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Imperialismus und Totenkult

Eine Agenturmeldung: „Die erst vor einigen Tagen gegründete Nationalistische Partei, die von den Leitern der Bewegung Jeune Nation’ ins Leben gerufen worden war und gegen die Demokratie auftrat, Staatspräsident De Gaulle-beleidigte, ist wegen Staatsfeindlichkeit verboten worden. Die Polizei hielt in den Büros und bei den führenden Mitgliedern der Partei Hausdurchsuchungen, bei denen „umfangreiches Material sichergestellt wurde.” Wer war diese „Nationalistische Partei”? Welche Kräfte standen hinter ihr, welche Kräfte stehen latent hinter allen diesen rechtsextremistischen Experimenten in Frankreich? Unser Pariser Korrespondent hat der Gründungsversammlung der kurzlebigen „Nationalistischen Partei” beigewohnt. Er gibt im folgenden ein Bild über diese Geisteswelt auf der französischen Rechten, das über eine politische Eintagsgründung hinaus von Interesse ist.

Die Redaktion

Um das „Regime de Gaulle” im politischen Kräftespiel Frankreichs richtig einzuordnen, muß man sich stets vor Augen halten, daß gegen dieses Regime von links und von rechts zugleich aufmarschiert wird. Ueber diesen Sachverhalt läßt man sich gern hinwegtäuschen, weil sich ja im buntscheckigen Haufen des „Gaullismus”. manche rechtsextremistische Elemente finden. Aber „Regime de Gaulle” und „Gaullismus” sind nicht identisch — es ist ihr Gegensatz vielmehr, der die heutige politische Atmosphäre bestimmt. Das Regime de Gaulle ist, wie wir immer wieder betont haben, kein Bruch mit der bisherigen Struktur Frankreichs, sondern ihre Fortsetzung: der parlamentarischen Demokratie sind Korsettstäbe eingezogen worden, um sie zu retten.

BÄUMCHENWECHSELN RECHTSAUSSEN

Das wird insbesondere darin sichtbar, daß der militante Rechtsextremismus die Fünfte Republik fast noch erbitterter bekämpft, als er die Vierte angegriffen hat. „Ein Gang hat den anderen abgelöst” — das hörten wir in einer Versammlung, von der noch zu sprechen sein wird. Etwas allerdings verwischt diese geharnischte Feindseligkeit ganz reöfrtsäußeh: JeF Umstand, daß sie seit 1945 noch nie zu einer einheitlichen Organisation gefunden hat und ihre Führer wie auf einem Karussell wechseln. Die Klientel jedoch bleibt die gleiche — mit der Ausnahme bloß, daß immer neue Jahrgänge hinzustoßen, denn der Rechtsextremismus dürfte außer den Kommunisten das einzige politische Lager sein, das heute in Anspruch nehmen iann, Jugend für sich zu haben.

Mit der erwähnten Ausnahme sind es immer die gleichen Leute, die man an den rechtsextremistischen Versammlungen sieht. Wie es auch stets die gleichen paar hundert Jünglinge sind, die auf den Champs-Elysees oder vor der Kammer demonstrieren. Bloß die Etiketten wechseln. Vor fünf Jahren etwa war das „Rassemblement National” von Tixier-Vignancour das Auffangbecken. Doch dann wurde Tixier-Vignancour in die Kammer gewählt und zeigte sich dort so in seinem Element, daß seine antiparlamentarische Kundschaft nach anderen Chefs Ausschau hielt. 1957 war man dann in Biaggis „P P R” (Parti Patriote Revolutionnaire) oder allenfalls beim „Front National des Combat- t a n t s” von Le Pen. Biaggi hat jedoch als hundertprozentiger Gaullist seinen PPR nach de Gaulles Rückkehr an die Macht aufgelöst und mußte sich in diesen Tagen in Algier von seinen früheren Anhängern aFs „Stütze des Systems” auspfeifen lassen. Und das einstige „enfant terrible” Le Pen hat sich noch offensichtlicher domestiziert: er wurde als „Independant”, also als Parteigänger von Pinay, in die neue Kammer gewählt.

Das zur Zeit Mode gewordene Auffangbecken ist nun die Bewegung „Jeune Nation” (Junge Nation). Den meisten Touristen, die in den letzten Jahren Paris besucht haben, wird das „keltische Kreuz” aufgefallen sein, das die Anhänger dieser Bewegung überall an die Mauern malen: ein Radkreuz oder Sonnen- ra,d, dessen zwei Querbalken leicht über den sie umfassenden Ring hinausragen. In seinen Anfängen handelte es sich um einen richtigen Geheimbund. Nach dem 13. Mai wurde er von der Regierung Pflimlin verboten. Obwohl dieses Verbot unseres Wissens nie aufgehoben wurde, begann jedoch „Jeune Nation” in der zweiten Hälfte des letzten Jahres eine Zweiwochenschrift gleichen Namens herauszugeben, die seit Jänner als Monatsschrift erscheint und durch ihren keß-populären Ton sich von den meisten anderen Publikationen der äußersten Rechten unterscheidet. Am 6. Februar nun hat sich die Bewegung als „Parti Nationaliste”

(Nationalistische Partei) vorgestellt.

Diese „Nationalistische Partei” durfte in ihrer Bedeutung nicht überschätzt werden — vorerst dürfte sie nicht mehr als eine Sekte sein. Es könnten aber über Nacht Situationen entstehen, in denen eine solche Sekte zum Kėrn einer umfassenderen Bewegung werden könnte. Und symptomatisch sind diese Nationalisten heute schon recht aufschlußreich.

Ein Kennzeichen der politischen Mythen, die in unserem Jahrhundert aufgestiegen sind, ist der Totenkult. Das Mausoleum an der Kremlmauer erinnert daran, und früher auch die (1945 gesprengte) Grabstätte der Gefallenen des Hitler-Putsches von 1923 auf dem Münchner Königsplatz. Für die französische Rechte ist der Totenkult durch Barres zu einem beherrschenden Motiv geworden. Nicht zufällig sind auf des Dichters Denkmal auf der „Colline inspiree” in Lothringen diese Worte aus einem seiner Bücher eingemeißelt: „Ehre denen, die im Grabe die Wächter und die Ordner (regulateurs) der Gemeinschaft (eite) bleiben.”

In der „Jeune Nation” nun ist dieser Totenkult besonders ausgeprägt. Er rankt sich um eine aus Nordafrika stammende Familie von „Colons”, den Vater Sidos und seine vier Söhne. Einer dieser Söhne fiel 1940 während der Frankreichschlacht. Während seine weißen Kameraden um ihn herum geflohen waren, hielt er mit seinen senegalesischen Soldaten bis zuletzt aus. Auf dieser Vision der im Tod um ihren weißen Chef vereinten Negerkrieger gründen sich in starkem Maße die imperialen Vorstellungen von „Jeune Nation”. Während der Liberation 1944/45 wurde dann Vater Sidos getötet. Das prägt die innenpolitische Sicht: die Republik und ihr Wiederhersteller von 1944 und 1958, de Gaulle, sind verantwortlich für den Tod jener 100.000 Franzosen, die bei der Liberation von ihren Landsleuten „liquidiert” worden sein “sölTeni1’„Hs hat seit 1340, CHüfchiJl und Hitler inbegriffen, keinen Politiker gegeben, an dessen Händen soviel Franzosenblut klebt wie an denen de Gaulles…” Und der dritte Tote der Familie ist ein im Algerienkrieg gefallener Bruder. Er steht für den „Kampf gegen den Weltbolschewismus”, denn für „Jeune Nation” ist der „arabische Nationalismus” nur eine Fassade.

Dieser „impöt du sang” (Blutzoll) verleiht den beiden ūbriggeblįebenen Brüdern Sidos, die „Jeune Nation” animieren, einen gewissen Spielraum in einem Frankreich, in dem „patriotisch” mehr denn je groß geschrieben wird. Er erklärt wohl zu einem großen Teil, weshalb in den Versammlungen und der Zeitschrift von „Jeune Nation” so manche Dinge ausgesprochen werden dürfen, die leicht mit dem Gesetzbuch in Konflikt bringen könnten. (Hinzu kommt natürlich die alte Erfahrung der französischen Polizei, daß es die Kontrolle der Extremisten erleichtert, wenn man ihre Organisation zuläßt.)

JAMES DEAN ODER HJ?

Was beim Eintritt in den Saal der „Sociėtės Savant es” im Quartier Latin, in dem der „Parti Nationaliste” gegründet wurde, zuerst auffällt, ist der Saalschutz. Lauter blutjunge Leute, die den Wänden entlang aufgereiht sind. Sie sind einheitlich uniformiert: Schwarze Lederjacken, weiße Hemden, Schlips, an den Armen das Band mit dem „keltischen Kreuz”. Die zweite Ueberraschung: wir haben noch kaum an einer politischen Versammlung in Paris, selbst an denen der KP nicht, so viele junge Leute gesehen. Mindestens drei Viertel der Anwesenden sind junge Burschen von 15, 16 bis etwa 23 Jahren. „Das ist eine neue Hitlerjugend”, lächelt uns ein älterer Herr zu, als er uns mit unserem Begleiter deutsch sprechen hört. Aber diese halb befangen, halb verwegen dreinblickenden Burschen könnten gerade so gut einen Klub zum Kult der „fureur de vivre” des früh verstorbenen Filmstars James Dean bilden.

Auf der Tribüne sitzen an die sechzehn Männer jüngeren und mittleren Alters, ein alter Mann mit dem Gesicht eines Kavallerieobersten in Zivil und eine Dame. Sie bilden das „Con- ductoire” — wie das Politbüro dieser „Nationalistischen Partei” genannt wird, die heute — am 6. Februar 1959 — gegründet werden soll.

DER MY-THOS VOM 6. FEBRUAR

Dieses Datum ist nicht zufällig gewählt. Schon der erste Redner läßt darüber keine Unklarheit bestehen. Er erinnert an die Toten jenes 6. Februar 1934, als Frontkämpferverbände und parafaschistische Kampfbünde die Kammer stürmen wollten. Und dann natürlich jener 6. Februar 1956 in Algier, der als „Revanche” für den 6. Februar 1934 gilt, weil damals ein paar von Halbwüchsigen gegen einen französischen Regierungschef geschleuderte Tomaten der französischen Politik eine andere Richtung gaben. Wo aber die Rede auf den 13. Mai 1958 kommt, wird sogleich betont, daß de Gaulle diese Revolution verraten und abgewürgt habe. Sie müsse darum nachgeholt werden.

Letzter Redner ist Pierre Sidos, „Chef du Conductoire”, ein etwa 30jähriger Mann mit Brille. Er weiß sein Publikum zu packen. Aetzend ist seine Kritik am Gaullismus, der nichts anderes tue, als das „System” fortzuführen. Aber wie so viele Extremisten weiß er besser zu sagen, wogegen er ist, als was er an Stelle seiner am Ruder befindlichen Gegner nun praktisch tun würde. Aufschlußreich ist auf jeden Fall, .welche Sätze den größten Beifall im Saal hervorrufen.

Zum ersten Male tobt der Saal, als ein Redner ausruft: „Dem Ben Bella hat man einen Holzboden in seine Zelle gelegt, damit er keinen Schnupfen bekommt. Ein alter Marschall von Frankreich jedoch…” — der Rest der Anspielung auf die Haft Marschall Petains auf der Insel Yeu ging im Lärm unter. Zum zweiten Male kocht der Saal, als Pierre Sidos ruft: „1905 wurde die Kirche vom Staat getrennt — nun muß auch noch die Synagoge vom Staat getrennt werden!” Das dritte Mal: „Wir wollen, daß der General de Gaulle die politische Bühne verläßt! Wenn er die Arme hochlebt, so ist das ein Zeichen der Ohnmacht. Seit 193 5 ist er ein politisierender Offizier des Stalles Rothschild!”

