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USA im Ausnahmezustand

Leitartikel

USA: Vor den Raunächten

1945 1960 1980 2000 2020

Die Pandemie wird einigen Demagogen die Ämter kosten, wie schon in den USA vorgeführt. Die Demokratie aber bleibt massiv gefährdet - auch nach Corona.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Pandemie wird einigen Demagogen die Ämter kosten, wie schon in den USA vorgeführt. Die Demokratie aber bleibt massiv gefährdet - auch nach Corona.

In wenigen Tagen beginnt die Zeit der Raunächte wieder, in denen laut alter Tradition die Geister und Dämonen die Welt in Atem halten. Zwölf Tage, in denen die Wilde Jagd ums Haus zieht. In abergläubischen Zeiten gab es an diesen Tagen selbstauferlegte Ausgangssperren, denn draußen lauerte der Tod. Abergläubische könnten nun meinen, heuer seien die Raunacht-Geister schon im März ins Land gezogen: unsichtbar, aber höchst wirksam mit Quarantäne, Lockdown und Ausgangssperren - und höchst tödlich für so viele, denen sie das Leichentuch gewebt haben. Covid-19 mit einem Wort. Oft und oft ist der Versuch gemacht worden, der Pandemie und ihrem Schrecken Positives abzugewinnen: Sie werde ein Umdenken bringen, die Menschen einander Solidarität lehren, das Gemeinsame insgesamt vor das Egoistische stellen, einen neuen Umgang mit der Natur prägen und das Sanfte vor das Harte des modernen kapitalistischen Lebens. All das Neue und Positive zeichnet sich aber bisher nicht ab. Hingegen ist großer Jammer hörbar und eine wachsende Renitenz gegen alles Verordnete, ganz egal, ob es tatsächlich fehlerhaft oder gut durchdacht ist.

Bei all dem hat die Pandemie aber dann doch politische Weichenstellungen gebracht, die einen positiven Einfluss auf das Weltgeschehen haben dürften: Den Abgesang der Demagogen. Donald Trump ist abgewählt, auch wenn er selbst es noch nicht zu wissen scheint. Boris Johnson ist schwer angeschlagen, egal, wie schlecht er nun den Brexit umsetzt. Brasiliens Jair Bolsonaro köpfelt in Umfragen in den demoskopischen Untergrund. Trump, Johnson, Bolsonaro - alle drei haben versucht, Corona abzutun oder rundweg zu leugnen. Alle drei haben als Krisenmanager kläglich versagt und stecken nun in einem Sumpf aus politischer Unfähigkeit und täglichem Sterben, der ihnen die Ämter gekostet hat oder kosten wird.

Scheinsiege über den Populismus

Der Demokratie verpflichtete Menschen könnten nun zufrieden sein und den Aufstieg der „Spezies ruchlos“ als Episode der Politik abtun. Aber das wäre zu kurz gedacht. Denn die Grundprobleme, die Trump, Johnson und Bolsonaro an die Macht gebracht haben, sind immer noch da und ungelöst. Es ist die Sorgen-Triade Klimawandel, Digitalisierung und Globalisierung, und die daraus resultierende Angst und Existenzangst großer Teile der Gesellschaft.