Digital In Arbeit

Abenteuer ohne Risiko

1945 1960 1980 2000 2020

Individualisten und Querköpfe sind nicht erwünscht bei den streng durchorganisierten "Abenteuerreisen" ohne Risiko.

1945 1960 1980 2000 2020

Individualisten und Querköpfe sind nicht erwünscht bei den streng durchorganisierten "Abenteuerreisen" ohne Risiko.

Uhrzeiten hängen massenweise im Reisebüro der "Pineapple-Tours" in der Wiener Währingerstraße. Eine organisierte Reise kommt ohne Regeln und Zeiten nicht aus. Wenn es in Wien 16 Uhr 10 ist, zeigt der Chronometer in Quagadougu gerade Dreivierteleins, in Twin Peaks schreibt man Viertel vor neun, genauso wie in Feuerland. Die Destinationen des vor fünf Jahren gegründeten Unternehmens sind so exotisch wie die angebotenen Touren. Abenteuer im Katalog verkaufen sich gut, auf den mit Tierfellimitationen überzogenen Hockern im orangegestrichenen Reisebüro wird eifrig gebucht.

"Für eine Reise braucht man Zeit. Zweitens mehr Zeit. Und auf gar keinen Fall ein wie auch immer geartetes Reisebüro", schreibt Rainer Nikowetz im "Profil extra" (Jänner 1998). Er ist immerhin 15 Monate weltreisend unterwegs gewesen, allein. Das ist die wahrscheinlich einzige Art, Abenteuer wirklich zu erleben. Ohne das Sicherheitsnetz einer erfahrenen Gruppe.

Das paradoxe Ziel der "Pineapple-Tours", risikolose Abenteuer zu verkaufen, hat trotzdem voll eingeschlagen. Das Konzept spricht nicht jeden, sondern eine ganz bestimmte Zielgruppe an: Kontakt mit Einheimischen, Interesse an der Kultur des Landes, Naturbegeisterung, eine gewisse sportliche Mindestkondition und die Bereitschaft, das eigene Zelt aufzubauen oder einen Rucksack zu tragen sind genauso Voraussetzung wie das Befolgen der Verhaltensregeln, die der Reiseführer im jeweiligen Kulturkreis erklärt. Erst diese Eigenschaften machen es möglich, daß die "Pineapple Tours" seit fünf Jahren risikolose Abenteuer versprechen können.

Safaris, Raftig, Bungee Jumping in Zimbabwe, Trekking in den Anden oder zum Macchu Picchu, ein Elefantenritt durch den Dschungel, Eseltouren oder Kamelwanderungen, Übernachtungen mit Einheimischen quer über den Kontinent sind nur einige Angebote aus dem 107 Seiten starken Katalog. Jede dieser Touren braucht immens viel Vorbereitung, damit der organisierte Nervenkitzel auch risikolos funktioniert. "Ein, zwei Jahre" schätzt Reiseleiter Günther Amann die Laufzeit, die ein Angebot von der Idee bis Abbildungsreife im Katalog braucht.

Dabei sind die Reiseleiter für jedes Land extrem gut qualifiziert. Er selbst kann auf sechs Jahre Erfahrung als Chefreiseleiter im Ausland zurückblicken, seine Kollegin Silvia Morgan-Bustermann hat selbst drei Jahre in Peru gelebt. Die Kontakte und Verbindungen, die damals entstanden sind, braucht sie immer wieder. Zusammenarbeit mit einheimischen Reiseleitern, Angebote wie das Wohnen im Langhaus mit etwa 400 Einheimischen unter einem Dach sind ohne persönliche Beziehungen unmöglich.

Es gehört zur Ideologie der "Pineapple Tours", möglichst wenig Zeit in Hotels, dafür umso mehr mit Eingeborenen, in der Natur, unter freiem Himmel oder sonstwo zu verbringen. Die Leute, die auf Abenteurreisen inklusive Trekking oder ähnlichem mitfahren, müssen sich auf ein fremdes Land, auf Kontakte mit Einheimischen, auf Komfort-und Statussymbolverzicht, wie Versacekleidung, Schmuck oder ähnliches, auf die Gruppe und den Reiseleiter einlassen.

