6942161-1983_31_09.jpg
Digital In Arbeit

Lachen kann sie!

1945 1960 1980 2000 2020

Walter Toman begann als vielversprechender Erzähler, sein erster Prosaband nach dem Zweiten Weltkrieg „Die eigenwillige Kamera" erschien 1951. Danach wandte er sich der Psychologie zu und ist heute Ordinarius an der Universität Erlangen. Neuerdings schreibt Walter Toman wieder Prosa, im folgenden zwei Erzählungen aus jüngster Zeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Walter Toman begann als vielversprechender Erzähler, sein erster Prosaband nach dem Zweiten Weltkrieg „Die eigenwillige Kamera" erschien 1951. Danach wandte er sich der Psychologie zu und ist heute Ordinarius an der Universität Erlangen. Neuerdings schreibt Walter Toman wieder Prosa, im folgenden zwei Erzählungen aus jüngster Zeit.

Lachen kann sie! O, herrlich kann sie lachen. Kurt sagte mir, alles, was sie hat, ist der Mund und die Grübchen an beiden Seiten. Aber das sagte er, weil er etwas kleiner ist als sie. Sie ist groß, schlank und hübsch, bildhübsch sogar, möchte ich behaupten, und ich gebe zu, daß ihr Lachen ihr eigentliches Meisterstück ist. Aber sie kann noch anderes. Sie ist... Sie kann ...

Ja, was ist sie, oder was kann sie noch, wenn man es genauer betrachtet? Ist sie klug? Nein, das ist sie sicher nicht. Denn sonst würde sie mich erstens nicht lieben, und zweitens wäre auch ihr Lebensgang ein anderer geworden. Aber sie ist intelligent, sie könnte klug sein, wenn sie sich einmal die Mühe machte. Nun, auch das hat sie nicht unter Beweis gestellt, obwohl sie weiß, wieviel mir daran liegt, und obwohl sie sich immer wieder vornimmt, endlich ihren Verstand zu entdecken, hat sie ihn bis heute noch nicht gefunden. Wie viele Bücher und Denkaufgaben mögen es wohl sein, die ich ihr schon gegeben habe, und alle Bücher mußte ich ihr erklären, von allen Denkaufgaben ihr selber die Lösung sagen, und sie merkt sich nicht einmal diese Lösungen und Erklärungen, ja, schon ein paar Tage später ist jede Denkaufgabe wieder völlig neu für sie, und nicht nur meine Erklärungen der Bücher hat sie vergessen, sondern auch den gelesenen Text.

Die Artikel und die Bindewörter sind das einzige, was ihr noch bekannt vorkommt beim neuerlichen Lesen. Daß sie sogar in dieser Hinsicht sehr unsicher ist, darf man allerdings nicht ihr anrechnen, sondern den Artikeln und Bindewörtern, die ja so unauffällig sind und jedes Buch so zahlreich füllen. Trotzdem kennt ihr Eifer keine Grenzen, und unermüdlich verlangt sie von mir neue Proben für ihren Verstand, um den Augenblick der Entdeckung dieses Verstandes nicht zu verpassen. Sie ist also nicht intelligent oder noch nicht intelligent und ihre Mühen, klug zu werden, zumindest der Möglichkeit nach, sind bisher ohne Erfolg geblieben.

Aber sie muß von ihren Eltern eine künstlerische Begabung geerbt haben, denn ihr Größvater war ein bekannter Maler, erklärte mir Kurt. Nun, sie kann zwar Blumen und Tiere zeichnen, aber die Tiere nur im Profil und stehend, die Pflanzen nur mit der Blüte von oben und den Stengeln von der Seite gesehen, und sie verwendet zwar Buntstifte und Wasserfarben, aber sie trifft nur selten die genauen Töne, und Schattenwirkungen sieht sie zwar an den Gegenständen, die sie abmalt, aber sie kann sie nicht aufs Papier bringen.

