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Am Brennpunkt Wiener Praerstern

"Mancher Zeitungsleser aus dem Westen hält den Platz inzwischen für eine 'No-Go-Area' - trotz Direktverbindung nach Salzburg.

Mit 13 kam Emil mit 'dem Gift' in Berührung. Im Gefängnis war er danach auch. 'Aber nie wegen dem Gift, immer wegen der Beschaffungskriminalität', sagt er."

Jetzt ist schon wieder was passiert. Schlägerei, Großeinsatz der Polizei, Festnahmen und Sanitäter. Ein "Leserreporter" der Kronen Zeitung hat ein Video vom Vorfall gemacht, das Blatt stellte es auf seine Website. Zu sehen sind aufgebrachte junge Männer. Einer läuft dem anderen nach, versetzt ihm einen Faustschlag. Auch ein heranlaufender Polizist bekommt die Faust ab, bevor er den Mann unsanft stoppt und ihn am Boden fixiert.

Berichte über den Wiener Praterstern haben wieder Hochkonjunktur seit zwei Wochen. Seit ein afghanischer Asylwerber ein paar Ecken weiter zunächst eine dreiköpfige Familie und dann direkt am Praterstern einen Landsmann mit einem Messer attackierte (Es gilt die Unschuldsvermutung).

"Völlig außer Kontrolle"

Der Tatort der ersten Messerattacke, Praterstraße, Höhe Nestroyplatz, ist eine recht beschauliche Ecke Wiens. Manche in der Stadt nennen sie "Klein Paris", wegen der Baumalleen neben den Fahrspuren und der prächtigen Jahrhundertwende-Häuser. Erker, Säulen, Balkone mit gusseisernen Geländern. Im Kaffee neben dem U-Bahnaufgang, modisch-unverputzte Wände, man verkauft auch Kaffeekannen japanischer Designer, sitzen junge Selbstständige mit frischen Haarschnitten und trinken Rooibos-Tee. Mit einem sozialen Brennpunkt hat das urbane Eck so viel zu tun, wie die Pains au Chocolat im Kaffee mit der Serbischen Pikanten am Würstelstand 500 Meter die Straße hinauf.

Denn 500 Meter die Straße hinauf ist alles anders. Sehr anders, wenn man den Boulevardzeitungen glaubt. "So gefährlich ist der Wiener Praterstern!", titelte die Kronen Zeitung, "Praterstern völlig außer Kontrolle geraten", die Zeitung Österreich. Die Berichte klingen nach Kriegszustand. Mancher Medienkonsument aus den Bundesländern hält den zentral gelegenen Ort in der Wiener Leopoldstadt inzwischen für eine "No-Go-Area". Da hilft es auch nichts, dass der ÖBB-Konkurrent Westbahn seit Kurzem einige seiner Züge von hier aus Richtung Salzburg schickt.

Tatsächlich ist der Wiener Praterstern ein urbaner Kulminationspunkt. Bahnhof, Drehkreuz für S-Bahnen und Pendlerzüge, Verkehrsknotenpunkt der Wiener Linien. Zwei U-Bahn-,zwei Straßenbahn-, drei Buslinien. Vom Vorplatz aus sieht man das nahe Riesenrad und das Hochkarussel im Wurstelprater. Durch die Unterführung laufen Jogger Richtung grüner Prater-Hauptallee, über ihren Köpfen donnern die Zuggarnituren hinweg. Sie laufen vorbei an Kebab-und Pizzaständen, an Pendlern und Obdachlosen. An Bankern in Anzügen, die von hier zur Arbeit gehen. Und an Jugendlichen in Lederjacken, die sich beim Hintereingang ein paar Gramm Cannabis für die nächsten Joints kaufen.

Am Praterstern, täglich von bis zu 300.000 Menschen frequentiert, laufen die typischen Dynamiken einer Großstadt zusammen. Und er ist auch ein Treffpunkt für "marginalisierte soziale Gruppen", wie das in der Fachsprache heißt. Zuletzt waren es vor allem junge Männner aus Afghanistan, die in die Schlagzeilen gerieten. Doch sie sind nur eine der Gruppen, die den Praterstern als Treffpunkt nutzen.

Konflikte und "das Gift"

"Wir sind viel beschäftigt mit Menschen aus Osteuropa", sagt Markus Bettesch, Leiter von sam 2, der mobilen Sozialarbeit am Praterstern. Seit 2008 arbeiten die Streetworker hier. Man erkennt sie an den roten Dienstjacken und daran, dass sie immer zu zweit unterwegs sind. Viele Osteuropäer kämen in der Hoffnung nach Wien, hier Arbeit zu finden. Geht der Plan nicht auf -Anspruch auf Sozialleistungen haben nur die wenigsten erworben -entwickeln manche ein Alkoholproblem. Und treffen sich auf den Bänken am Praterstern. Aber auch obdachlose und alkoholkranke Österreicher, eine Gruppe von Drogenkranken, die sich regelmäßig am Praterstern trifft, und einige Flüchtlinge gehören zu den Hauptklienten der Sozialarbeiter, sagt Bettesch.

Und natürlich entstehen in den Gruppen auch Konflikte -manchmal auch zwischen ihnen. "Schauen Sie sich das an", sagt der junge Mann mit den langen blonden Haaren, der ein bisschen abseits vom Haupteingang steht. "Fast alle, die da stehen, sind Österreicher. Am Abend schaut's aber ganz anders aus. Da kommen dann die Araber." Der junge Mann heißt Emil (Name von der Redaktion geändert) und ist 28 Jahre alt. Mit 13 kam er erstmals mit "dem Gift" in Berührung. Im Gefängnis war er danach auch. "Aber nie wegen dem Stoff, immer wegen der Beschaffungskriminalität", sagt er. Heute ist er in Substitutionstherapie. Er kennt fast alle, die hier, neben dem U-Bahn-Aufgang und der Bäckereifiliale, stehen. Viele von ihnen treffen sich fast täglich am Praterstern, plaudern, trinken Bier aus Dosen.