Dabei ist "Abenteuer" nach Günther Amann nicht so einfach zu definieren. "Für den einen ist es schon etwas Verrücktes, in einem Flugzeug zu sitzen, dabei ist da nichts Gefährliches dabei." Es eher um die Überwindung ureigenster Ängste als um wirklich haarsträubende Dinge. Selbst ein erfahrender Reisender, ist ihm vollkommen bewußt, daß extreme, unvorhersehbare Situationen bei Abenteuertouren absolut vermieden werden müssen.

"Unser Kunde ist im Prinzip mit einem doppelten Netz abgesichert, denn passierte etwas, wir hätten sofort eine Gerichtsverhandlung am Hals." Die höhere Kunst einer Abenteuerreisenorganisation besteht darin, daß etwas Ungefährliches gefährlich aussieht, und jedes Risiko kalkulierbar bleibt. Ausreißer, Individualisten oder Querköpfe, die sich nicht an Regeln oder Hinweise über Landessitten, Kleidung und ähnliches halten, sind extreme Risikofaktoren. Glücklicherweise kommen solche Leute gar nicht auf die Idee, in einer Gruppe Abenteuer erleben zu wollen.

"Wenn sich jemand nicht an das hält, was ich sage, ist er selber schuld", beansprucht Morgan-Bustermann Autorität.Die braucht sie auch, um bis zu sechzehn Personen drei Wochen lang durch Lateinamerika zu führen, Wanderung und Bergtour inklusive. Abmachungen werden immer eingehalten, verloren ist ihr noch keiner gegangen, und daß jemand in Lima oder sonstwo auf eigene Faust Erforschungen in Slums oder schlechten Gegenden gewagt hätte, ist auch noch nie vorgekommen. "Das wäre nur noch dumm", zeigt sich die Südamerika-Expertin ortskundig. "Im Dschungel in Costa Rica gibt es knallrote Pfeilfrösche, und wenn die jemanden beißen, dann ist er innerhalb von 10 Sekunden tot", weiß Amann.

In der Vorbesprechung wird daher das Verhalten im Dschungel genau durchgegangen, und "eher ein bißchen übertrieben und Angst gemacht", als bagatellisiert. Es gibt auch Touren verschiedener Schwierigkeitsgrade. "Im Notfall schicken wir jemanden zum Amtsarzt", bemüht sich Amann jedes Risiko konditioneller Überforderung auszuschalten. Das Wissen um die Grenzen jedes einzelnen und gute Vorbereitung sind Voraussetzung für eine gelungene Tour.

"Kleinkinder sind ein Ding der Unmöglichkeit", genauso wie Tiere. Der Kunde bucht im Durchschnitt sechs bis acht Wochen vor Antritt der Reise, es gibt genaue Listen für die notwendigen Dinge, die mitmüssen. Wer nicht zu den empfohlenen Vorbesprechungen kommen konnte, wird eben noch im Flugzeug gebrieft. Immerhin geht es ja in Thailand, in Nepal, Pakistan oder der Mongolei ins Hochgebirge. "Da braucht man Goretex-Schuhe, einen dicken Pullover, einen Anorak und eine Pellerine, die bis zum Boden reicht", gibt Amann Einblick in die Liste. Vorbereitet werden die Teilnehmer wie auf eine Exkursion. Auf einer Tour der Schwierigkeit drei müssen sie immerhin ihr Gepäck ein, zwei Tage mittragen, mitunter bei schlechtem Wetter.

"Wer sich nicht an die Liste hält, ist selber schuld. Ich kann doch nicht die Koffer kontrollieren", stößt allerdings auch Amann an Grenzen. Glücklicherweise ist das noch nicht passiert.

"Das Ärgste, an das ich mich erinnern kann, war, daß sich einer den Knöchel verstaucht hat", sagt Morgan-Bustermann. "Am schönsten ist immer, wenn einen Leute auch nach einer Tour noch anrufen, und wie einen Freund behandeln." Nach dem intensiven Einsatz von drei Wochen langer Betreuung über Tag und Nacht ist das nur gerecht.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau