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Digital In Arbeit

Weder—noch

Die Monatsschrift des österreichischen Arbeiterkammertages und des österreichischen Gewerkschaftsbundes, „Arbeit und Wirtschaft", zitiert in ihrem Augustheft folgende Stelle aus einem Vortrag Erzbischof Dr. Jaehyms:.... In dieser Situation werden wir heuer den Katholikentag begehen. Er 6teht unter der Parole „Freiheit und Würde des Menschen" — einer Parole, die über den engeren kirchlichen Bereich hinaus ein Anliegen aller dar6tellt. Sie geht vom Anspruch der Kirche aus, in rein menschlichen Dingen ihr Wort zu erheben, auch wenn 6ie über Kirchenraum und Sakristei hinausreichen. Freiheit und Würde des Menschen sind Werte, die nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Vergangenheit das Höchste bedeutet haben. Es sind ewige Werte, die über alle Zeiten hinübergerettet werden müssen. Jede Zeit hat jedoch ihre eigene Form, in der sie diese Werte faßt. Die Kirche kämpft für den geistigen Inhalt dieser Werte, nicht aber für die Form, in der sie sich in der Vergangenheit repräsentieren; für ihren Gehalt, nicht aber für ihre bourgeoise Fassung. Wir dürfen nicht in den Fehler verfallen, deswegen, weil diese Werte auch der Vergangenheit viel bedeutet haben, sie auch mit den Mitteln der Vergangenheit verteidigen zu wollen. Die Kirche kann nicht der Nachtwächter einer untergehenden oder sich selbst aufgebenden Gesellschaftsordnung sein. Nicht für die Fassade der vergangenen Zeit, wohl aber für die ewigen und unbedingten Werte ist die Kirche bereit, einzustehen. E6 gibt hier eine Grenze, die zu überschreiten auch im religiösen Sinn Hochverrat bedeutet..."

Das Blatt schließt an dieses Zitat folgende Bemerkungen an:

„Wer der Überzeugung ist, daß die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die den Faschismus geboren und sich vor ihm selbst aufgegeben hat, unfähig und ungeeignet ist, die ewigen Werte der Freiheit und Menschenwürde zu verteidigen; wer der Überzeugung ist, daß die Wirtschafte- und Gesellschaftsform der Bourgeoisie einer neuen Ordnung weichen muß, die der arbeitende, der geistig und der manuell schaffende Mensch bestimmt; wer seine Hoffnung dem Sozialismus zuwendet, der wird es dankbar begrüßen, daß der hohe Kirchenfürst e6 ablehnt, die Kirche im Kampf für die „bourgeoise Fassung der ewigen Werte Freiheit und Menschenwürde einzusetzen; daß er ebenso für cjie Kirche die Rolle des Nachtwächters einer „untergehenden oder sich selbst aufgebenden Gesellschaftsordnung“ ablehnt.

Das Blatt der nach dem Willen eines großen Teiles der österreichischen Arbeiter überparteilichen Interessenvertretungen der Arbeitnehmer legt seinen Lesern also folgende Schlußfolgerungen nahe: Wenn die Kirche in ihrem Kampf für Freiheit und Würde des Menschen der bürgerlichen Form der Verwirklichung dieser Werte ihre Unterstützung versagt, muß wohl angenommen werden, daß sie der sozialistischen Form zuneigt. Dieser Schlußfolgerung liegen zwei Annahmen zugrunde. Erstens, daß die Kirche überhaupt bereit ist, einer bestimmten politischen Ideologie ihre Unterstützung oder Förderung zu geben. Zweitens, daß es nur zwei mögliche Alternativen der Ordnung des gemeinschaftlichen Lebens gibt, nämlich — in Schlagworten gesagt — die bürgerlich-liberale und die sozialistische.

Unseres Erachtens sind beide Annahmen falsch. Eine Deutung der Worte des Kirchenfürsten darf die Tatsache nicht außer acht lassen, daß bisher in breiten Kreisen der Öffentlichkeit der Eindruck bestand, als wäre die Kirche eine der wesentlichen Stützen der sogenannten bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Dieser Eindruck hat sich mit einer nicht leicht verständlichen Zähigkeit erhalten, obwohl gerade die katholische Kirche an dieser Gesellschaftsordnung seit eh und je scharfe Kritik übte und ihr Forderungen und Normen entgegensetzte, die das Verständnis der Kirche für die Sorgen und Nöte der ärmeren, wirtschaftlich und sozial schwächeren Bevölkerungsschichten mit aller Deutlichkeit unter Beweis stellten. Die Kirche war bestrebt, den goldenen Kern zeitlos gültiger Werte gegenüber allen zeitbedingten Ideologien und . historischen Gesellschaftsformen zu bewahren, Die sozialen Enzykliken der Päpste sind deshalb ebenso reich an kritischen Äußerungen gegenüber dem Sozialismus wie gegenüber der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Daß die Kirche dabei revolutionären Lösungen mit besonderem Mißtrauen gegenüberstand und einer evolutionären Wandlung der Verhältnisse den Vorzug gab, hat ihr den Vorwurf eingetragen, sozial reaktionär zu sein. Wir meinen, daß dies der Grund dafür ist, daß nicht nur in Österreich kompetente kirchliche Stellen Wert darauf legen, von der einen der beiden historischen Gesellschaftsordnungen besonders deutlich Abstand zu nehmen. Knapp formuliert, sagen deshalb die Worte des Erzbischofs, daß die Kirche auch nicht für die bürgerliche Gesellschaftsordnung kämpft — was sich im übrigen von selbst versteht. Nur haben es eben viele noch nicht verstanden.

Das Gespräch um die Grundfragen der gesellschaftlichen Ordnung hat sich so sehr im Gegensatzpaar Privatkapitalismus— Staatskapitalismus verfangen, daß scheinbar unvermeidlicherweise jede Kritik an der einen dieser beiden historischen Gesellschaftsordnungen als eine Stellungnahme für die andere ausgelegt wird. Es ist so etwas wie ein unfruchtbarer Leerlauf eingetreten, in dem die Vertreter der einen Richtung denen deT anderen beweisen, daß sie unrecht haben, was beiden Seiten mit Überzeugung gelingt. Das Volk fühlt diesen Leerlauf und nimmt deshalb an dem Gespräch nicht mehr von Herzen teil. Es wartet und lauscht. Dem Lärm des Klassenkampfes, der ein echtes Kämpfen war, ist eine große Stille gefolgt, in dem da und dort noch die Veteranen der politischen Glaubenskämpfe krampfhaft und trostlos Ideologien verfechten, an die niemand mehr glaubt. Es fehlen echte Überzeugungen. Der einzelne lebt dem Alltag. Das politische Geschehen ist von bloßen Machtkämpfen der Interessengruppen erfüllt. Die Kirche trägt dieser

Situation auf ihre Weise Rechnung, indem auch sie sich aus dem politischen Gespräch zurückzieht.

Der Dialog des Weltgeschehens hat eine neue Ebene gewonnen, auf der es den Völkern des Abendlandes obliegt, sich ihres neuen Standortes erst bewußt zu werden. Er wird aus beiden Grundrichtungen der Konzeption einer gesellschaftlichen Ordnung Elemente in sich schließen. Es kommt eben darauf an, bleibenden Werten eine neue gültige Form zu geben und nicht verbrauchte Formen zu erhalten.

Freiheit und Würde des Menschen! Wer wollte leugnen, daß sie auch dem Sozialismus als sittliche Impulse von stärkster; Kraft zugrunde lagen. Und doch hat eben dieser Sozialismus in letzter Konsequenz zu Unfreiheit und Entwürdigung des Menschen im Staatskapitalismus geführt — nicht anders als der ungehemmte Privatkapitalismus. Die politischen Mächte klammern sich heute nur mehr an die äußeren Formen dieses oder jenes Ordnungsstiles fest. Der goldene Kern ist verloren.

Freiheit und Menschenwürde fordern in erster Linie Achtung vor dem anderen, als dem bei aller Verschiedenheit der Anlagen und der sozialen Funktionen seinem menschlichen Wesen nach Gleichem. Es war einer der vielen Irr- tümer am Rande des Weges der Menschheit, daß Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit — urchristliche Ideale — im Verfolge der Französischen Revolution eine rein äußerliche, organisatorisch - quantitative Deutung und Anwendung erfuhren. Daneben hat sich aus heidnischer Vergangenheit die Vorstellung von so etwas wie einem besseren oder höheren und infolgedessen auch einem schlechteren, niedrigeren Menschsein erhalten. Es scheint, daß die fundamental christliche Lehre von der wesentlichen (das ist also nicht eigenschaftlichen oder funktioneilen) Gleichheit aller Menschen erst heute zum Durchbruch zu gelangen beginnt. Diese Achtung vor dem anderen hat eine Fülle praktischer Konsequenzen. Angefangen von dem unbedingten Verzicht auf jeden (leider auch heute noch oder neuerdings üblichen) Gesinnungsdruck bis zu den vielen Stellen menschlicher Zusammenarbeit und Begegnung. Hier in den kleineren menschlichen Gemeinschaften, im engsten täglichen Kontakt von Mensch zu Mensch werden die großen Probleme der Menschheit gelöst.Hier wirkt der sittliche Imperativ am unmittelbarsten. Hier wird und bewährt sich Gesinnung.

In einer Zeit, in der die geltenden Formen der Ordnung des Zusammenlebens zutiefst fragwürdig geworden sind, kann eine neue Ordnung nur in der Besinnung auf die letzten Werte gefunden werden. Es wurde schon häufig darauf hingewiesen, daß eine sich selbst tragende Ordnung, Freiheit und persönliche sittliche Verantwortlichkeit eine unlösbare Einheit sind. Diese Erkenntnis hat aber im praktischen politischen und wirtschaftlichen Leben zu wenig Anwendung gefunden. Kultur ist Pflege des göttlichen Funkens im Menschen und nicht Sozialtechnik (ein häßliches aber bezeichnendes Wort) und Organisation. Der moderne Staat erdrückt den Menschen. In bester, blinder Absicht werden Institutionen geschaffen, die, wia die des sogenannten Wohlfahrtsstaates allem Eigenständigen, Eigenverantwortlichen, Initiativen, die Luft zum Atmen nehmen. Lebendige Kraft erstickt und immer schwerer lastet auch der Bürger auf dem

Staat. In den Oasen der Freiheit daneben aber ging die sittliche Bindung verloren. Wirtschaftliche Zweckmäßigkeit und Eigennutz sind keine verläßlichen Regulative.

So ringt denn der Teil der Welt, der sich vom kollektivistischen Zwang freigehalten oder sich ihm entzogen hat, um eine neue Form. Mit dem inneren Zerfall ist auch die Ordnung verfallen. Die Völker warten. Die Kirche hütet die unvergänglichen Werte. An uns aber, den Menschen dieses Jahrhunderts, liegt es, die Einheit unseres Kulturraumes in der Gemeinsamkeit der Überzeugungen und des Wollens wiederherzustellen, die veralteten Formen von Staat, Wirtschaft und Recht durch neue zu ersetzen, kurz eine neue Ordnung 2m bauen.

Privatkapitalismus und Staatskapitalismus, die letzte Konsequenz des Sozialismus in seiner historischen Form, sind beides innerlich überlebte Systeme. Die Menschheit schickt sich an, einen mutigen Schritt über beide hinaus zu machen, zu Freiheit und Würde des Menschen.

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