Die, von denen zuletzt so viel in den Zeitungen stand aber, die jungen Männer aus Afghanistan, die stehen woanders. Drinnen in der Bahnhofshalle, zwischen Trafik und Ticketautomaten. Man trifft sie hier vor allem abends, wenn der Drogeriemarkt und der Frisör in der Halle schon zu haben. Es sind junge Burschen, manchmal ein Dutzend, manchmal zwei, die in Gruppen zusammenstehen und in ihre Handys schauen. Die meisten von ihnen sind "ohne sozialen Verband" nach Österreich gekommen, sagt Sozialarbeiter Bettesch. Konflikte zwischen den jungen Männern, unter ihnen viele Asylwerber, kochen immer wieder mal hoch. Warten aufs Asylverfahren. Keine Arbeitserlaubnis. Keine Tagesstruktur. Eine heikle Mischung.

Statistik und Gefühl

Und dann gibt es da noch etwas anderes, das am Praterstern öfters zu Konflikten führt. Und zu regelmäßigen Beschwerden von Anrainern: Das Dealen im Umfeld der Bahnhofshalle -auch wenn sich die Lage seit dem Jahr 2015, als Passanten noch recht unverblümt die Ware angeboten wurde, sichtlich verändert hat. Denn bald darauf erleichterte ein neues Gesetz der Polizei, gegen Dealer vorzugehen. Parallel wurde die Präsenz am Praterstern verstärkt, die "mobile Videoüberwachung" eingeführt. Seither steht ein dunkelblauer VW-Bus mit einer am Dach montierten, schwenkbaren Kamera an wechselnden Ecken des Pratersterns. In seinem Inneren scannen Beamte die Szenerie auf Bildschirmen.

"Stellt man die 90 Millionen Menschen, die den Praterstern pro Jahr frequentieren, in Relation zur Zahl der Anzeigen, ist die Wahrscheinlichkeit, hier Opfer einer Straftat zu werden, verschwindend gering", sagt Polizei-Pressesprecher Patrick Maierhofer im Gespräch mit der FURCHE. Seit 2015 würden fast alle Deliktzahlen am Praterstern laufend sinken. So seien angezeigte Körperverletzungen und Diebstähle vom Jahr 2016 auf 2017 um rund ein Viertel zurückgegangen, Raufhandel und Raub um mehr als die Hälfte. Auf das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Passanten hat sich die Statistik bislang allerdings nur mäßig ausgewirkt.

Schlecht für das Geschäft

Die Perspektiven der Praterstern-Nutzer sind sehr verschieden. Ein Pendler hat eine andere als ein Sozialarbeiter. Ein Polizist eine andere als ein Geschäftstreibender der Bahnhofshalle. Eine völlig andere Perspektive hat "der Stefan", denn er überblickt manches, was am Praterstern passiert, von seinem zentralen Hochsitz aus. Erhöht ist sein Arbeitsplatz eigentlich um keine Armlänge, aber an seiner Anmutung ändert das nichts. Wie von der Kommandobrücke eines Schiffes, das im Hafen steht und freien Blick über die geschäftigen Passanten bietet, beobachtet der Stefan das Geschehen um ihn herum. Der Stefan ist Blumenhändler und sein metallener Stand steht genau in der Mitte der zentralen Unterführung. Seit den 80ern verkauft er am Praterstern Blumen, die Leute begrüßen ihn im Vorbeigehen.

Mit den afghanischen Jugendlichen kommt er gut aus, erzählt der Stefan. Mit den Dealern auch. Aber fürs Geschäft sei es nicht gut, wenn direkt hinter seinem Stand die kleinen Päckchen den Besitzer wechselten. Geht er im August drei Wochen auf Urlaub, findet er danach Briefchen mit Stoff in den Ritzen seines Marktstandes, erzählt er. Dealer würden sie dort verstecken. Mehr Beleuchtung in der Unterführung könnte helfen, meint er. Und das Alkoholverbot am Platz, über das die Stadtpolitik gelegentlich diskutiert, könne man ja zumindest einmal ausprobieren.

Eine, die sich über solche Vorschläge Gedanken macht, sitzt am Tisch ihres Büros, verwinkeltes Amtsgebäude, hohe Räume, großes Sitzungszimmer, und sagt: "Ich freue mich natürlich nicht, wenn ich die Praterstern-Berichte lese." Ursula Lichtenegger, die alle Uschi nennen, ist seit Ende 2016 grüne Bezirksvorsteherin der Leopoldstadt. Im vergangenen Jahr gab es einen mehrmonatigen Evaluierungsprozess, in dem man gemeinsam mit der Stadtregierung Umgestaltungsmaßnahmen ausarbeitete. Seit Ende vergangenen Jahres ist die Koordination der Stadt beendet. Ob die sich künftig wieder einbringen könnte? "Ich bleibe dahinter", sagt Lichtenegger. Der Druck der am Praterstern bald einziehenden Wirtschaftskammer könnte die Stadtpolitik womöglichwieder auf den Plan rufen. Oder der Sukkus der Medienberichte, sollte das Fazit von Zeitungslesern auch künftig häufiger lauten: Jetzt ist schon wieder was passiert.

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