Digital In Arbeit

#Meine Heimat ist der Film#

In seinem Buch #Der patagonische Hase# lässt der Regisseur des Dokumentarfilms #Shoa#, Claude Lanzmann, sein außergewöhnliches Leben Revue passieren.

Ungewöhnlich mutet eine Lebensgeschichte an, die mit dem Tod beginnt. Genauer: mit dem öffentlichen Töten. Mit den barbarischen, von wenigen Ausnahmen abgesehen noch immer weltweit verbreiteten Praktiken der Hinrichtung. Von der Guillotine der Französischen Revolution bis zur Garotte der spanischen Faschisten und zu den Fleischerbeil-Henkern sowie Erschießungskommandos der Nazis wendet sich der beklemmende Rundblick des Verfassers weiter zu den Grausamkeiten heutiger Exekutionen, in Fernost, in China oder in den USA (mit ihren Tötungsvarianten elektrischer Stuhl, Giftspritze, Gaskammer, Erhängen) bis hin zu den Steinigungen von Frauen und den Krummsäbel-Enthauptungen in islamischen Ländern nicht nur des arabischen Raums.

Claude Lanzmann, Schöpfer und Regisseur jener Filmdokumentation #Shoa#, welche die ganze Welt bewegt hat, eröffnet seine Lebenserinnerungen mit einem leidenschaftlichen Appell gegen das Töten von Menschen als Strafe. Diese Rebellion gegen die Ohnmacht, die einen verantwortungsvollen Zeitgenossen angesichts des Zivilisationsbruchs staatlich sanktionierter Tötungen unweigerlich befallen muss, kommt aus weit zurückliegenden Erfahrungen des 1925 in Paris geborenen Autors.

Denn Lanzmanns Leben, so vital und widerstandsfähig es sich auch bewährt hat, war früh schon, seit der Wühlarbeit des halbwüchsigen Gymnasiasten in einer Jugendgruppe der französischen Résistance gegen die deutschen Besatzer in der Auvergne, vom Tod bedroht. Ganz zu schweigen von der Verfolgung des jüdischen Schülers Claude Lanzmann durch die NS-Mordmaschinerie. Im kommunistischen Widerstand und Jude zu sein # diese zweifache Bedrohung ließ den noch nicht Zwanzigjährigen nachts aus Alpträumen voll Folter- und Todesangst auffahren.

#Wunderbare Neugierde auf das Leben#

Trotz mehrfacher Lebensgefährdung blieb Lanzmanns Familie von der Deportation verschont. In seiner nun auf Deutsch vorliegenden Autobiografie #Der patagonische Hase# schreibt der Nachfahre assimilierter jüdischer Einwanderer aus Weißrussland und der Ukraine: #Ich hätte niemals zwölf Jahre meines Lebens damit verbringen können, ein Werk wie #Shoa# zu schaffen, wenn ich selbst im Konzentrationslager gewesen wäre.#

Aufgewachsen unter außergewöhnlichen familiären Verhältnissen # die Mutter hatte ihre vierköpfige Familie 1934 verlassen, um mit dem serbischen surrealistischen Poeten Monny de Boully in einer Künstler-Bohème zu leben #, hatte der Knabe Claude sich früh für die ganze Familie verantwortlich gefühlt. Von der Mutter hatte er, wie er stolz bekundet, deren #wunderbare Neugierde auf das Leben# erworben, vom Vater indes die Widerstandskraft und Ausdauer, mit der eine bedrängende Situation bekämpft werden musste. So exerzierte der Maquis-Kämpfer Armand Lanzmann, um gegen plötzliche Gestapo-Haussuchungen gewappnet zu sein, mit seinen drei Kindern zuhause eine penible Alarmübung: Aufstehen, Anziehen, Abhauen in nicht einmal anderthalb Minuten.

Eine kolossale Denkmaschine

Nach dem Krieg studierte Claude Lanzmann Philosophie, unter anderen bei Michel Tournier in Tübingen, und unterrichtete 1948/49 als Lektor an der neu gegründeten Freien Universität Berlin. Seine ersten Reportagen schrieb er, brandaktuell, 1949 für #Le Monde# über das #Deutschland hinter dem Eisernen Vorhang#. Es war der erste von vielen folgenden Erfahrungsberichten über das beklemmende Klima in kommunistischen Diktaturen # gleichwohl verfasst von einem noch längst nicht über das wahre Ausmaß von Stalins Schreckensherrschaft Belehrten.

