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Triumphator Trump UND KEIN ENDE

1945 1960 1980 2000 2020

Die Welt hat sich gravierend verändert, macht die Us-Präsidentschafts-Wahl deutlich. Was das genau bedeutet, wissen wir noch nicht. Ein theologischer Kommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Welt hat sich gravierend verändert, macht die Us-Präsidentschafts-Wahl deutlich. Was das genau bedeutet, wissen wir noch nicht. Ein theologischer Kommentar.

Die Präsidentschaftswahl in den USA hat weltweit Schockwellen geworfen. Natürlich kamen in den Tagen danach gegenläufige Frequenzen aus Wirtschaft und Politik; man beginnt sich umzustellen. Trump habe doch eine moderate Siegesrede gehalten und sein Treffen mit Obama sei professionell verlaufen. Aber das konnte die Schockwellen bisher nicht auslöschen. Wellen der Bewunderung laufen sowieso nur aus Russland und von den europäischen Rechtspopulisten ein. Für die Zunft der empirischen Sozialforscher ist Donald Trumps Sieg besonders schwer; ihre Prognosen haben sich zum wiederholten Male als Makulatur erwiesen.

Die New York Times, selbst schwer getroffen von Fehleinschätzungen, titelte zur Sensation: "Trump Triumphs". Man fragt sich, ob die Redaktion bloß drei Buchstaben zum Namen des künftigen Präsidenten hinzufügen oder doch ihre Leserschaft vorbereiten wollte, künftig beides synonym zu nehmen. So weit hergeholt wäre das nicht. Es geht ja nicht darum, bestehende Marken von Unterwäsche bis Autos durch den Namen Trump auszuschmücken, was auf der Linie der bisherigen Geschäftsidee des Unternehmers läge. Es geht um die Zuerkennung des Rituals, einen "mit großer Genugtuung erlebte[n] Sieg"(Duden) zu zelebrieren.

Vom Umgang mit dem Triumph

In Rom war der Triumph siegreichen Feldherrn und Kaisern vorbehalten. Zugleich war Roms Elite bestrebt, Relativierungen im Ritual unterzubringen wie den Sklaven, der den Triumphator ständig seiner Sterblichkeit ermahnte. Mary Beard, eine Kennerin, zieht auch Seneca heran. Der Lehrer Neros stichelte: "Das geringfügige Sakrileg wird bestraft, das Sakrileg im großen Stil dagegen ist der Stoff, aus dem Triumphe sind."

Davon zeugt wahrlich Trumps Triumph. Das kleine Sakrileg des privaten E-Mail-Servers von Hillary Clinton nutzte er für Gefängnisdrohungen, und das FBI spielte zwischenzeitlich mit. Aber jahrelang Obamas amerikanische Geburt bestreiten, einen behinderten Reporter vor johlendem Publikum nachäffen, Muslime kollektiv ausgrenzen, eine Mauer gegen Mexiko bauen, illegale Migranten fortjagen, sich mit freier Fahrt für sexuelle Übergriffe brüsten, die Wahl nur beim eigenen Sieg anerkennen -solche Sakrilegien erwiesen sich als zu groß, um politisch abgestraft zu werden. Sie brachten die Zustimmung der angeblich schweigenden Mehrheit. Es war nicht einfach bloß die gesellschaftliche Schieflage, in der weiße abgehängte männliche Angehörige der unteren Mittelschicht tatsächlich noch weiter abzurutschen drohen, die Trump nach oben spülte.

Es war seine Fähigkeit, fortlaufend über jede Grenze gehen zu können, die die Schwächeren vor den Stärkeren schützt, und dafür anerkennende Bewunderung einzufahren. "Was der sich traut!" Trump teilte fortlaufend Ressentiment als Droge an die aus, die so gerne Mehrheit wären, der all diese Minderheiten sich zu unterwerfen hätten, die aber selbst nicht wissen, wie sie selbst zur Mehrheit kommen. Dazu passt, dass er nicht die Mehrheit der Stimmen erzielte, sondern nur die Mehrheit der Wahlmänner. Der Sieg kam nicht von der politischen Kunst der Mehrheitsbildung aufgrund eigener Überzeugungen, sondern aus der Kunstform von Mehrwertbildung aus der Demütigung anderer.

Eine gefährliche Symbiose

Das Resultat ist Macht ohne jede Demut vor ihrem Gebrauch, während das erste Macht erbrächte, die sich auf die Suche nach ihrer Autorität begeben muss. Diese Suche geht Trump und seinen Anhängern völlig ab.

Sie sind eine gefährliche Symbiose, die ihr Heil in immer noch größeren Sakrilegien suchen werden, wenn sie massiv unter Druck geraten. Diese Präsidentschaft wird nur gelingen, wenn es keine heftigen Bedrohungen, starke wirtschaftliche Schwierigkeiten, katastrophale Ereignisse, Verweigerung der tatsächlichen Mehrheit der Menschen in den USA oder der Völker außerhalb geben wird. Es wäre ein schieres Wunder, wenn nichts davon einträte. So aber ist die politische Richterskala erschütternder Sakrilegien nach oben hin offen. Und ihre Beben können den ganzen Planeten erreichen.

Möglicherweise sollten wir wieder die Apokalypse des Johannes lesen, die man als moderner Mensch so ungern zur Deutung von Geschichte heranzieht. Dort heißt es, die enthüllende Buchrolle mit den sieben Siegeln sei innen und außen beschrieben (Offb 5,1).

Da stoßen zwei Buchstabenfolgen, grammas, aufeinander, deren Grammatiken einander verkehren. Wenn man die eine Seite liest und sich an ihr klammert, kann man nicht anders, als sich die andere vorzustellen -und die potentiell extremen Ereignisse sind die Kontaktzone dazwischen. Selbst wenn man sich beruhigt, es gehe bei diesem Wahlausgang nicht um Endgültiges, sondern nur um vier Jahre, so kann man sich der Vorstellung künftiger massiver Tabubrüche nicht entziehen, die diese Vorläufigkeit auf den Kopf stellen.

Aber gleichwohl: Gott ist doch Herr der Geschichte! Warum beruhigt uns das nicht? Mit Trump trat einfach keine Dressur aus dem üblichen Politzirkus auf. Hier offenbart sich ein Konglomerat dessen, was die urbane Zivilisation so dunkel macht. Alle ihre Gespenster scheinen sich vereinigt zu haben: Ein selbst verliebter Profiteur eines extrem ungerecht verteilten Reichtums, ein sexistischer Medienclown, dessen Horror nicht Halloween-spezifisch ist, ein gieriger Lehrling des windigen McCarthy-Gehilfen Roy Cohn.

Uns dämmert, dass in einer global verstädterten Zivilisation die Pforten dieser Unterwelten nicht bloß in New York lauern und mit dem Label "Trump" versehen sind. Sie können sich überall auftun, auch in Österreich.

Das Suchtmittel Ressentiment, um endlich Mehrheit zu sein, ist auch hier frei verfügbar. Wo bleibt nun die Hoffnung? Im ländlichen Idyll katholischer Wahrheiten wie "Zuerst wider die Abtreibung!", die in den USA bloß zur Selbstverzwergung der katholischen Hierarchie geführt hat? Im kommunikativ verhandelten Utopia einer kritisch handelnden modernen Öffentlichkeit, die den Freiheitsfortschritt schlussendlich immer über die Freiheit des Kapitals erhaben hält? Wer das glaubt, wird sicher nicht selig, aber würde die Talente nur vergraben, die in den Unvereinbarkeiten ausgeteilt worden sind, die urban aber da sind. Kann man mit ihnen wuchern, wie es das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Mt 25,14-30) anpreist?

"Gott ist Veränderung"

Octavia Butler hat aus Beobachtungen über "Make America great again!" schon vor 20 Jahren eine hellsichtige Parabel von den Talenten gemacht. Sie schlägt einen Glaubenssinn vor, der kühl besagt: "Gott ist Veränderung". Mit dem kann man wuchern. Die Frau war gefeierte Science-Fiction- Autorin, keine Theologin. Aber das kann uns nicht beruhigen.

Denn die Welt hat sich gravierend verändert, wie diese Wahl deutlich macht. Was das genau bedeutet, wissen wir noch nicht. Aber wir müssen es herausfinden, weil wir mitten drin stehen. Selbst wenn Gott keine Veränderung sein sollte, ist er in Extremen lokalisierbar und die bedeuten unweigerlich Veränderung. Wer da nicht kühl hinschaut und ermutigende Alternativen zu Sakrilegien setzt, wird es heiß erwischen, wenn die Talente gesichtet werden.

Der Autor ist Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg

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