Immer wieder staunt sie, wenn ich ihr zeige, wie man die Plastik einer Zeichnung erhöht, docTi nicht einmal, wenn sie dieselbe Sache aus demselben Blickpunkt noch einmal probiert, kann sie es nachmachen. Ihre Zeichnungen sind auch bei verschiedenen Tieren verschieden gut. Einwandfrei erkennbare Zeichnungen liefert sie überhaupt nur von Hunden, Katzen, Löwen und Goldfischen beziehungsweise von Primeln, Astern, Äpfeln, Birnen und Herrenpilzen. Andere Dinge zeichnet sie zwar nicht gerade schlecht, aber doch kaum erkennbar, und ihre künstlerische Begabung ist zweifellos vorhanden, aber sie ist gering. Die Zeichnungen, die ich mit zehn oder elf Jahren in der Schule anfertigte und von denen ich noch einige behalten habe.

sind ihr ein Vorbild, dem sie sich noch nicht einmal genähert hat, das sie aber mit rührendem Eifer nach wie vor erreichen möchte.

Schwimmen und Schifahren kann sie gut, und im Essen und Trinken ist sie nicht unterzukriegen. Das sind wahrscheinlich Tugenden, wenn ich davon absehe, daß sie sich auf jeder mehrtägigen Schitour irgendwann einmal ein Bein verrenkt und ich sie auf den Schultern zur Hütte schleppen muß, oder daß sie in den Sommermonaten immer wieder und ganz urplötzlich im Wasser untergeht, weil sie einen kleinen Zehenkrampf bekommen hat und aus Schreck darüber gar keine Tempi mehr machen kann, oder weil sie nur das Gefühl hat, sie könnte einen Krampf bekommen und schon deswegen gelähmt ist.

Ein Sommer, in dem ich sie nicht mindestens fünfmal rettungsschwimmend und selber beinahe ertrinkend ans Ufer gebracht habe, war kein schöner Sommer, das heißt, kein richtiger Badesommer. Essen kann sie mehr als ich, und im Trinken ist sie nicht unter den Tisch zu kriegen, obwohl es gelegentlich immer wieder passiert, daß sie sich überessen hat, alles von sich gibt und achtundvierzig Stunden das Bett nicht verläßt, oder daß sie ganz überraschend bewußtlos zusammenbricht, wenn sie Getränke genossen hat, die sich untereinander nicht vertragen. Dann muß ich sie, sofern wir außer Haus sind, zum Taxi tragen und nach Hause bringen, denn sie wacht erst viele Stunden später wieder auf.

Auch Kochen kann sie, aber nur die Zubereitung von Wiener Schnitzeln beherrscht sie wirklich, und sie brauchte meinethalben gar nichts anderes zu kochen, aber das geht sich mit dem Geld nicht aus. Schnitzel sind ja doch ein teures Gericht, vor allem, wenn man ihren Appetit bedenkt, und so gehen wir zuweilen ins Restaurant, oder sie geht, und ich koche mir etwas Billiges zu Hause.

Sie ist hübsch, groß imd schlank, und lachen kann sie! O, herrlich kann sie lachen! An diesen Tugenden können mir keine Zweifel kommen. Und sie liebt mich, auch das ist sicher, und sie ist mir treu, obwohl auf ihre eigene Art. Diese eigene Art besteht darin, daß sie zwar mit anderen Männern zusammen ist, aber alle diese Männer nennt sie Robert, und das ist mein Name, und sie merkt sich keinen anderen Männernamen als den meinen. Wie oft habe ich sie schon gedrillt darauf, wenigstens meine Freunde auseinanderzuhalten, aber es gelingt ihr einfach nicht. Zu allen sagt sie Robert, und das bin ich, und insofern ist sie mir sicher treu.

Und wenn ich das, was sie erbrochen hat, aufwische, oder wenn sie aufwacht aus der gelegentlichen Ohnmacht nach einer Trinkerei, wenn ich sie aus dem Wasser gerettet habe oder wenn sie wieder keine Schatten an ihren Tieren zeichnen kann, und wenn sie auch die einfachste Denkaufgabe immer noch nicht löst, oder wenn ich sie mit einem anderen Mann in unseren Betten finde, dann überschüttet sie mich mit Äußerungen wärmsten Mitgefühls, dann bittet sie mich, nicht böse zu sein, dann streichelt und liebkost sie mich, weint darüber, wie ungeschickt und dumm sie ist, wie wenig sie taugt, und lacht schließlich, lacht ihr herrliches Lachen mit den beiden Grübchen, und alles ist in Ordnung, deswegen habe ich sie ja geheiratet, damit macht sie alles wieder gut, ja nicht einmal groß und schlank und hübsch brauchte sie zu sein.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau