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Zum 90. Geburtstag Karl Poppers am 28. Juli: „Laßt Hypothesen statt Menschen sterben"

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Karl Popper, der der theoretischen Nationalökonomie kürzlich vorwarf, sie sei „intellektuell zum Stillstand gekommen", tritt sowohl Freiheitsbeschränkungen als auch ethischem Indifferentismus entgegen. Nach dem Zusammenbruch des Marxismus bildet sein Denken eine wichtige Ressource.

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Karl Popper, der der theoretischen Nationalökonomie kürzlich vorwarf, sie sei „intellektuell zum Stillstand gekommen", tritt sowohl Freiheitsbeschränkungen als auch ethischem Indifferentismus entgegen. Nach dem Zusammenbruch des Marxismus bildet sein Denken eine wichtige Ressource.

Es zählt bekanntlich zum Bestandteil österreichischer Lebensform in der Vergangenheit und Gegenwart, mit der Fülle seiner Begabungen nur auf dem Weg des Exportes und der Nichtbeachtung im eigenen Land fertig werden zu können. Der Wirklichkeitssinn des Österreichers bringt es auch mit sich, Größe erst in geziemendem Abstand wahrzunehmen, anders gesagt, sie in der Regel erst nach dem Tod des jeweils Betroffenen zu entdecken, dann aber um so gründlicher zu preisen.

Es gibt aber auch Ausnahmen: Sir Karl Raimund Popper, der dieser Tage seinen neunzigsten Geburtstag feiert, hat zwar ebenfalls den Gutteil seines Lebens und Schaffens im Ausland, in Neuseeland und England zugebracht, ist aber immerhin noch bei Lebzeiten auch in seiner Heimat geehrt und -was viel entscheidender ist - auch diskutiert und rezipiert worden.

Zwar ist gemessen an seiner internationalen Berühmtheit, gemessen an der Tatsache, daß er etwa für die deutsche Sozialdemokratie zumindest zeitweise als gleichsam offizieller „Hausphilosoph" galt, die Popperdiskussion hierzulande eher bescheiden geblieben. Immerhin versuchte aber etwa die Wiener Universität, an der Popper 1928 promoviert hatte, ihm mit der Verleihung eines Ehrendoktorates und einer Gastprofessur späte Ehren zu erweisen.

Poppers Plädoyer für eine „offene Gesellschaft", gegen den totalitären Weltverbesserungsanspruch utopischer Sozialentwürfe, sein Diktum „Laßt Hypothesen anstelle von Menschen sterben", das von ihm in die Wissenschaftstheorie eingebrachte Prinzip der Falsifikation, sein Bekenntnis zu Toleranz und Liberalität haben ihm auch weit über die Fachphilosophie hinaus bekanntgemacht.

Dieser bringt er im übrigen gesunde Skepsis entgegen: „Ich glaube, daß alle Menschen Philosophen sind, wenn auch manche mehr als andere... Meiner Ansicht nach hat die professionelle Philosophie einiges auf dem Gewissen. Eine ,apologia pro vita sua', eine Rechtfertigung ihrer Existenz ist dringend nötig", heißt es im Aufsatz „Wie ich die Philosophie sehe". Und immer wieder proklamiert Popper die Tugenden der „intellektuellen Bescheidenheit", des besseren „kritischen Argumentes", der klaren unmißverständlichen Sprache.

Gelernter Tischler

Poppers akademisch-philosophische Karriere verlief auch keineswegs geradlinig. Die Schule, die er im Alter von 16 Jahren verließ, der Besuch der Universität bei gleichzeitigem Ab-solvieren einer Tischlerlehre, die Lehramtsprüfung und die Arbeit als Horterzieher ließen ihn bei seiner schließlich 1928 erfolgten Promotion sicher nicht als orthodoxen Studenten erscheinen. Seine kritische Außenseiterstellung zur Philosophie des Wiener Kreises schloß wiederum nicht aus, daß sein Buch „Logik der Forschung" (1934) in den „Schriften zur wissenschaftlichen Weltauffassung", deren Herausgeber Schlick und Frank waren, erscheinen konnte. Nach einigen Monaten in England emigrierte er 1937 nach Neuseeland, um schließlich von 1945 bis 1969 an der London School of Economics zu lehren.

