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Zugang zur Pflege zu erschweren ist kurzsichtig

Das Institut für Pflegewissenschaften der Universität Wien ist an der Fakultät für Sozialwissenschaften angesiedelt. Institutsleiterin Hanna Mayer erläutert dessen Tätigkeit und denPflegeberuf.

DIE FURCHE: Welche Schwerpunkte machen Ihre junge Disziplin aus?

Hanna Mayer: Zum einen die Frage, was es bedeutet, mit einer Erkrankung zu leben: Wie können wir unterstützend eingreifen? Natürlich wird diskutiert, ob das nicht in die Psychologie gehört. Aber eine Pflegekraft muss Strategien vermitteln, wie jemand mit Funktionseinbußen und Hilflosigkeit umgehen kann. Und dann geht es natürlich um Pflegeinterventionen und die Überprüfung von deren Wirksamkeit -um Schmerzlinderung, die Vorbeugung von Bettlägerigkeit, den Kampf gegen Schlaflosigkeit oder Erschöpfungszustände.

DIE FURCHE: Die Ausbildung wird nach und nach auf Fachhochschul-Ebene umgestellt, Absolventen erlangen einen Bachelor. Ein wichtiger Schritt?

Mayer: Es ist vor allem ein bildungspolitisches Bekenntnis - die reinen inhaltlichen Änderungen sind nicht so groß. Die Ausbildungsverordnung wurde 1997 reformiert, und das Curriculum hatte im internationalen Vergleich schon damals Bachelor-Charakter.

DIE FURCHE: Wird das 2011 startende Masterstudium für Diplom-Krankenpfleger offen stehen?

Mayer: Die öffentliche Universität kann das aus rechtlichen Gründen nicht gewähren. Wir wollten ein Bachelor-Upgrade schaffen, aber das wurde vom Fachhochschul-Rat gekippt. Ein spezieller Weiterbildungs-Bachelor wiederum würde zu viel kosten - das könnte nicht über die gängigen Studiengebühren abgewickelt werden.

DIE FURCHE: Mit dem Bakkalaureat werden Volljährigkeit und ein Maturaäquivalent Zugangsvoraussetzung - an den Diplomschulen wurden teils 16-Jährige aufgenommen ?

Mayer: Diese Entwicklung ist wichtig. Der Beruf setzt ein gewisses Maß an Allgemeinbildung voraus. Man sollte englische Studien verstehen können, eine Ahnung von Mathematik haben und Statistiken lesen können. Und für die Pflege-Diagnostik ist auch abstraktes Denken hilfreich.

DIE FURCHE: Trotzdem gibt es eine Abwertung des Pflegeberufs, wenn Politiker - zuletzt Christine Marek in Wien - fordern, dass Arbeitslose Pflegejobs machen.

Mayer: Man kann schon feststellen, dass bei einem 24-Stunden-Pflegefall nicht rund um die Uhr ein Hochschulabsolvent da sein muss. Es gibt auch Bedarf für Hilfstätigkeiten oder Haushaltstätigkeiten, für die man umgeschult werden kann. Dafür ist aber nicht jeder geeignet. Leute, die das nicht wollen, in die Pflicht zu nehmen - da leiden vor allem die Bedürftigen! Das Arbeitsmarktservice ist sicher bemüht, was Umschulungen für Arbeitslose betrifft. Wenn man aber sieht, dass sich 55-Jährige zum Pfleger ausbilden lassen, fragt man sich, ob das noch sinnvoll ist.

DIE FURCHE: Die Regierung will den Zugang zu Pflegestufe I und II erschweren, in denen sich mehr als die Hälfte der Pflegegeldbezieher befindet. Damit dürften auch Jobs fallen.

Mayer: So weit brauchen wir nicht zu gehen. Diese kurzsichtige Maßnahme könnte sich als Eigentor erweisen. Wenn Leute mit leichtem Pflegebedarf diesen aus finanziellen Gründen nicht mehr decken können, könnten viele bald Stufe III oder IV brauchen. Das Pflegepersonal kommt eben später und intensiver zum Zug. Positiv ist das nicht.

DIE FURCHE: Der Pflegebedarf wird schon aus demografischen Gründen steigen. Dennoch ist der Beruf unattraktiv, weil er mäßig bezahlt ist ?

Mayer: ? und es kaum Perspektiven für eine Weiterentwicklung gibt! Dabei geht es nicht um einen Aufstieg in die Stationsleitung, schließlich will nicht jeder ins Pflegemanagement. Es besteht jedoch kaum die Möglichkeit, sich fachlich zu vertiefen, zum Beispiel auf Ebene der "Advanced Nursing Practice", und diese auch auszuüben.

DIE FURCHE: Man hört, dass Ärzte zunehmend Verantwortung auf das Pflegepersonal abwälzen. Ein größeres Problem?

Mayer: Ja, auch Ärzte sind überlastet - ihnen fehlt ein Assistenzberuf. Vielleicht könnte das ein medizinischer Bachelor sein, aber sicher nicht das Pflegepersonal. Hier sollte man eher überlegen, wie man deren eigenen Verantwortungsbereich stärken könnte, anstatt sie wieder in die Assistenzrolle zu drängen.

* Das Gespräch führte Bernhard Madlener

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