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Wie redet man mit einem Schriftsteller?

1945 1960 1980 2000 2020

Nach der Lesung - der neunte und letzte Teil der Furche-Serie: "Oed und Edelschrott - Abenteuer auf Lesereisen".

1945 1960 1980 2000 2020

Nach der Lesung - der neunte und letzte Teil der Furche-Serie: "Oed und Edelschrott - Abenteuer auf Lesereisen".

Soziologisch betrachtet ist mein typischer Sympathisant, Leser und Lesungsbesucher weiblich, um die fünfzig, Inhaber der österreichischen Staatsbürgerschaft, auf Maturaniveau, nicht reich, aber wohlhabend verheiratet, politisch und philosophisch gemäßigt und führt fallweise gutbürgerlich-liberal seine Tochter mit sich, die aber entweder unscheinbar bis unschön oder schüchtern oder auch schon durch und durch verheiratet ist. Es sind also auch nach der Lesung keine dramatischen Exzesse zu erwarten, meine Frau kann ganz beruhigt zu Hause bleiben, und als ultima ratio lauert sogar in Ludersdorf das Pay-TV, schon armselig genaugenommen. Wenn man da an die ekstatischen, orgiastischen Nachspiele denkt, die Dichterlesungen in den späten Sechzigern angeblich serienweise evoziert haben, an die Zeit, in der Lesungen durchaus als Ersatzbefriedigung für nicht stattfindende Rolling-Stones-Konzerte galten. Umgekehrt ist in meinem Fall die Lage wenigstens noch nicht so prekär wie bei manchen lieben Kollegen, die zwar literarische Dauerbrenner und alteingesessene Publikumsmagneten sind, aber stets fürchten müssen, daß ihnen das Stammpublikum von einer Lesung zur anderen komplett wegstirbt. Die Frauen und Fräulein sind jedenfalls selbst schuld, daß meine Literatur nicht erotischer ist, als sie ist. Wenn sie gern eine Liebesgeschichte wollen, müssen sie schon auch von sich aus etwas dafür tun. Ich bin bloß der Seismograph. Zugegeben, eine Affaire mit einem Seismographen, ein One-night-stand mit einem nasivinabhängigen HNO-Dauernotfall, ein libidonöses Techtelmechtel mit dem Gewissen der Nation ...

Wenn die Lesung nicht ohnehin im Wirtshaushinterzimmer stattgefunden hat, verlagert sich der harte Kern der Lesungsgemeinde samt Dichter und Veranstalter im Anschluß ins Wirtshaus zum gemütlichen oder verkrampften Beisammensein: Der geistige Prozeß eines ich zum Angreifen. Ich kann mittlerweile feststellen, daß dabei in den Wirtshäusern von Bludenz bis Wiener Neustadt immer dieselben Fragen gestellt werden. In der Reihenfolge ihrer Häufigkeit lauten sie: Wie lange schreiben Sie schon? Warum? Sind Sie vor einer Lesung aufgeregt? Wie autobiographisch sind Ihre Geschichten? Wie geht es dem Alois Brandstetter? Haben Sie schon den Bachmannpreis gewonnen? Kann man vom Schreiben leben? Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß die Fragesteller das wirklich interessiert und daß sie das wirklich wissen wollen. Eher stellen sie sich so wahrscheinlich den branchenüblichen Fachsmalltalk vor. (Für die Unbelehrbaren hier sicherheitshalber ein für allemal die autorisierten, ultimativen Antworten: Lang. Keine Ahnung. Nein. Mehr oder weniger. Gut. Nein. Ja und nein.) Ich glaube eher, daß die Leute - neugierig, wie sie sind - einfach gern mit mir reden möchten, aber jenseits des gutbürgerlich Liberalen nicht so recht wissen, was, wie auch ich gern mit den Leuten rede, aber nicht weiß, wie und worüber. Die Frage ist: Wie redet man mit einem leibhaftigen Schriftsteller? Literaturwissenschaftliches Gefasel mag er ganz bestimmt weder hören noch wiederkäuen. Im Grund existieren nur zwei seriöse Aussagemöglichkeiten: 1) Ihr Buch hat mir nicht gefallen. Die Variante bietet den Vorteil, daß man sich anschließend in Begründungsversuchen verheddern kann, und den Nachteil, daß der leibhaftige Schriftsteller darauf gelassen entgegnet: Wie Sie meinen. 2.) Ihr Buch hat mir gefallen. Damit ist schon wieder alles aus. Das heißt, eigentlich kann man mit einem Schriftsteller gar nicht reden, jedenfalls nicht mit einem Schriftsteller als Schriftsteller. Schriftsteller untereinander hätten wenigstens ein ergiebiges Thema: Geld. Was soviel bedeutet wie: Geldmangel.

Ich glaube also, daß die Lesungsbesucher mich gern oberflächlich kennenlernen wollen, aber nicht wissen, wie, und wenn sie mich kennen würden, würden sie mich auch ganz bestimmt nicht kennenlernen wollen. Statt dessen erzählen sie im Wirtshaus fallweise etwas gutbürgerisch Liberales von sich. Zum Beispiel liegt Wiener Neustadt drei Meter höher als Bad Fischau und ist die zweite Stadt Österreichs, die bei Gelenksproblemen die Stoßwelle zum therapeutischen Einsatz bringt. Manchmal läßt sich einer aber tatsächlich aus der Reserve locken. Der Neurologe erzählt, daß er in der Ordination jetzt eine Sterbelade hat. Seine Gattin, eine ganz nette Frau und übrigens hübsch, schmiegt sich an seine Seite und flüstert schmunzelnd: Liebling, paß auf, das liest du zwei Wochen später in der "Presse". Drei Wochen später kommt dann aus Bad Fischau die unverschämte Frage, welchen Neurologen ich denn gemeint habe.

Ich glaube also eher, daß das Intimpublikum im Wirtshaus in Wirklichkeit lieber ganz andere Fragen stellen würde, zum Beispiel, wie es in mein nächstes Buch kommt, wie es vermeidet, in mein nächstes Buch zu kommen, wie das mit dem Pay-TV konkret ist, ob man in einem Hotelzimmer in der Fremde nicht entsetzlich einsam ist und was denn mein Mister Hyde studiert hat, daß ein Doktor daraus geworden ist. Aber sie fürchten, glaube ich, daß ich sie hemmungslos anlüge, zum Beispiel, wenn ich ihnen auftische, daß ich gern während einer Lesung erschossen werden möchte, oder sie fürchten, daß ich ihnen eine blöde Antwort geben und auf ihre Frage, warum ich denn gern während einer Lesung erschossen werden möchte, zum Beispiel sage: Damit mehr Leute kommen. Schriftsteller sind so fürchterlich unberechenbar, und sie müssen nie den Wahrheitsbeweis antreten. Oder ich könnte die Gegenfrage stellen: Wie würden denn Sie gerne sterben? Haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht? Nein? Dann wird es aber Zeit! Zu welcher Jahreszeit? Im Winter oder doch eher im Sommer? Das muß man sich ja visualisieren! Im Herbst, wenn es kalt und kahl und ungemütlich wird, oder im Frühling, wenn alles blüht und die Vögel zwitschern? Nach der Fußballweltmeisterschaft oder bereits davor. Aber dann werden Sie nie erfahren, wer gewonnen hat. Zu welcher Tageszeit? In der Früh oder am Abend? Zu Hause oder auswärts, angezogen oder im Pyjama? Am Wochenende? Krank oder gesund? Allein oder in Anwesenheit und unter Aufsicht anderer Menschen? Woran genau und unter welchen Umständen? Na also!

Die fürchterliche Wahrheit ist, daß zwischen uns keine seriöse Gesprächsbasis existiert. Es ist auch letztlich nicht ganz einzusehen, warum man mit einem Haufen unbekannter Leute Themen debattieren soll, die man normalerweise nur mit seinem Analytiker bespricht. Ein tragischer Mensch kann unmöglich mit einem komischen Menschen sprechen, ein komischer unmöglich mit einem tragischen. Ein in seiner Tragik komischer und gleichzeitig in seiner Komik tragischer Mensch kann mit überhaupt niemandem sprechen, was an sich tragisch ist, wenn auch mitunter mit komischen Konsequenzen, und er würde, falls er doch eines führt, bei einem Gespräch mit einem anderen Menschen keinerlei Wahrhaftigkeit zu Tage fördern, nicht, weil er gar kein Interesse daran hätte, sondern weil er daran nicht - mehr - glaubt. Zu viele deprimierende Irrgänge und Fehlversuche hat er anderswo bei Wehtuwahrhaftigkeit zu Tage fördern wollenden Menschen gesehen. Und er hat auch gar keinen Analytiker.

Wenn statt Neurologen, Orthopäden und Steuerberatersgattinnen ein Journalist anwesend ist, heißt das Nachbereitungsgeplauder im Wirtshaus Interview und basiert auf der Theorie, daß jemand, der etwas geschrieben hat, darüber etwas zu sagen hat, als ob er es nicht gleich hätte sagen können, wenn er es hätte sagen statt schreiben wollen. Bei mir jedenfalls führt ein Mikrophon beinahe automatisch zu blöden Antworten, und auch wenn meine Stimme scheinbar auf mich schließen läßt, hat nichts von dem, was jemals durch den Äther der Provinzen geschallt ist, irgend etwas mit mir oder meinem Werk zu tun. Wäre ich spontan, könnte ich mir die ganze Literatur ersparen. Helle Tage habe ich höchstens alle zwei Jahre einmal, zuletzt, wenn ich mich recht erinnere, in Südtirol, und ich zitiere zum Abschluß meines Streifzugs aus der Ausgabe der Südtiroler Tageszeitung vom 23. April 1997: Südtiroler Tageszeitung. Komik, Tragik, Ironie, Selbstironie, Klischee; das sind Begriffe, die einem bei Ihrer Lektüre einfallen. Gstättner: Die Texte haben eine Fülle von Klischees, die aber nicht so stehenbleiben, sondern einmal kubistisch, einmal absurd miteinander verknüpft sind. Der Autor ist nicht dafür verantwortlich, ob ein Publikum an der richtigen Stelle lacht beziehungsweise der Meinung ist, es gäbe solche richtige Stellen, an denen korrekterweise zu lachen wäre.

Südtiroler Tageszeitung: Wie ist das Leben. Komisch oder tragisch?

Gstätter: Stellen Sie sich vor, Sie sind Dichter, und Ihr Haus steht in Flammen. Selber haben Sie sich in Sicherheit bringen können, aber um ihr letztes Gedicht zu retten, stürzen Sie erneut ins Haus und gehen drauf. Ist das nun tragisch oder komisch?

Südtiroler Tageszeitung: Was würden Sie tun?

Gstättner: Ich schreibe keine Gedichte.

Nachzutragen wäre: Ich habe auch kein Haus.

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