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Slowakei: Zwei große alte Männer

Die slowakischen Kardinäle Ján Chryzostom Korec und Jozef Tomko feiern ihren 90. Geburtstag. Beide prägten auch die Politik ihres Landes.

Im Juni 2012 schien Ján Chryzostom Korec nach einem septischen Schock dem Tode nah, doch jetzt sieht er seinem 90. Geburtstag entgegen. Die Universität Liverpool verleiht ihm ein Ehrendoktorat, in Empfang nehmen wird es freilich der slowakische Botschafter in London. Spätestens seit seiner Bischofsweihe vor 62 Jahren steht der tief spirituelle Jesuit in der Spannung zwischen Kirche und Politik und man wird sehen, ob Ministerpräsident Róbert Fico, der in einer Volkswahl am 15. März Präsident der Republik werden möchte, die Gelegenheit nützt, dem Kardinal ein weiteres Mal die Aufwartung zu machen.

Zum ersten Mal nach Nitra geeilt war Fico 2006, um nach dem Wahlsieg seiner linkspopulistischen "Smer“ den Segen der katholischen Kirche einzuholen. Der damalige Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Frantiˇsek Tondra, durfte nur Staffage sein, als der im Jahr davor emeritierte Bischof von Nitra erklärte, ehemalige Kommunisten in der Regierung störten ihn nicht, wenn sie nur "die Freiheit als Grundlage des Lebens akzeptieren“. Der Mensch könne "seine Positionen, Ansichten, sein Denken und seine Handlungen korrigieren und ändern“. Auch Ficos damalige Koalition mit der rechtslastigen "Nationalpartei“ irritierte Korec nicht.

Auch als Fico 2012 nach dem Intermezzo der christdemokratisch-liberalen Regierung von Iveta Radiˇcova abermals im Sessel des Premiers Platz nahm, nunmehr als Chef einer sozialdemokratischen Alleinregierung, suchte er Ján Chryzostom Korec in Nitra auf. Und der Kardinal mit dem Wahlspruch "Ut omnes unum sint“ enttäuschte ihn auch diesmal nicht. Er habe mit Fico nicht über konkrete politische und wirtschaftliche Fragen gesprochen, so Korec, sondern nur darauf hingewiesen, "dass es in der Geschichte der Völker, auch des slowakischen, Zeiten gibt, in denen bei den Menschen das Erwachen des Nationalbewusstseins gefordert, ja erwartet wird, damit alle zu spüren beginnen, dass es um uns alle geht“.

Bischof im Wartesaal

In der 2011 erschienenen ersten umfassenden Biografie zeichnet Marián Gavenda die "Unendlichen Horizonte“ der grauen und zugleich roten Eminenz nach. Als Sohn eines Kriegsinvaliden und Arbeiters im Konzern des Schuhmagnaten Bat’a am 22. Jänner 1924 geboren, begeisterte Korec die Ausrufung des "Slowakischen Staates“ am 14. März 1939. Von der Deportation, die rund 70.000 slowakischen Juden das Leben kostete, hat sich Korec schon vor dem Umbruch des Jahres 1989 durch seine Unterschrift unter ein historisches Dokument distanziert, eine pauschale Verdammung des damaligen Staatswesens jedoch lehnt er ab.

Fünfzehnjährig trat Korec noch 1939 in die Gesellschaft Jesu ein. Philosophie und Theologie studierte er in Trnava und Brünn. Nach der "Barbarischen Nacht“ vom 13. auf den 14. April 1950, in der sämtliche Ordensgemeinschaften in der Tschechoslowakei aufgelöst wurden, wurde er erstmals interniert. Nach der Freilassung wurde er am 1. Oktober geheim zum Priester und nicht einmal ein Jahr später, am 24. August 1951, von Pavol Hnilica zum Bischof geweiht. Am 9. September 1955 weihte er selber seinen Ordensbruder Dominik Kal’ata zum Bischof. Insgesamt hat Korec rund 120 geheime Priesterweihen gespendet.

