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Die Gehirnwäsche Amerikas

1945 1960 1980 2000 2020

Donald Trump wäre in "normalen Zeiten" nicht wählbar. Für viele Amerikaner war er es vor "Pussygate" trotzdem. Er schien sogar mehrheitsfähig. Warum? Psychogramm einer Wähler-Verzweiflung.

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Donald Trump wäre in "normalen Zeiten" nicht wählbar. Für viele Amerikaner war er es vor "Pussygate" trotzdem. Er schien sogar mehrheitsfähig. Warum? Psychogramm einer Wähler-Verzweiflung.

Wer kann einen solchen Menschen wählen? Einen Rassisten, einen Bankrotteur, einen Aufwiegler? Einen reichen Erben, der von der Weltpolitik und der Geschichte seines eigenen Landes keine Ahnung hat, von Umgangsformen ohnehin nicht; einer, der Werte, Gewissen, Minderheiten, Frauen, Kinder, Religionen und generell alles außer sich selbst gering schätzt und beleidigt. Wer wählt Donald Trump noch immer? Wer sind diese knapp über 40 Prozent der amerikanischen Wähler - mehr als 60 Millionen Menschen?

Der Versuch einer Antwort beschränkt sich meist auf folgenden Befund: Männlich, weiß, konservativ und Angehöriger der sich bedroht fühlenden Mittel-und der Unterschicht. Arbeitslose wählen Donald Trump in einem überwiegenden Maß und Menschen "vom Land". Das ist das Ergebnis zahlreicher Befragungen. USA-Today hat Trump-Wähler nach ihren Motiven befragt und Erstaunliches herausgefunden: Das entscheidende Wahlmotiv ist "Ehrlichkeit und Direktheit" (70 Prozent) des Immobilienmillionärs. Und das obwohl seine Wahlkampfbotschaften zu 60 Prozent erlogen sind (Quelle CNN).

Vielleicht geht es also gar nicht um Wahrheit oder Lüge, wenn seine Wähler "Ehrlichkeit" sagen. Es geht darum, dass der Mann sich traut zu sagen, was andere niemals sagen würden. Es geht nicht um die ethische Qualität des Gesagten. Es geht darum, dass "es" gesagt werden durfte. Das Verdrängte, das Skandalöse. Die Mexikaner sind Vergewaltiger, die Chinesen Plünderer, die Europäer Weicheier und die Politiker korrupt bis in die Knochen.

Einmal richtig "Einisagen"

In Österreich bezeichnet man eine solche Rethorik gemeinhin als "Einisagen". Also es jemandem so richtig hineinsagen, ins Gesicht hinein, in die dumme Fresse. Das Hineinsagen ist immer als Schlag gedacht und als Aggression gemeint. Es geht nicht um die Faust auf dem Tisch, sondern um die Faust im Gegenüber. Das Ende der Geduld ist der Beginn des "gerechten Zorns". Und an dieser Grenze hat Donald Trump seine Wähler aufgelesen. An dieser Grenze beginnt gleichzeitig das Dilemma der Demokratie und der Ethik. Und das nicht erst seit Donald Trump: Denn dieses "es musste einmal gesagt werden" verbindet die Offenheit des Gesagten nämlich mit einer Form der "Wahrheit". Es ist so wie ein Empörter ja auch als Zusatz gerne die Formel "Weil's wahr ist!" verwendet. Wahr ist freilich nur die Empörung, das Faktum ist, egal ob richtig oder falsch, die Trägersubstanz der Stimmung. Je mehr die Fakten der Empörung als Kulisse und Requisit gelten können, desto besser.

All jene, welche sich nun darüber ereifern, müssen das übrigens nicht. Vom "Zeitalter des Postfaktischen" zu reden, ist banal. Warum sollte das falsche Faktum nicht Faktum sein oder werden? Für die Trump-Anhänger sind die Lügen jedenfalls wahr, wie auch die "Umvolkung" für FPÖ-Wähler vor 20 Jahren ein Wahlmotiv war. Und seit wann wird denn gerade in politischen Zusammenhängen nicht zugespitzt, gedreht und gelogen? Seit wann werden nicht Gefühle instrumentalisiert? Wenn es also ein Zeitalter des Postfaktischen gab, dann gab es das seit der Mensch zum Zoon Politikon wurde.

Der Trump-Wähler ist also nicht dumm und auch Amerika ist nicht dümmer geworden. Es könnte aber hoffnungsloser geworden sein. Apathischer. Zu solchen Hoffungslosigkeiten tragen übrigens auch Hoffnungsträger bei, die enttäuschen. Insoferne ist Barack Obama bei aller Ferne zu Donald Trump ein Miterzeuger des Phänomens Donald Trump. Aber das ist nicht die zentrale Frage. Sie lautet vielmehr: Wohin führt Hoffnungslosigkeit als Massenerscheinung?

Ivo Planava, ein Psychiater aus Brünn, hat einmal die Fabrikation einer Massen-Gehirnwäsche beschrieben. Es war 1969 und die Kulturrevolution in China war in vollem Gange, Gehirnwäsche entsprechend in aller Munde. Die Diagnose Planavas hat nichts von ihrer Treffsicherheit und leider auch nichts von ihrer Aktualität verloren. Auf die USA passt sie jedenfalls.

Als Voraussetzung für die Gehirnwäsche nannte er "eine vollständige Verwirrung der Menschen" durch Medien und Meinungsbildner, dazu noch "destruktive Schocks" wie Arbeitslosigkeit und die Wahrnehmung von "bürokratischem Verrat", also das Gefühl, vom Staat im Stich gelassen zu werden. Diese Isolation mische sich mit einer "gewissen Atmosphäre von Skepsis und Unsicherheit". Und weiter: "Es wird mit einem Müdewerden der Menschen gerechnet, mit ihrem Bedürfnis, irgendwie über die schlechten Zeiten hinwegzukommen."

Genau hier setzt die große Illusion des politischen Retters gegen jede Chance an. Denn er soll helfen, egal ob es realistisch ist oder nicht. Lesen wir bei Planava nach: "Wichtig ist aber, dass von Zeit zu Zeit eine nebelhafte Hoffnung präsentiert wird -zusammen mit 'realen' Perspektiven."

Die nebelhafte Hoffnung

Das ist nun Bild des Demagogen. Er gleicht in vielem einer Comicfigur, in den USA wäre es passenderweise Captain America, ein ehemaliger US-Soldat, der "Supersoldatenserum" getrunken hat, fliegen kann, alle Feinde Amerikas jagt und es schließlich mit einer Staatsverschwörung zu tun bekommt. Nicht unähnlich hat Donald Trump sein Erlösungsprogramm für die USA angelegt, Verschwörung korrupter Eliten inbegriffen. Und so funktioniert auch sein Wahlkampf nach wie vor.

Die Dinge, die er tut und sagt, sind für seine Wähler nicht nur Fakten, denen man zustimmen kann. Sie sind paradoxerweise auch Fakten, von denen man gerne glaubt, Medien und dunkle Mächte hätten sie produziert, um Donald Trump zu schaden. Und in diesem Sinne funktioniert die Gehirnwäsche Amerikas perfekt.

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