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Nagen Chips an den Jobs ?
„Schreibe eine science fiction-story über eine Welt, in der Naturwissenschaft und technischer Fortschritt den Menschen beherrschen!“ So lautete das Thema für eine Englischschularbeit in der achten Klasse eines Grazer Gymnasiums.
Die Schüler entfalteten unter Zuhilfenahme des vorhandenen Vokabulars eine stoffliche Kreativität, die einen George Orwell hätte zum Leben erwecken können: Jobs stürzten in Bombenkrater, Job-Killer verödeten ganze Industrieregionen, und wie der-
einst die Heuschrecken fielen die Chips über die Menschheit her, benagten deren Jobs bis auf die Wurzeln, bis nichts mehr übrig blieb als neue intelligente Produkte, an denen nur eine hochprivilegierte Schicht von Robotern teilhaben konnte.
Albtraum oder Wirklichkeit -Horrorvision oder die Welt, in der wir leben? „Chips and Jobs — Hoffnungen * und Gefahren der neuen Technologien“ waren auch Anlaß für das steirische Kummer-Institut in Graz, scheinbar irreale Ängste zu erkennen, zu analysieren und Anhaltspunkte für deren Bewältigung aufzuzeigen.
Zunächst stand das Chip im Mittelpunkt, jenes winzige Silici-um-Blättchen, das als hochsensibler Impulsempfänger zum Inbegriff der Mikroelektronik schlechthin geworden ist. Dies zu Unrecht, denn
• die industrielle Wertschöpfung des Chips wird im Bereich der gesamten elektronischen Aktivität vielfach überschätzt.
• Die Herstellung von Geräten und Anlagen aus den einzelnen Bauelementen erfordert menschliche Arbeitsleistung, bringt aber gleichzeitig mehr Wertschöpfung als die vielfach geförderte Produktion der Bauelemente.
• Unabhängig vom schaltungstechnischen Know-how ist die Anwendung elektronischer Geräte und Anlagen, wie sie uns heute im österreichischen Alltag überall begegnen: Jede Bank hat ihren Computer, die Fahrkarten werden beim Schalter ausgedruckt -und die kleinen Geschäfte, die sich kein „Point of Terminal“ lei-
sten konnten, sind geschlossen.
Somit sind, laut Universitätsprofessor Hans Leopold von der Technischen Universität Graz, die negativen Auswirkungen des Phänomens der Chips in Österreich bereits klar erkennbar. Gleichzeitig taucht die Chance auf, sich die Mikroelektronik zunutze zu machen, sie in den Dienst anderer Produktgeschicklichkeiten zu stellen. Eine Herausforderung gerade für Österreich und seine traditionelle Fertigung von optischen Geräten, von Produkten der Feinmechanik, der Fahrzeugmechanik, aber auch für die Ausschöpfung künstlerischer Begabungen, des Designs.
Bedeutendes Wissen im Zusammenspiel mit den technischen Fertigkeiten muß erworben und vermittelt werden. Wo aber bleiben die ausreichend gebildeten, vielfach interessierten jungen Job-Sucher? 10.000 arbeitslose Junglehrer bis zum Jahr 2000 wurden in einer Informativveranstaltung der „Initiative Arbeitsloser Lehrer“ an der Grazer Pädagogischen Akademie prognostiziert. Läßt sich unsere Bildungspolitik von der technologischen Entwicklung überrollen?
Akademisch gebildete Elektro-
niker als Spitzenreiter auf dem Arbeitsmarkt suchen keinen Job. Sie wählen aus einer Fülle von Angeboten. Der Software-Sektor, jener schöpferische Partner des Chips, der sich scheinbar als Job-Killer präsentiert, ist auf Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. Gefragt sind Software-Lehrer, -ausbilder, -forscher. Verschließt sich unsere Bildungspolitik dieser Erkenntnis?
Anleitung zu analytischem, selbständigem Denken statt des Reproduzierens von Fakten fordert in der Podiumsdiskussion Kurt Glabischnig als Software-Experte. Höhere Schulen und Universitäten, gleichgültig, welche Fakultät, müssen wieder Denker und Erfinder absolvieren statt menschlicher Speicher von Begriffen und Zahlen, die von der technologischen Revolution ebenso überrollt werden wie möglicherweise die jetzt noch gefragten Programmierer. Gekonnter Umgang mit den neuen Technologien garantiert nur für den Augenblick einen Job, nicht aber für die Zukunft.
Zweifel an der Wohltat des technischen Fortschritts erheben sich allerdings nicht nur bei den Auswirkungen auf die Rüstungsindustrie oder auf unsere Umwelt, sondern auch in der kritischen Beurteilung der sozialen Folgen:
Auch wenn der technische Fortschritt eine Erhöhung des ProKopf-Einkommens zur Folge hat, so heißt das noch lange nicht, daß alle daran gleichmäßig teilhaben. Für bestimmte Gruppen der Gesellschaft werden sich nicht nur relative, sondern sogar absolute Realeinkommensverluste ergeben. Die durch den Fortschritt ermöglichte Befreiung von Arbeit kann nicht nur in der Form einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung, sondern auch als Arbeitslosigkeit in Erscheinung treten.
Die junge Generation wird von der Innovation erfaßt, sie wird sich als fortschrittsgläubig oder alternativ denkend erweisen. Die ältere Generation der Arbeitnehmer wird zwangsläufig ausgegliedert — ein Generationenkonflikt unter neuen Vorzeichen entsteht.
Es kann kein Paradies auf Erden geben. Aber „man braucht keinen paradiesischen Zustand, um ein glücklicher Mensch zu sein, sondern eine sinnvolle Aufgabe“. Wie viele glückliche Menschen wird es in Zukunft geben? Ein Diskussionsteilnehmer stellt die Frage. Der Computer hat die Antwort nicht gespeichert. Noch nicht...
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