Die Jahre 1960 bis 1968 verbrachte Korec in Gefängnissen und Umerziehungslagern, nach Diagnostizierung einer Tuberkulose in einem Krankenhaus. Erst nach Niederschlagung des "Prager Frühlings“ wurde er rehabilitiert und durfte erstmals offiziell als Seelsorger wirken. Bei einem Besuch in Rom überreichte ihm 1969 Papst Paul VI. seine Insignien als Erzbischof von Mailand. 1974 wurde Ján Chryzostom Korec - auf den Zusatz legt er großen Wert - die staatliche Ausübung des Priesteramts abermals verboten. Die Kirchenverfolgung hatte jedoch subtilere Formen angenommen und vor allem seit Antritt seiner Invaliditätspension im Jahr 1982 übernahm der Jesuit in der Slowakei die Koordination der katholischen Kirche im Untergrund. Stets auf die Einheit mit der offiziellen Kirche bedacht, lehnte Korec die Sonderwege der "Kirche des Schweigens“ vor allem in Mähren bis hin zur Priesterweihe von Frauen ab. Seiner Erhebung zum Bischof von Nitra kurz nach dem Kollaps des kommunistischen Regimes, am 6. Februar 1990, und zum Kardinal am 25. Mai 1991 stand daher nichts im Wege.

Ein rüstiger Pensionist

Musste Ján Chryzostom Korec fast 40 Jahre auf die offizielle Ausübung seines Bischofsamtes warten, so verlief die Karriere des anderen slowakischen Kardinals, Jozef Tomko, der am 11. März ebenfalls sein 90. Lebensjahr vollendet, Schritt für Schritt. Seit 1945 in Rom, wirkte der dreifache Doktor (Theologie, Soziologie und Jus) in den verschiedensten kirchlichen Zentralstellen und wurde schließlich 1985 ins Kardinalskollegium aufgenommen sowie zum Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker ernannt.

Auch seit dem Rücktritt von diesem Amt 2001 erfüllt Tomko wichtige Aufgaben; so betraute ihn Papst Benedikt XVI. im Frühjahr 2012 als Mitglied einer dreiköpfigen Kardinalskommission mit der Untersuchung der sogenannten Vatileaks-Affäre. Auch in der slowakischen Heimat ist der rüstige Pensionist immer wieder in Erscheinung getreten, zuletzt etwa auf dem großen Jugendtreffen in Ruˇzomberok, das parallel mit dem Weltjugendtreffen in Rio de Janeiro stattfand.

Am 6. Juni 2009 weihte Jozef Tomko im Dom zu Trnava Róbert Bezák zum Bischof, wo er 1989 kurz vor der "Samtenen Revolution“ schon Bezáks Vorgänger Ján Sokol ins Amt eingeführt hatte. Und er stellte Bezák in eine ganz besondere Traditionskette. Er fühle bis heute auf seinem Kopf die Hände Papst Johannes Pauls II., die dieser ihm am Festtag der Mater Dolorosa, der Patronin der Slowakei, am 15. September 1979 aufgelegt habe: "Und jetzt, teurer Vater Róbert, lege ich die Hände dir auf und übertrage dir mit den Mitbrüdern Bischöfen diese apostolische Sendung und der Heilige Geist möge auf dich mit seiner Kraft herabsteigen. Wie du siehst, sind wir beide auf einer guten Linie!“

Die Liste der "auf dich Wartenden“ am Schluss der Predigt umfasst etliche, die Bezáks Wirken charakterisieren sollten, etwa die Gläubigen der Erzdiözese "ohne Unterschied der Nationalität“ (also die durch die Neuordnung der Diözesangrenzen düpierten Ungarn), "die Jugend, die dich vielleicht zu einer Fahrradtour oder einem gemeinsamen Singen einladen wird“ oder "die ganze slowakische Gesellschaft, die Gläubigen wie jene, die glauben ungläubig zu sein, die Politiker, Kulturschaffenden und Künstler, Akademiker und Medien“. Gern würde man erfahren, welche Position der emeritierte Kurienkardinal in der Causa Bezák heute einnimmt.

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