Gorbatschow - © APA-Photo: Herbert Pfarrhofer

Michail Gorbatschow - der letzte Weltveränderer

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Persönliche Erinnerungen anlässlich des 90. Geburtstages von Michail Gorbatschow.

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Persönliche Erinnerungen anlässlich des 90. Geburtstages von Michail Gorbatschow.

Es war am 25. Dezember 1991: US-Präsident George Bush sen. feierte mit Familie eben Weihnachten, als das Telefon läutete. Am Ende der Leitung war Michail Gorbatschow. Der Kreml-Chef ­wünschte seinem „lieben Freund“ ein frohes Fest – und vertraute ihm dann als Erstem die unmittelbar bevorstehende Sensation an: In zwei Stunden würde er als Sowjet-Präsident und Oberbefehlshaber der zweiten Supermacht zurücktreten und angesichts der zerbrechenden UdSSR seine Agenden im russischen Riesenreich an Boris Jelzin übergeben – auch die Kontrolle über die Atom-Arsenale. „Aber keine Sorge“, sagte er, und – der Tonband-Mitschnitt ist erhalten –: „Alles ist unter Kontrolle. Du kannst einen ruhigen Weihnachtsabend feiern.“ Mehr noch: Gorbatschow bat seinen US-Kollegen eindringlich um Mithilfe, dass die Auflösung des Sowjetreichs nicht den Weltfrieden bedrohe. Worauf Bush versprach: „Unsere Freundschaft ist stark wie immer – und wird es bleiben, keine Frage!“

Ein verachteter Held

Mein Gott, habe ich mir gedacht, als Michail Gorbatschow dieser Tage seinen 90. Geburtstag feierte: Was hat dieser größte Reformer des 20. Jahrhunderts alles geschafft: als Vater der deutschen Einheit, als Überwinder des Kalten Krieges und der Zweiteilung der Welt, als Geburtshelfer der Freiheit für die Völker Osteuropas und Initiator so vieler Abrüstungs-Offensiven! Einst als KP-Apparatschik aufgestiegen, hat er als Sowjet-Führer sein Land und die Macht verloren – und wird von seinem Volk bis heute als „Totengräber der Sowjetunion“ mit Desinteresse, ja Verachtung bestraft. Trotzdem: Gibt es einen Zweiten, der so sehr gescheitert ist und dennoch ein Held der Geschichte bleibt? Ganz andere haben die Chancen von damals inzwischen zerstört.

Es war am 25. Dezember 1991: US-Präsident George Bush sen. feierte mit Familie eben Weihnachten, als das Telefon läutete. Am Ende der Leitung war Michail Gorbatschow. Der Kreml-Chef ­wünschte seinem „lieben Freund“ ein frohes Fest – und vertraute ihm dann als Erstem die unmittelbar bevorstehende Sensation an: In zwei Stunden würde er als Sowjet-Präsident und Oberbefehlshaber der zweiten Supermacht zurücktreten und angesichts der zerbrechenden UdSSR seine Agenden im russischen Riesenreich an Boris Jelzin übergeben – auch die Kontrolle über die Atom-Arsenale. „Aber keine Sorge“, sagte er, und – der Tonband-Mitschnitt ist erhalten –: „Alles ist unter Kontrolle. Du kannst einen ruhigen Weihnachtsabend feiern.“ Mehr noch: Gorbatschow bat seinen US-Kollegen eindringlich um Mithilfe, dass die Auflösung des Sowjetreichs nicht den Weltfrieden bedrohe. Worauf Bush versprach: „Unsere Freundschaft ist stark wie immer – und wird es bleiben, keine Frage!“

Ein verachteter Held

Mein Gott, habe ich mir gedacht, als Michail Gorbatschow dieser Tage seinen 90. Geburtstag feierte: Was hat dieser größte Reformer des 20. Jahrhunderts alles geschafft: als Vater der deutschen Einheit, als Überwinder des Kalten Krieges und der Zweiteilung der Welt, als Geburtshelfer der Freiheit für die Völker Osteuropas und Initiator so vieler Abrüstungs-Offensiven! Einst als KP-Apparatschik aufgestiegen, hat er als Sowjet-Führer sein Land und die Macht verloren – und wird von seinem Volk bis heute als „Totengräber der Sowjetunion“ mit Desinteresse, ja Verachtung bestraft. Trotzdem: Gibt es einen Zweiten, der so sehr gescheitert ist und dennoch ein Held der Geschichte bleibt? Ganz andere haben die Chancen von damals inzwischen zerstört.

Was hat Michail Gorbatschow nicht alles geschafft: als Vater der deutschen Einheit, als Überwinder des Kalten Krieges und der Zweiteilung der Welt, als Geburtshelfer der Freiheit Osteuropas.

Und schnell waren jetzt meine persönlichen Erinnerungen an den „Weltveränderer“ Michail Gorbatschow wieder hellwach: Unser gemeinsamer Auftritt 1995 im Wiener „Forum Schwarzenbergplatz“– so spannend, dass der ORF den ganzen Abend im TV übertragen hat (das gab es damals noch!). Dann ein vertrauliches Abendessen – unvergessliche Ausnahmestunden in meinem Leben. Bald darauf sein berührender schriftlicher Dank – und schließlich unser Wiedersehen, als Gorbatschow bei der Erwähnung seiner verstorbenen Frau Raissa rasch Tränen in den Augen hatte und vom Glück seiner Ehe sprach. György Dalos, der große ungarische Schriftsteller, schrieb später über beide: „Es war die seltene Symbiose von Menschen, die für Freude und Leid ein gemeinsames Konto hatten.“

Vielleicht sollte noch erwähnt sein, dass ich in Corona-Zeiten eben dabei bin, von allen politischen Büchern Abschied zu ­nehmen, die ihren Sinn inzwischen anderswo besser erfüllen als bei mir. Auch die gut gefüllten Regale zur sowjetisch/russischen Geschichte sind jetzt, vom Staub der Vergangenheit gereinigt, in ­Transportschachteln verladen worden.

Unmittelbar vor dem Abschied von ihnen aber habe ich einen kleinen emotionellen Rückzieher gemacht: Michail Gorbatschow bleibt weiterhin ein literarisch-politischer Mitbewohner.

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