Noch nie von Liebe gehört?

Seite an Seite sitzen nebeneinander Johann Weber, der Bischof der Diözese Steiermark, und der ausgesprungene Priester und Kirchenkritiker Richard Picker, der streitbare Anwalt der verheirateten "Priester ohne Amt". Ort der Handlung: das bischöfliche Bildungshaus Seggau. Anlaß des Zusammentreffens: ein Gespräch über das brisanteste Thema im aktuellen Kirchenkonflikt, den Zölibat. Zwei Bischöfe sind da, Theologen, Priesterehepaare und Leute vom Kirchenvolks-Begehren. Man streitet auf Biegen und Brechen, aber es geht freundschaftlich und respektvoll zu, und zwischendurch wird auch oft gelacht Der "Dialog für Österreich", endlich in vollem Gange und so aufrichtig, wie sich ihn viele gewünscht haben.

Man redet über das ehelose Leben um des Himmelreiches willen als "eschatologisches Zeichen" (Eschatologie - Hoffnung auf Vollendung). Ja, aber ich möchte nicht als eschatologisches Zeichen herumlaufen, sagt jemand. Ein Pastoralamtsleiter erzählt von einem Pfarrer, der soeben sein zweites Kind getauft hat. Die Mutter des Kindes wohnt im Pfarrhaus, der Pfarrer hat sie in aller Form dem Pfarrgemeinderat vorgestellt. Ein Skandal? Oder eine Vorwegnahme neuer Bräuche?

Der Regens eines Priesterseminars berichtet, er sage seinen Studenten ehrlich, ihr Job werde in den nächsten Jahren nicht leichter werden, sondern wegen des wachsenden Priestermangels immer schwerer. Und immer wieder seien es die besten, die das Seminar verlassen, einer Frau wegen. Ein Jesuitenprofessor aus Deutschland referiert umständlich über die "Psycho-Physiologie der Lust". Die Priesterfrau explodiert. "Haben Sie noch nie etwas von Liebe gehört?"

Einigung gibt es am Ende keine, aber weitgehenden Konsens über ein Ja zum bewußt gelebten, sinnerfüllten Zölibat, vor allem in den Orden, aber ein Nein zum nur "in Kauf genommenen" Zölibat als Zulassungsbedingung zum Priesteramt.

Herrscht Chaos? Macht die "Protestantierung" Fortschritte? Oder handelt es sich, wie Bischof Weber sagt, um die "Geburtsschmerzen" einer neuen Gestalt der Kirche? Am Schluß jedenfalls beten alle miteinander andächtig den "Engel des Herrn". Und spätestens hier herrscht wieder volle Harmonie.

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