg genannt, mit dem Fall der Festung Sebastopol beendet wurde. Dieser Krieg war ausgebrochen, weil im Nahen Orient, vor allem in der sogenannten Levante (Palästina, Syrien und Libanon), der „weiße Zar“ in St. Petersburg die ausschlaggebende Großmacht sein wollte. Instrument und Vorwand zur Kriegserklärung war für die damaligen Westmäehte der russische Anspruch auf die Ausübung der Schutzherrschaft über alle orthodoxen und armenischen Christen in diesem Gebiet. Der Konflikt begann ja auch mit
Die Reorganisation der Volkswirtschaft in der Sowjetunion ist in ein entscheidendes Stadium getreten. Nachdem die oberste Verwaltung der Industrie umgestaltet worden ist, ist jetzt die Landwirtschaft an der Reihe. Von welch einschneidender Bedeutung die Auflösung der staatlichen Maschinen- und Traktorenstationen (MTS) und der Verkauf ihres Inventars an die bäuerlichen Kolchosen sind, zeigt schon die Tatsache, daß der Vorgang selbst anders verläuft als bei der Reorganisation der Industrie. Damals wurde die Auflösung der zentralen Industrieministerien einfachhin von oben angeordnet,
I. Der erste StreichWenn'auch der bekannten Ansprache Außenministers Gromyko an eine moskaufreundliche Delegation aus Italien mehrere sowjetische Versuche der Kontaktnahme mit dem Vatikan vorausgegangen sind, so ist doch der direkt und öffentlich ausgedrückte Wunsch eines führenden russischen Politikers nach Aufnahme von Beziehungen mit dem Vatikan ein erstmaliges historisches Ereignis. Nie in der Vergangenheit ist je von einem russischen Zaren oder russischen Minister öffentlich ein derartiges Begehren ausgesprochen worden. Chruschtschow hat denn auch diesen Wunsch damit begründet, daß
Um sich die tragische Lage der Kirchen in Rußland in noch jüngster Vergangenheit vorzustellen, gleichzeitig aber damit auch den Wandel in der Anschauung der Sowjetregierung über die Religionsgemeinschaften zu verdeutlichen, erinnern wir uns daran, daß die Geistlichkeit und überhaupt alle kirchlichen Funktionäre bis zum Jahre 1936 zu den sogenannten „Lyschenzy“ gehörten. Die alte Sowjetverfassung sah nämlich vor, daß ehemalige Mitglieder der zaristischen Polizei, alle Händler und Unternehmer, die Großbauern, d. h. die sogenannten Kulaken, die fremde Arbeitskräfte in ihrem
Im Jahre 1935 schien es, als habe die Sowjetregierung selbst auf die gewaltsame Liquidation der Kirchen verzichtet und diese den militanten Gottlosenverbänden, die ihre antireligiöse und antikirchliche Propaganda mit wilder Vehemenz fortsetzten, überlassen. Niemand erwartete darum eine krasse Veränderung im Verhältnis von Kirche und Staat, selbst dann nicht, als Stalin begann, die moderne Kunst zu verbieten und in allen Lebensäußerungen in der Sowjetunion konservative Grundsätze durchzusetzen. Selbst die Eingeweihtesten ahnten nicht das Kommende.So geschah es denn, daß der damals
Mit dem Eintritt der Sowjetunion in den Krieg 1941, der ja vom Sowjetregime als vaterländischer Krieg und nicht als einer für die Weltrevolution hingestellt wurde, war es für die Sowjetregierung wichtig, durch intensive russisch-nationalistische Propaganda die Widerstandskraft und den Kampfesgeist der Bevölkerung zu stärken. Dazu konnte die russischorthodoxe Kirche einen wesentlichen Beitrag leisten. Sie übernahm nicht ungern die ihr übertragene Rolle. Die Popen predigten nicht nur den Patriotismus und die Pflicht der Vaterlandsverteidigung, sondern sie führten auch Aktionen wie
Charakteristisch für die wirklichen Beziehungen zwischen Sowjetstaat und russisch-orthodoxer Kirche ist das tragische Schicksal der unierten Kirche in den 1939 annektierten ehemals polnischen Gebieten. Nach dem zweiten Weltkrieg beschloß Stalin aus politischen Gründen die Liquidierung dieser auf Rom ausgerichteten Kirche. Bekanntlich war diese Kirche slawischen d. h. ursprünglich griechischen Ritus und hatte sich Ende des 16. Jahrhunderts wiederum dem Papste in Rom unterstellt. Im alten Oesterreich nannte *man sie darum griechisch-katholische Kirche. Sie war einst in der ganzen Ukraine, in
Ist die russisch-orthodoxe Kirche dem Sowjetstaat gegenüber stärker oder schwächer geworden? Nur ein neuer Konflikt mit der Sowjetregierung, also ein sogenannter Ernstfall, könnte diese Frage verläßlich beantworten.Die russisch-orthodoxe Kirche muß heute, ohne reiche Staatssubventionen, nur aus den freiwilligen Spenden der Gläubigen leben. Niemand kann einen Sowjetbürger zu regelmäßigen Beiträgen an seine Kirche zwingen, niemand zwingt ihn, für individuelle kirchliche Dienste eine Gebühr zu bezahlen. Und doch existiert die orthodoxe Kirche. Es existieren Tausende von