ANGEWANDTE ARABER-PSYCHOLOGIE

Aber nicht den ganzen Abend geht es so stürmisch zu. Zwischendurch doziert ein Arzt aus Algerien angewandte Algerier-Psychologie. Er stellt sich selbst die Frage: Wie werden die Algerier sich verhalten, wenn in Frankreich der „nationalistische Staat” errichtet wird? Und er beantwortet die Frage auch gleich: „Sie werden enthusiastisch mitmachen!” Das mag selbst in diesem Kreis manche überraschen. Doch der Arzt entwickelt seine fünf Argumente — Argumente, die man auch sonst immer wieder in Frankreich zu hören bekommt.

Erstens einmal bewunderten die Araber die Stärke. Wer stark sei, auf dem ruhe ihrer Meinung nach die Hand Gottes; er dürfe sich alles erlauben. Zweitens verachteten die Araber die Politik — „Politik” sei für sie eine Sammelbezeichnung für alles Unordentliche und Nichtseinsollende, Drittens gebe es für den Araber keine Lüge; mit allem„ was er sage, sei er immer im.Augenblick sübjektiv ehrlich. Däraus leitete der Arzt das Recht ab, die Wahrheit mit Gewalt zu ermitteln. Viertens sei dem Araber jede Anstrengung lästig. Und fünftens habe er für den Geschlagenen bloß Verachtung übrig. Eine Regierung wie diejenige de Gaulles, welche dem FLN einen „Frieden der Tapferen” anbiete, werde von den Algeriern nicht ernst genommen. Das zeige sich daran, daß der Krieg in Algerienerneut aufgeflammt sei. In den ersten Wochen nach dem 13. Mai hingegen seien die.Fellaghas wie vom Boden verschluckt gewesen.

Kurzum: man müsse die Massen der Algerier „progressiv erziehen”. Sie würden dann in Kürze „patriotischer sein als gehr viele Franzosen”.

DIE ANTIKAPITALISTISCHE SEHNSUCHT

Ein weiterer auffälliger Zug, der noch vermerkt zu werden verdient, ist ein aggressiver Antikapitalismus. Immer wieder wird die Republik als „Diebsrepublik” bezeichnet — sie ist für diese jungen Leute identisch mit den Banken und den Trusts, „welche den kleinen Mann ausplündern”. Drum ist auch der Kommunismus zwar der Feind, der einzelne Kommunist jedoch der irregeleitete Bruder: er gehöre zum Volk, das „Haltet die Diebe!” rufe. Die freiwilligen Zeitungsverkäufer von „Jeune Nation’” behaupten denn auch mit Stolz, daß sie ihr Blatt in den Volksvierteln von Paris besonders gut verkauften. Das ist möglich; „Jeune Nation” ist fern von dem intellektuellen Stil, der sonst bei rechtsextremistischen Organen in Frankreich so häufig ist — man weiß die Sprache des Mannes von der Straße zu treffen.

Bemerkenswert ist weiter, daß dieser „Parti Nationaliste” wohl die erste Partei in Frankreich sein dürfte, die sich „nationalistisch” nennt und doch nicht antideutsch ist. Zwar wird hier nicht, wie in anderen „faschistischen” Gruppierungen, ein gewisses Deutschland (nicht das von Bonn) als Kampfgenosse angesprochen. Aber Pierre Sidos betont, daß man nicht „xenophob”, fremdenfeindlich sei. Immerhin glaubt er das seinem Auditorium durch den Hinweis auf jene Ausländer schmackhaft machen zu müssen, die „Frankreich gedient haben”: er zitiert zwar nicht die Fremdenlegion, aber Moritz von Sachsen und die Schweizer Garde der französischen Könige.

Interessant ist auch, was er auf den Vorwurf antwortet, er und seine Freunde seien „Faschisten”: „Auf diese Erpressung gehen wir nicht ein! Wenn man uns .Faschisten” schimpft, so antworten wir: na und?” Wie die Versammlung — notabene ungestört, man fürchtet wohl auf der Linken die vielen jungen Fäuste — zu Ende ist, verlassen wir den Saal hinter einem Rudel von Halbwüchsigen.

Auf der Straße draußen stehen viele Polizisten. Dazwischen die unverkennbaren Polizeikommissare in Zivil, die aufmerksam die Herausströmenden mustern.

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