Nußbaumers Welt

Im Scheitern die Welt verändert

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Keines der vielen aktuellen Interviews mit Paul Lendvai (vgl. auch Seite 8 der FURCHE) hat diesen Zusammenhang unerwähnt gelassen: Nur fünf Tage vor seinem 90. Geburtstag, der an diesem Samstag gefeiert wird, hat sich jener Tag zum 30. Mal gejährt, an dem der Eiserne Vorhang zwischen Lend vais „zwei Heimaten“ – Ungarn und Österreich – durchschnitten wurde.

Es war der Anfang vom Ende des Sowjet-Kommunismus. Und Lendvai hat erneut keinen Zweifel gelassen, wem dieser geschichtliche Umbruch von 1989 letztlich zu verdanken war: Nicht den Ungarn, Polen oder anderen unterjochten Völkern. Sondern vor allem dem Kreml-Chef Michael Gorbatschow, dessen Reformpolitik zwar gescheitert war – der aber in seiner Niederlage auf jede Gewalt verzichtet hat.

Keines der vielen aktuellen Interviews mit Paul Lendvai (vgl. auch Seite 8 der FURCHE) hat diesen Zusammenhang unerwähnt gelassen: Nur fünf Tage vor seinem 90. Geburtstag, der an diesem Samstag gefeiert wird, hat sich jener Tag zum 30. Mal gejährt, an dem der Eiserne Vorhang zwischen Lend vais „zwei Heimaten“ – Ungarn und Österreich – durchschnitten wurde.

Es war der Anfang vom Ende des Sowjet-Kommunismus. Und Lendvai hat erneut keinen Zweifel gelassen, wem dieser geschichtliche Umbruch von 1989 letztlich zu verdanken war: Nicht den Ungarn, Polen oder anderen unterjochten Völkern. Sondern vor allem dem Kreml-Chef Michael Gorbatschow, dessen Reformpolitik zwar gescheitert war – der aber in seiner Niederlage auf jede Gewalt verzichtet hat.

Michael Gorbatschow hat die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts stärker geprägt als jeder andere politische Führer. Er hat die Freiheit für die Völker Osteuropas zugelassen.

„Wir können ihm bis zum Ende unseres Lebens dafür dankbar sein!“ – so Lendvai im Standard. Was damals mit der Ausreise hunderter DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich begann und dann Schlag auf Schlag alle KP-Diktaturen Osteuropas stürzen ließ, wird uns in diesem Herbst sicher noch öfter beschäftigen. Sehr still aber ist es um jenen Mann geworden, der das sowjetische Großreich zerfallen lassen musste – zugleich aber durch sein Verhalten „die Macht der Persönlichkeit in der Geschichte“ (© Lendvai) unter Beweis gestellt und der Menschheit viel Blutvergießen erspart hat. Inzwischen 88-jährig, hat Friedensnobelpreisträger Michael Gorbatschow nach eigenen Worten „schon seit langem“ seinen Hauptwohnsitz in ein Krankenhaus verlegt, hat seine Vortragsreisen in den Westen eingestellt und steht nur noch selten für Interviews zur Verfügung.

Verhallte Mahnungen

Seine wichtigsten Altersappelle an die Welt lauten: 1. Russland als Großmacht ernst nehmen. 2. Mit der NATO – wie einst versprochen – nicht weiter nach Osten (Ukraine) vorrücken. 3. Europa nicht vom „Siegesrausch“ der USA anstecken lassen. 4. Vertrauen zwischen Russland und Deutschland stärken. 5. Die Atomarsenale, die damals abgebaut wurden, nicht erneut anfüllen … Fünf Mahnungen, die mit der Wirklichkeit unter Putin, Trump & Co. kaum noch vereinbar sind. Für mich gehören die Begegnungen mit Michail Gorbatschow zu den Höhepunkten meines Berufs.

Die Gespräche eines langen gemeinsamen Abends. Die Tränen eines zum Staatsmann gereiften „Apparatschiks“ zum Tod seiner Ehefrau. Und sein handschriftlicher Brief, in dem er sich u. a. „für das tiefe Verständnis meiner Absichten und meines Dramas“ bedankte. Die Endlichkeit seines Lebens vor Augen, verdient sich dieser Mann auch nach 30 Jahren mehr als einen Nebensatz – auch wenn ihn sein eigenes Volk mit einer Mischung aus Desinteresse und Verachtung bestraft. Was von ihm bleibt: Er hat die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts stärker geprägt als jeder andere politische Führer. Er hat die Zweiteilung der Welt beendet, die Freiheit für die Völker Osteuropas zugelassen – und die deutsche Einheit möglich gemacht.