Von seinen zahlreichen Ehrungen seien nur die Erhebung in den Ritterstand 1964 sowie die Ehrendoktorate der Universitäten Denver, Frankfurt und Salzburg genannt. Seit dem Vorjähr ist der Jubilar auch Ehrenpräsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Poppers distanzierte Nähe zum logischen Positivismus, sein strikt antiideologisches, der Evolutionstheorie nahestehendes Denken, das ihn zum Entwurf einer Dreiweltentheorie (in Zusammenarbeit mit Sir John Eccles) führen sollte, ist meist als „kritischer Rationalismus" in wissenschaftstheoretisch-logischer aber auch sozialwissenschaftlicher, Hinsicht bezeichnet worden. Der berühmte Positivismusstreit mit den Vertretern der Frankfurter Schule (Habermas, Marcuse, Adorno) ist in die Geschichte der Sozialwissenschaft ebenso eingegangen, wie Poppers Falisfikationstheo-rie weit über die Naturwissenschaften hinaus fruchtbar wurde.

Kein absolutes Wissen

Popper hat sich schon früh mit dem Problem des Fortschrittes des wissenschaftlichen Wissens auseinandergesetzt, wobei nicht allein kritische Rationalität als entscheidende Lösungsinstanz bei wissenschaftlichen Problemen postuliert, sondern darauf verwiesen wird, daß „Versuch und Irrtum" einen prinzipiell unendlichen Prozeß bei der Annäherung an die Wahrheit darstellen. Ein besseres Verstehen des Universums, der Wirklichkeit und des Menschen bleibt das vorrangige Bestreben der Wissenschaft.

Zugleich aber hat Popper - im Gegensatz zum logischen Positivismus des Wiener Kreises - die prinzipielle Fehlbarkeit unseres Wissens immer betont: Die Entscheidung zur Rationalität muß auch die Bereitschaft zum Irrtum einschließen, zumal wir in unserem Erkennen nie zum absoluten Wissen, sondern immer nur zu Theorien oder Hypothesen gelangen können, die wir so lange für wahr halten dürfen, bis sie falsifiziert, das heißt im methodologischen, logischen oder empirischen Sinn widerlegt worden sind.

Dabei ist der Realismus Poppers ebenso wichtig wie seine Überzeugung, daß wir uns an Wahrheit nur anzunähern vermögen, also das, was traditioneller ausgedrückt als „konsequenter Fallibilismus" bezeichnet werden kann, da eine falsche Theorie bestenfalls durch eine weniger falsche ersetzt zu werden vermag.

Damit bindet Popper die Wahrheit einer wissenschaftlichen Theorie zurück an die Erfahrung, ohne den engen Verifikationskriterien des logischen Positivismus Tribut zu zollen.

Der vorsichtige erkenntnistheoretische Optimismus von einer zunehmenden Verbesserung unserer Erkenntnis über die Welt entspricht auch seiner grundsätzlichen Auffassung vom Menschen, von der Geschichte und den sozialen Systemen: Poppers Kritik am Historizismus, am dogmatischen Glauben an eine historische Gesetzmäßigkeit, wie er sie anhand seiner Kritik an sogenannten „holistischen" Systemen, wie denjenigen Platons, Hegels oder Marx'- vorgetragen hat, mündet in eine Politik der kleinen Schritte, die keine Beglückung der Menschheit verheißt, sondern allenfalls auf eine Verminderung des Übels abgestimmt ist.

Die dabei aufbrechende vehemente Kritik am Marxismus hat Popper selbst unter anderem auch auf autobiographische Erfahrungen gegründet: anläßlich einer Demonstration in Wien in der unmittelbaren Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, die zu mehreren Todesopfern führte, wurde die intellektuelle Anmaßung und der dogmatische, menschenverachtende Charakter des Marximus für den jungen Popper zum Ausgangspunkt einer kritischen Auseinandersetzung, die sich schließlich im Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (1945) niederschlug.

In geradezu erstaunlicher Parallele zu den „Neuen Philosophen" Frankreichs und ihrer Kritik an den neuzeitlichen Meisterdenkern sowie in Nähe zu manchen Theoremen der Postmoderne entwickelt Popper eine Ideologiekritik, die das Prinzip der Schadensbegrenzung an die Stelle der allgemeinen Zwangsbeglückung rückt. Die dabei sichtbar werdenden liberalen Grundgedanken haben im Positivismusstreit auch zu heftigen Polemiken geführt, die Popper vielleicht manchmal zu einfach als „Eiertanz von geradezu grotesker Unwichtig-keit" interpretierte.

Evolution der Ideen

Gewiß hat die inzwischen erfolgte Götterdämmerung des Marxismus und das Aufblühen der auf Pluralismus und Polyphonie setzenden Postmoderne Popper in diesem Punkt recht gegeben, auch wenn sein Konzept kritischer Rationalität vor den dekonstruktivistischen Ansätzen dieser Philosophie kaum standhalten kann. Denn Poppers „piece-meal-enginee-ring" mag zwar ebenfalls den Abschied von den großen Metaerzählungen der Neuzeit bedeuten, bleibt aber in seinem wissenschaftlich-rationalen Anspruch eine Grundgestalt eben jener Moderne, die man an ihr Ende gekommen sieht.

Ähnliches gilt vielleicht auch für Poppers Dreiweltentheorie, die in Anlehnung an die Evolutionstheorie und deren in Österreich vielgehätschelte Ausprägung, die evolutionäre Erkenntnistheorie, entfaltet wurde.

Der intellektuelle Selektionsprozeß, dem nach Popper nicht allein der Mensch und sein Erkenntnisapparat, sondern auch wissenschaftliche Theorien unterliegen, spielt sich in jener Welt ab, die von der Welt der physischen Objekte und jener der psychischen Gegebenheiten ebenso verschieden ist wie von Piatons Welt der ewigen Ideen. Weder ungeordnetes Chaos noch mechanistische Gesetzmäßigkeiten bestimmen unser Leben, darum bleibt Raum für endliche und verantwortende Freiheit und risikobewußtes Handien, etwas, das Popper immer unter Prinzipien gestellt hatte, die Sokrates für unsere Zeit wiederholen: Das Prinzip der Fehlbarkeit, das Prinzip der vernünftigen Diskussion und das Prinzip der Annäherung an die Wahrheit.

Anspruch auf Wahrheit bleibt

Es mag schon sein, daß diese Prinzipien weder besonders originell, noch besonders durchsetzbar anmuten. In einer zunehmend dem Pluralismus als oberstem Prinzip huldigenden Gesellschaft mag auch ein gerüttelt Maß an Skepsis angebracht sein, das freilich für Popper immer wieder von einem ursprünglichen Wissens- und Wahrheitsanspruch geleitet bleiben muß.

Poppers vorsichtiges und gelegentlich nahezu tastendes Denken hindert ihn nicht, im Umfeld kritischer Rationalität Positionen zu verurteilen, die er, wie beispielsweise alle metaphysischen Konzepte, dogmatischer oder ideologischer Feststellungen verdächtigt. Als gleichsam „innerer" Gegner von Szientismus und Positivismus hat Poppers kritisches Denken viel dazu beigetragen, ohne Pauschalverdammung jene Einäugigkeit wissenschaftlichen Denkens zu vermeiden, die tief in unsere Lebenswirklichkeit eingegriffen hat. Selbst wenn man Poppers Überlegungen hinsichtlich einer Deutung der Wirklichkeit, der Welt und des Menschen widerspricht, ist es unmöglich, seiner Position nicht Respekt zu zollen. Ist sie doch von jener zutiefst philosophischen Überzeugung getragen, die alles gesicherte Wissen zugunsten von Toleranz und Verstehen mit sich bringender Weisheit relativiert.

Der Autor ist Professor für Philosophie und wissenschaftlicher Leiter der Landesakademie für Niederösterreich in Krems.

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