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Nicht nur Überflüssiges

Der ORF feiert sich und "100 Jahre Radio" mit einer Ausstellung auf der Schallaburg.

Das Jubiläum ist, wie Radio-Altmeister Ernst Grissemann unumwunden zugab, ein virtuelles. Aber Feste soll man feiern wie sie fallen, und wenn man das Datum dafür dazuerfinden muss.

Also beging und begeht man in Österreich "100 Jahre Radio" - mit einer Sonderausstellung auf der niederösterreichischen Schallaburg. Ernst Grissemann, Miterfinder von Ö3 und Landes- beziehungsweise Hörfunkintendant a.D. führte bei der Eröffnung durch einige Kapitel Radiogeschichte.

Dass hierzulande 1902 als Geburtsstunde des Radios angenommen wird, hat mit den Experimenten von Johann Fritsch und seinem Sohn Volker zu tun, die in Wien eine Sende-Empfangs-Anlage konstruierten, mit der erstmals die saubere drahtlose Übertragung von Impulsen möglich wurde. Vater und Sohn Fritsch verbesserten dabei eine Anlage, wie sie Guglielmo Marconi ein Jahr zuvor benutzt hatte, um den Morsebuchstaben "S" über den Atlantik zu senden.

Doch Marconi oder die Fritschs sind eigentlich mehr Erfinder des Funkens, denn des Radios (wiewohl das Funken die Voraussetzung für dieses darstellt). Stimmiger - und ebenso patriotisch - wäre es wohl, den 15. Juni 1904 als die Geburtsstunde des Radios anzunehmen: Damals gelang es nämlich an der Grazer Technischen Hochschule dem Ingenieur Otto Nußbaumer, erstmals Ton und Gesang zu übertragen. Ab 1916 wurden in den USA regelmäßig Radioprogramme ausgestrahlt, in Österreich dauerte dies bis 1923. Damals begann mit der Ansage: "Hallo, hallo, hier Radio Hekaphon auf Welle 600" endgültig das heimische Radiozeitalter. Ein Jahr später wurde die RAVAG, die Radioverkehrs AG, von Oskar Czeija gegründet, untergebracht im ehemaligen Kriegsministerium am Stubenring.

In der Ausstellung "100 Jahre Radio" auf der Schallaburg sind sowohl die archaisch anmutenden Detektoren und antiken Empfangsgeräte dieser Zeit ausgestellt als auch Tonbeispiele früher Sendungen hörbar gemacht, darunter das bekannte Interview mit Arnold Schönberg aus dem Jahr 1929, in dem der Komponist - etwas kulturpessimistisch - über das Radio, das modernste Unterhaltungsmedium, sagte: "Man muss auch die notwendigen Dinge verbreiten dürfen und nicht nur die überflüssigen."

Schon in den späteren Jahren der Ersten Republik war das Radio auch Instrument politischer Propaganda und Meinungsbildung; 1934 besetzen die Nazi-Putschisten auch die RAVAG-Studios und zerstören sie weitgehend. Und Kurt Schuschniggs Kapitulation vor Hitler 1938 "Gott schütze Österreich" war eine Abschiedsrede im Radio. Dass die NS-Maschinerie das Radio - wie kaum zuvor vorgestellt - für ihre Zwecke zu nutzen wusste, ist aus der Geschichte ebenfalls bekannt. Der "Kuckuck" mit dem Luftschutzwarnungen im Krieg eingeleitet wurden, ist aus dieser Zeit in der Ausstellung ebenso zu hören wie eine BBC-Propagandasendung, gesprochen von Thomas Mann.

In der Zwischenkriegszeit wurde auch mit Bildübertragungsverfahren experimentiert: Das ist wenig bekannt. Schon 1928 war es mit dem "Fultographen" möglich, stehende Bilder zu übertragen. Wiewohl sich diese Technik nicht durchsetzte, so kann das Radio für sich dennoch in Anspruch nehmen, zur Geburt des Fernsehen wesentlich beigetragen zu haben

Nach der Wiedererrichtung Österreichs gab es - gemäß den Besatzungszonen - vier Radiosender, die sukzessive in eine Radiaoanstalt übergeführt wurde. 1964 fand das legendäre Rundfunksvolksbeghren statt, das den - wie er nun hieß - "Österreichischen Rundfunk" vom Proporz befreien sollte. Das Volksbegehren war ein großer Erfolg, und Gerd Bacher, der 1967 an die ORF-Spitze kam, baute die Anstalt zu einem modernen Sender um.

Auch fürs Radio waren das goldene Zeiten: Die Programmteilung in Ö1, Ö Regional und Ö3, die das Radio heute immer noch prägen, wurde damals besiegelt. Neben diesen organisatorischen Entwicklungen zeigt die Ausstellung auch Modelle von Radiogeräten aus allen Jahrzehnten - etwa ein rotes "Schulfunkradio" oder das bekannteste Radiomodell der Fünfziger, die "Eumigette 382 W" aus dem Jahr 1956, die um 999 Schilling zu haben war. Das erste Transistorradio, das in den sechziger Jahren die schwerfälligen Röhrengeräte ablöste bis hin zu den Apparaten, wie sie heute Kids und Ältere verwenden.

Die technische Entwicklung ist seit den sechziger Jahren rasant weitergeschritten: Stereo, Digitalisierung und Regionalisierung; mit FM4 wurde in den neunziger Jahren schließlich auch ein alternatives Jugendprogramm installiert. Dass Österreich spät, aber doch, seit vier Jahren auch Privatradiosender kennt, wird in der Ausstellung nicht verschwiegen, aber doch nur beiläufig erwähnt.

Dass Radio heute auch mit dem Internet vernetzt ist und dabei neue, interaktive Formen entdeckt werden, kann man in der Schallaburgausstellung selbst interaktiv nachvollziehen.

"Radio erlebt eine Renaissance", gab sich Hörfunkdirektor Kurt Rammerstorfer bei der Ausstellungseröffnung sicher. Was mache die Faszination des Radios aus? Rammerstorfer: "Es ist schnell, es ist mit viel Fantasie verbunden, es ist nicht so vordergründig wie das Fernsehen - und es ist intellektueller als das Fernsehen."

Also: Nichts wie hin und Radio hören!

Bis 27. Oktober

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