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Ich und Wir im Konflikt

Wir suchen, was uns fehlt!" (Paul M. Zulehner, siehe Seite 14). Der Mensch ist ein polares und dialektisches Wesen. Diese These findet sich auch in den Entwicklungen der Wertewelt der Österreicherinnen und Österreicher in den vergangenen zehn Jahren bestätigt. Wenn Freiheit zu viel wird, suchen wir Ordnung, wenn Individualität zu schwer wird, suchen wir Gemeinschaft (und umgekehrt). Das ist eines der zentralen Ergebnisse der Österreichischen Wertestudie (ÖWS), wie sie 1990 und 2000 am Institut für Pastoraltheologie in Wien unter der Leitung von Paul M. Zulehner durchgeführt wurde.

Die ÖWS zeigt, dass der Trend zum Individualismus in Österreich seinen Höhepunkt überschritten hat. Freilich: Die Orientierung am eigenen "Ich" steht nach wie vor im Mittelpunkt. Das "Ich" bildet das Fundament des österreichischen Wertekanons. Satte 86 Prozent (1990: 75) der Bevölkerung begrüßen die eigene "persönliche Entfaltung zu fördern" als wichtige gesellschaftliche Entwicklung. Die Mehrheit gibt der individuellen Freiheit Vorrang gegenüber der Gleichheit und zwei Drittel der Bevölkerung sehen den Sinn des Lebens darin, das Beste herauszuholen. Auch wenn die Ich-Orientierung nicht automatisch mit Egoismus gleichzusetzen ist und die Formen, ein "Ichling" zu sein, höchst unterschiedliche Wertewelten und durchaus auch hohe Solidarität im Gefolge haben können - Selbstverwirklichung ist ein konsensualer "Grund-Wert".

Gleichwohl hat sich seit 1990 ein Gegentrend dazu entwickelt: Man sucht wieder das Du, Beziehung, Gemeinschaft und Solidarität. Allerdings: Der Weg vom "Ich" zum "Wir" ist umstritten, vor allem auf politischer Ebene, wie der Soziologe Hermann Denz zeigt. Während die 21 Prozent "Traditionalisten" meinen, eine solidarische Gemeinschaft mit mehr Gesetzen und Polizei wiederherstellen zu können, setzen 25 Prozent der Bevölkerung auf freiwillige Kooperationen ("Kommunitaristen"). Dagegen stehen 54 Prozent, die dem "Ich" dem Vorrang geben. Die 32 Prozent der "verunsicherten Kleinbürger" wünschen sich eine staatlich- autoritäre Sicherung, während 22 Prozent im Staat nur eine Behinderung der persönlichen Selbstverwirklichung sehen. Diese Polarisierung erleben wir in tagtäglichen politischen Diskussionen.

Im Hintergrund zeigt die ÖWS eine signifikante Zunahme des Autoritarismus: Die Modernisierungsverlierer wagen den Aufstand (Denz). Seit den 70ern kontinuierlich auf rund 50 Prozent gesunken, sind 2000 wieder über 60 Prozent autoritär gesinnt. Die Anthropologie vom polaren Menschen erklärt diesen Befund: Die Freiheit überfordert viele, "jemand" soll autoritär Ordnung schaffen. Wenig erstaunlich, dass sich 16-20 Prozent einen "starken Mann" statt eines Parlaments vorstellen können.

Der Weg vom Ich zum Wir verläuft zwischen Scylla und Charybdis: zwischen narzisstischem Absturz ins Ich und zwangsverordneter Solidarität, zwischen Autoritarismus und Liberalismus, zwischen hedonistischer Beliebigkeit und rigidem Moralismus. Alles ist in Österreich zu finden.

Die "Kippthese" als Deutungsmethode der Daten macht sichtbar, was "zwischen den Daten" fehlt. Jedes Phänomen, jeder Trend kann immer auch und zugleich das Gegenteil seiner selbst bedeuten. Die Kippthese verdeutlicht die Brüche in der österreichischen Wertelandschaft. Diese Brüche sind nicht neu: Individualisierung und Pluralisierung seit den 70ern sind auch an Österreich nicht spurlos vorübergegangen. Sobald man nach der inhaltlichen Füllung von Werten fragt, zeigen sich in allen Bereichen Brüche.

Zum Beispiel die Rangordnung der Lebensbereiche: So rangiert mit 89 Prozent Zustimmung die Familie an erster Stelle und hat damit seit 1990 an Bedeutung gewonnen. 66 Prozent Zustimmung findet die Arbeit, 44 Prozent finden Freunde sehr wichtig, dann folgen Freizeit (39 Prozent), Religion (20 Prozent) und Politik (10 Prozent). Die hohe Wertschätzung der Familie ist ambivalent. "Familie" steht für das traditionelle Modell der bürgerlichen Kleinfamilie ebenso wie für "Patchworkfamilien". "Familie" ist für viele aber auch eine Chiffre und signalisiert die Sehnsucht nach einer "Gefühlsgemeinschaft". Schließlich kann "Familie" auch zum privaten "Bollwerk" gegen die "böse Welt da draußen" funktionalisiert werden. Die hohe Wertschätzung für Familie drückt den Wunsch nach partnerschaftlichen, qualitätsvollen Beziehungen ebenso aus, wie sie Schauplatz und Spiegelbild der gesellschaftlichen Umbrüche ist. Diese Ambivalenz gilt für nahezu jeden Wert.

Statistische Durchschnittswerte sagen wenig aus: "Den" Österreicher gibt es nicht; im Schnitt (!) 15 Prozent repräsentieren den Durchschnitt. Jede Wertekombination ist möglich, die Menschen wollen sich nicht mehr auf Ideologien festlegen lassen. Es gibt nur mehr Minderheitenphänomene. Das bedeutet nun nicht, dass Soziologie keinen Aussagewert hätte. Mit einem differenzierten Interpretationsinstrumentarium kann man durchaus Trends erkennen. Das ambivalente Zugleich von Widersprüchlichkeiten gehört dabei wesentlich zur Zukunft der Soziologie - und zur Zukunft Österreichs. Die Vielfalt der österreichischen Wertelandschaft ist konstitutiv. Damit verbunden aber auch die Brüche, die Konflikte, die Unvereinbarkeiten.

Bruchstückhaftigkeit ist nun keineswegs (politisch) harmlos, Vielfalt nicht bloß "bunt". Ab einer bestimmten Quantität verändert sich sprunghaft auch die Qualität eines Phänomens (Hegel). Die Spannungen, die die ÖWS zeigt, sind also weder zu verharmlosen noch unter den Tisch zu kehren. Die österreichische Fähigkeit des Kompromisses gehört erweitert um die Dimension einer verantworteten Konfliktbereitschaft und -fähigkeit. Spannungen sind anzusprechen, mit allen Betroffenen auszuhandeln und gemeinsam zu gestalten. Die massive autoritäre Versuchung in Österreich macht diese Zukunftsaufgabe nicht leicht, faule Kompromisse und autoritäre Maßnahmen sind die ständigen Wegbegleiter. Eine verantwortete "Kultur der Freiheiten" auf individueller wie politischer Ebene (Zulehner) gehört zu den Zukunftsaufgaben in Österreich.

Die Autorin ist Assistentin am Institut für Pastoraltheologie der Universität Wien und Mitautorin des Buches: Die Konfliktgesellschaft. Wertewandel in Österreich 1990-1999. Czernin Verlag, Wien 2000, 255 Seiten, öS 278,

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