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"Die Löcher in der Gesetzgebung ausgenutzt"

Carl Kraijenoord, Direktor des Gewerkschaftsverbandes Nautilus International, darüber, wie die Interessen der Investoren die Flusskreuzfahrt beeinflussen und die Probleme dadurch am Rücken der Belegschaft ausgetragen werden.

FURCHE: Nautilus beschäftigt sich in den letzten Jahren viel mit der Flusskreuzfahrt. Worin liegt die Problematik in diesem Sektor?

Carl Kraijenoord: Bei den Arbeitsumständen unterscheidet sich die nautische Besatzung vom Bordpersonal. Die nautische Besatzung wird nach Absprachen behandelt, die etwa im Rheinschifffahrts-Vertrag geregelt sind. Sie gelten für Berufsqualifikationen und Arbeitsumstände. Der Arbeitgeber ist oft der Eigentümer des Schiffs. Diese Besatzung arbeitet entsprechend der Fahrtund Ruhezeiten, die in der europäischen Binnenschifffahrt gelten. Das Bordpersonal ist oft in Dienst bei einem Arbeitgeber, der den Hotelteil vom Eigentümer des Schiffs pachtet, least oder mietet und alleine diesen Teil betreibt. Dieser Arbeitgeber kann in jedem beliebigen europäischen Land sitzen und von dort Arbeitskräfte als Bordpersonal einsetzen. Dieses Personal fällt dann unter eine andere europäische Gesetzgebung, die gegenüber dem Rheinschifffahrts-Vertrag Vorrang genießen. Sie werden entlohnt nach den Minimalbedingungen des Landes, in dem der Arbeitgeber ansässig ist. Auch das soziale Sicherheitssystem dieses Landes ist dann für sie gültig.

FURCHE: Wie hat sich diese Situation denn eigentlich entwickelt?

Kraijenoord: Die Situation existiert schon seit zehn Jahren. Verursacht wurde sie einerseits durch Veränderungen der europäischen Sozialgesetzgebung und andererseits durch das explosive Wachstum der Popularität von Flusskreuzfahrten. Arbeitgeber haben die Löcher in der europäischen Gesetzgebung immer mehr ausgenutzt, was dazu geführt hat, dass nun manchmal vier Arbeitgeber an Bord eines Schiffes vertreten sind: einer der nautischen Besatzung, einer des Bordpersonals, einer der Reiseleiter und der verkaufenden Reisebüros und einer der Aushilfskräfte, die eventuelle Personallücken auffüllen. Für alle gelten unterschiedliche Arbeitsumstände.

FURCHE: Worin liegen die Ursachen dafür? Hat das auch mit der zunehmenden Konkurrenz in der Branche zu tun?

Kraijenoord: Die Ursache liegt oft im Abwälzen des Risikos und Erhöhen der Rendite. Ein Investor eines neuen Flusskreuzfahrtschiffs will die getätigte Investierung so schnell es geht zurückverdienen. Ich habe schon gehört, dass das innerhalb von sieben Jahren geschehen soll. Dann ist es logisch zu konstatieren dass, sollte das länger dauern, der jährliche Gewinn niedriger wäre und die Arbeitskosten (Löhne) höher.

FURCHE: Ehemalige Mitarbeiter sagen, das Verhältnis zwischen Arbeitsvolumen und Bezahlung habe sich negativ entwickelt. Haben Sie darauf auch Hinweise?

Kraijenoord: Wir hören von vielen Arbeitnehmern im Sektor, dass die Zahl der Gäste pro Schiff zunimmt, aber die Bezahlung dabei nicht proportional mitwächst.

FURCHE: Wie verbreitet ist es, dass Arbeitnehmer Tricks anwenden, wie etwa die Luxemburger Kontrakte durch schweizerische zu ersetzen, wie wir das vom Branchenführer Viking Cruises kennen?

Kraijenoord: Es ist sehr gebräuchlich, innerhalb Europas zu schauen, ob eine Niederlassung in einem anderen Land für einen Arbeitgeber mehr Vorteile liefert, bezogen auf die betriebswirtschaftliche Situation oder die Entlohnung des Personals, wenn das der größte Ausgabenposten ist. Bei mobilen Arbeitnehmern, also solchen, die ihre Arbeit in mehreren Ländern verrichten, ist deren Kontrolle noch sehr kompliziert und undurchsichtig, selbst für gutwillige Inspektionsdienste.

FURCHE: Vor allem die Lage asiatischer Besatzungsmitglieder ist prekär. Was können diese Leute in ihrer Situation tun?

Kraijenoord: Asiatische Arbeitnehmer, die in Europa arbeiten, werden nicht so schnell bei uns Alarm schlagen, weil sie in ihrem Herkunftsland eine ganze Familie zu unterhalten haben. Auf ihnen ruht eine schwere Verantwortung, Geld ins Herkunftsland zu überweisen. Oft ist das, was sie in Europa bekommen, viel mehr als was sie dort verdienen würden. Wir fragen uns, wie es möglich ist, dass asiatische Arbeitnehmer auf dem europäischen Arbeitsmarkt sind. Das ist eigentlich nur gestattet mit einer gültigen Arbeitserlaubnis. Es scheint, dass manche europäische Länder es mit der Kontrolle von Arbeitserlaubnissen weniger genau nehmen und dass sie damit auch verantwortlich sind für die zunehmende Konkurrenz zwischen den Arbeitnehmern um den Lohn.

FURCHE: Wie geht man als Gewerkschaft hier vor? Gibt es Erfolge, beim Versuch diese Situation zu verbessern?

Kraijenoord: Zuerst wollen wir die Missstände in diesem Sektor dem großen Publikum und den Gästen an Bord der Flusskreuzfahrtschiffe offenbaren. Das ist im letzten Jahr prima gelungen. Wir haben viel Medien-Aufmerksamkeit bekommen, in den Niederlanden, der Schweiz, Frankreich, Tschechien und Bulgarien. Danach wollen wir die Arbeitnehmer organisieren, indem wir sie auf die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft hinweisen, die sich mit diesem Sektor beschäftigt. Zugleich wollen wir mit den Arbeitgebern zu kollektiven Abmachungen kommen über die Arbeitsumstände an Bord von Flusskreuzfahrtschiffen. Das ist noch nicht gelungen.

Das Gespräch führte Tobias Müller

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