Von lebensbestimmendem Einfluss wurde für ihn die Freundschaft mit Jean-Paul Sartre # und mit Simone de Beauvoir, die sich den 17 Jahre Jüngeren gleich für sechs Jahre zum Geliebten nahm. #Ich bin der einzige Mann, mit dem Simone de Beauvoir ein fast eheliches Leben geführt hat#, schreibt Lanzmann im Rückblick nicht ohne Selbstschmeichelei. Etwas souveräner sah das Simone de Beauvoir selber in ihren Erinnerungen: #Seine Jugend verurteilte mich dazu, in seinem Leben nur ein flüchtiger Augenblick zu sein. In meinen Augen war das eine Entschuldigung dafür, dass ich ihm nicht mein ganzes Leben schenkte.# Zu dritt lebte, schrieb und reiste man, und Lanzmanns Porträt von Sartre, dessen Zeitschrift #Les Temps Modernes# er bis heute herausgibt, blieb voll Bewunderung: #Diese kolossale Denkmaschine bei der Arbeit zu erleben, zu sehen, wie die wunderbar geölten Pleuelstangen und Kolben ihre Kraft steigerten, bis sie auf Hochtouren liefen, musste jeden Betrachter in bewunderndes Erstaunen versetzen, umso mehr, wenn der Zweck dieser unabwendbaren, leidenschaftlichen Logik es war, Lob und Preis auszusprechen. Sartres Feinde haben sich über seine Hässlichkeit, sein Schielen lustig gemacht, haben ihn als Kröte, als Gnom, als widerlich-boshafte Kreatur hingestellt, als was weiß ich. Was mich betraf, so fand ich ihn schön und überaus charmant, ich liebte seine unglaubliche Energie, seinen körperlichen Mut und, mehr als alles andere, seine Stimme aus gehärtetem Stahl, die Verkörperung einer Intelligenz, gegen die niemand ankam.#

Auf Sartre war er früh, bei der Lektüre von dessen #Überlegungen zur Judenfrage#, gestoßen. Später, als er oftmals Israel bereist hatte, rückte Lanzmann entschieden von Sartres These ab, dass erst der Antisemitismus die jüdische Geschichte begründet habe. Er schuf die Dokumentation #Warum Israel# und machte sich dann, unbeirrt von vielen Rückschlägen, an das filmische Riesenepos #Shoa#: neuneinhalb Stunden Konzentration einzig auf die Aussagen der überlebenden Zeitzeugen der NS-Judenvernichtung.

Zweimal im Abstand von einem halben Jahrhundert reiste Lanzmann nach Nordkorea, in die kommunistische Monarchie der Herrscherdynastie Kim Il-sungs, und erfuhr den gespenstischen Stillstand dieser Feudaldiktatur. Beim ersten Mal, 1958, erlebte er eine filmreife, unerfüllt gebliebene amour fou mit einer einheimischen Krankenschwester. Der Ablauf dieser verzehrenden Passion, an deren Romantik Lanzmann bis heute festhält, wirkt auf den Leser verdächtig nach einer nordkoreanischen Geheimdienstaktion, um den erotisch entzündlichen Reporter und #Friedenskämpfer# günstig zu stimmen.

Zuweilen, wenn er in Gedanken viele ehemalige Geliebte vorbeiziehen lässt, trägt diese Lebensbeichte Züge eines renommiersüchtigen Frauenfängers. Und Züge eines moralischen Hochstaplers, wenn er immer wieder mit seiner eingebildeten Feigheit kokettiert, die von Mal zu Mal doch nichts als unbedingter Lebenswille war. Um diesen unter Beweis zu stellen, hat er sich, nicht ohne Selbstgefährdung, auf die waghalsigsten Unternehmungen eingelassen: als Testpilot in israelischen Phantom-Jagdfliegern etwa, als unvorsichtiger Schwimmer im Mittelmeer oder als ebenso unbedachter Amateurkletterer im Hochgebirge.

Unmittelbare Vergegenwärtigung

Indes, sein tollkühnes Vorpreschen, seine abenteuerliche Wahrheitssuche kamen ihm bei seinem Lebenswerk #Shoa# zugute: beim Aufspüren abgetauchter Altnazis ebenso wie bei deren mit versteckter Kamera aufgenommenen Aussagen. Nicht um historische Konservierung, sondern um die unmittelbarste Vergegenwärtigung der europäischen Judenvernichtung ging es ihm. Am Ende seines von Geschichten und Geschichte überquellenden Memoirenbands erhält der Leser Einblick in die unendlichen Mühen, die dieses einzigartige Filmdokument seinem Erfinder abgerungen hat. Und kann verstehen, weshalb Lanzmann auf die Frage einer New Yorker Journalistin, was denn nun seine Heimat sei, Frankreich oder Israel, antwortete: #Meine Heimat ist der Film.#

Der patagonische Hase

Erinnerungen.

Von Claude Lanzmann, Rowohlt, Reinbek 2010

960 Seiten, Gebunden, e 25,70

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau