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Wer das Sagen hat

Gesellschaft

Meritokratie, aber richtig

1945 1960 1980 2000 2020

Gedanken der Politologin Lisa Herzog zum Thema "Elite" beim Philosophicum Lech.

1945 1960 1980 2000 2020

Gedanken der Politologin Lisa Herzog zum Thema "Elite" beim Philosophicum Lech.

Elitenfeindlichkeit ist wenig verwunderlich, wenn als „Elite“ wahrgenommen wird, wer sich mit möglichst viel Machtinstinkt und Ellbogen durchsetzt – und wenn auch in Fällen klaren Scheiterns noch Abfindungen in schwindelerregenden Höhen gezahlt werden. Die tatsächliche Führungsleistung all derjenigen, die Tag für Tag ihren Betrieb oder ihre Behörde auf Kurs halten, oft unter hohem persönlichem Einsatz, erhält heute leider viel weniger Aufmerksamkeit. Denkt man über Fragen nach Verdienst, Elite und Meritokratie („Verdienstadel“) nach, stellen sich nicht zuletzt psychologische Fragen. Was steckt hinter dem Streben nach „Verdienst“ und danach, an die Spitze zu kommen?

Ich bin davon überzeugt, dass dahinter letztlich die Suche – oder soll man sagen: Sucht? – nach Anerkennung steckt, auch und gerade bei den extremen Fällen derjenigen, die um jeden Preis reüssieren wollen. Die Suche nach sozialer Anerkennung steckt in jedem von uns. Doch bei manchen Menschen scheint es eine Suche nach Anerkennung zu sein, die relativ ist: Sie wollen stets mehr Anerkennung als andere erhalten. Das kann eigentlich nie gut enden, denn in einer globalisierten Welt gibt es immer noch irgendjemand, der weiter oben steht als man selbst.

„Gewinner“ und „Verlierer“

Wenn man das Arbeitsleben in einer kompetitiven Logik eines Kampfes um mehr Anerkennung versteht, werden reihenweise gefühlte Verlierer erzeugt. Das dürfte für unsere Gesellschaften mindes­tens so schädlich sein wie das heimliche Unglück derjenigen, die scheinbar Gewinner sind, in Wirklichkeit aber von Selbstzweifeln zernagt werden. Wer sich selbst als Verlierer sieht, verliert oft die Lust daran, sich überhaupt zu engagieren. Wie viele von denen, die heute als „Versager“ gesehen werden, sind demotiviert, weil sie als „Verlierer“ konzipiert werden? Wie sähe ihre Motivationslage aus, wenn sie sich als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied sehen könnten? In einem allzu kompetitiven Arbeitsleben kann es passieren, dass aus missverstandener Meritokratie jede versagte Beförderung als ein vernichtendes Urteil über die ganze Person gesehen wird.

Die alternative Vision, die sich mit einem funktionalen Verständnis von Meritokratie entwickeln lässt, ist eine, in der es darauf ankommt, dass alle Individuen ihren Platz in einem ausdifferenzierten Netzwerk geteilter Arbeit haben, in dem es auf jede und jeden ankommt. Alle übernehmen Verantwortung für ihren Bereich, alle leisten einen wertvollen Beitrag – nicht gegen-, sondern miteinander. Wir müssten uns nicht vorgaukeln, perfekt zu sein, sondern können auch Schwächen und Fehler zugegeben, weil unser Selbstwert nicht an diffusen und wahrscheinlich falschen Vorstellungen unserer beruflichen „Leistung“ hängt. Zu schön, um wahr zu sein? Ich würde sagen: dringend einen Versuch wert!

Die Autorin ist Politikphilosophin und Professorin an der Univ. Groningen (NL).

Elitenfeindlichkeit ist wenig verwunderlich, wenn als „Elite“ wahrgenommen wird, wer sich mit möglichst viel Machtinstinkt und Ellbogen durchsetzt – und wenn auch in Fällen klaren Scheiterns noch Abfindungen in schwindelerregenden Höhen gezahlt werden. Die tatsächliche Führungsleistung all derjenigen, die Tag für Tag ihren Betrieb oder ihre Behörde auf Kurs halten, oft unter hohem persönlichem Einsatz, erhält heute leider viel weniger Aufmerksamkeit. Denkt man über Fragen nach Verdienst, Elite und Meritokratie („Verdienstadel“) nach, stellen sich nicht zuletzt psychologische Fragen. Was steckt hinter dem Streben nach „Verdienst“ und danach, an die Spitze zu kommen?

Ich bin davon überzeugt, dass dahinter letztlich die Suche – oder soll man sagen: Sucht? – nach Anerkennung steckt, auch und gerade bei den extremen Fällen derjenigen, die um jeden Preis reüssieren wollen. Die Suche nach sozialer Anerkennung steckt in jedem von uns. Doch bei manchen Menschen scheint es eine Suche nach Anerkennung zu sein, die relativ ist: Sie wollen stets mehr Anerkennung als andere erhalten. Das kann eigentlich nie gut enden, denn in einer globalisierten Welt gibt es immer noch irgendjemand, der weiter oben steht als man selbst.

„Gewinner“ und „Verlierer“

Wenn man das Arbeitsleben in einer kompetitiven Logik eines Kampfes um mehr Anerkennung versteht, werden reihenweise gefühlte Verlierer erzeugt. Das dürfte für unsere Gesellschaften mindes­tens so schädlich sein wie das heimliche Unglück derjenigen, die scheinbar Gewinner sind, in Wirklichkeit aber von Selbstzweifeln zernagt werden. Wer sich selbst als Verlierer sieht, verliert oft die Lust daran, sich überhaupt zu engagieren. Wie viele von denen, die heute als „Versager“ gesehen werden, sind demotiviert, weil sie als „Verlierer“ konzipiert werden? Wie sähe ihre Motivationslage aus, wenn sie sich als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied sehen könnten? In einem allzu kompetitiven Arbeitsleben kann es passieren, dass aus missverstandener Meritokratie jede versagte Beförderung als ein vernichtendes Urteil über die ganze Person gesehen wird.

Die alternative Vision, die sich mit einem funktionalen Verständnis von Meritokratie entwickeln lässt, ist eine, in der es darauf ankommt, dass alle Individuen ihren Platz in einem ausdifferenzierten Netzwerk geteilter Arbeit haben, in dem es auf jede und jeden ankommt. Alle übernehmen Verantwortung für ihren Bereich, alle leisten einen wertvollen Beitrag – nicht gegen-, sondern miteinander. Wir müssten uns nicht vorgaukeln, perfekt zu sein, sondern können auch Schwächen und Fehler zugegeben, weil unser Selbstwert nicht an diffusen und wahrscheinlich falschen Vorstellungen unserer beruflichen „Leistung“ hängt. Zu schön, um wahr zu sein? Ich würde sagen: dringend einen Versuch wert!

Die Autorin ist Politikphilosophin und Professorin an der Univ. Groningen (NL).