Digital In Arbeit
Gesellschaft

"In Trump We Trust", oder?

1945 1960 1980 2000 2020

Seit sieben Jahren analysiert Andreas G. Weiß auch für die FURCHE die religiöse und religionspolitische Lage in den USA. Seine Erkenntnisse kompiliert er nun im Buch "Trump -Du sollst keine Götter neben mir haben".

1945 1960 1980 2000 2020

Seit sieben Jahren analysiert Andreas G. Weiß auch für die FURCHE die religiöse und religionspolitische Lage in den USA. Seine Erkenntnisse kompiliert er nun im Buch "Trump -Du sollst keine Götter neben mir haben".

Über Donald Trump gibt es mittlerweile einiges an Literatur, die den Versuch macht, dem Phänomen des politischen Berserkers im Weißen Haus gerecht zu werden. Andreas G. Weiß eben erschienene Monografie "Trump -Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" versucht eine religiöse bzw. religionspolitische Analyse, was auf den ersten Blick außergewöhnlich scheint, sind doch von Donald Trump nicht wirklich viele religiöse Aktivitäten offenbar. Aber, und darum ist es Weiß zu tun, im zivilreligiösen Kontext, als den der Autor die Gesellschaft der Vereinigten Staaten von Amerika identifiziert, müssen auch "religiöse" Maßstäbe herangezogen werden, um die Figur Trump und das, wofür er steht, fassbar zu machen.

"Was wir nie für möglich hielten, hat uns schon verändert", lautet der Untertitel, und der Autor gibt dadurch die Richtung zu verstehen, die er zu gehen gedenkt: Während der Gutteil der Politikbeobachter immer noch das Undenkbare, das mit der Person Trump und seiner Politik in die Welt kam, in den Fokus nimmt, sucht der Salzburger Theologe und Erwachsenenbildner Weiß aufzuzeigen, wie sehr allein die Tatsache, dass Trump da ist und die Position des "Man in charge", wie die US-Amerikaner den Herren des Weißen Hauses zu benennen pflegen, einnimmt, schon alles verändert hat -auch seine Gegner. Selbst wenn Trump nicht mehr da wäre oder stürbe, wäre nichts mehr so, wie es früher war. So lautet eine zentrale These des Buches, und es ist ebenso bestechend wie interessant, dass Derartiges einen Theologen, also jemanden, der sich professionell mit Gott beschäftigt, umtreibt.

Religion und Zivilreligion dominieren

FURCHE-Lesern ist Andreas G. Weiß kein Unbekannter. Seit sieben Jahren, nicht zuletzt als Ergebnis von Forschungsaufenthalten in den USA, analysiert Weiß für diese Zeitung deren Religionspolitik. Denn Gesellschaft wie Politik jenseits des Atlantiks werden nur unter Bedachtnahme auf die Religion, respektive Zivilreligion, die einen Rahmen fürs öffentliche Leben darstellt, begreifbar. Viele der Zugänge im Buch waren schon in Weiß' FURCHE-Artikeln zu lesen -zuletzt die Theologie des Egoismus eines Norman Vincent Peale (FURCHE 5/2019), die Weiß als Schlüssel zu Trumps Denk-und Weltbild anbietet. Auch die Analyse der Rolle des Vorzeige-Evangelikalen Billy Graham war ebenso in der FURCHE zu finden (9/2018) wie die klarsichtige Bewertung der US-Politik im Allgemeinen durch den protestantischen Theologen Reinhold Niebuhr (FURCHE 3/2017), der bereits in der Zwischenkriegszeit wesentliche theologische Einsichten über die USA entwickelte, die Weiß nun auch an der Ära Trump festmacht. Und schon 2012 machte Weiß in der FURCHE auf den jüdischen Kulturhistoriker Jacques Berlinerblau aufmerksam, der die Rolle von Religion oder konkret der Bibel in der US-Politik als kaum zu unterschätzendes Moment herausgearbeitet hat.

Weißʼ Buch ist weder Streitschrift noch Kampfansage, auch wenn der Autor keine Zweifel daran lässt, wo er selber steht. Aber es nützt wenig, mit den US-amerikanischen Zeitläuften zu hadern. "Man könnte fast sagen", schreibt Weiß, "dass mit dem Wahlsieg Trumps eine Vielzahl an völlig neuen Perspektiven auf Demokratie, Politik und Wirtschaft ermöglicht wurden, gleichzeitig mussten aber auch viele ihre Vorstellungen davon begraben, was Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit einer westlichen Gesellschaft ausmacht." In diesem Sinne thematisiert Weiß aber auch die Frage, ob ein US-Präsident tatsächlich ein moralisch vorbildlicher Mensch sein muss, um sein Amt ausfüllen zu können. Das Buch analysiert auch die Überhöhung des Amtes, aufgrund derer nur ein tief religiöser, superbraver Familienvater das Amt einnehmen könnte. Weiß zeigt, wie die religiöse Aufladung zustande kam, und wie sie mit den Fundamentalisten und Evangelikalen und deren Einflusszunahme einherging.

Insbesondere die Republikanische Partei (und über sie auch die Demokratische) war jahrzehntelang über derartiges religiöses Geflecht ein politischer Player. Weiß zeigt konzise auf, wie Donald Trump ebendieses religiöse Geflecht zertrümmert. Gleichzeitig profitiert er dort davon, wo es ihm nützt. Was das alles für längerfristige Auswirkungen hat, ist die spannende Frage, die sich weit jenseits der Alltagsempörung über den jeweils jüngsten Trump-Fauxpas stellt (und solchen, das ist ja die Methode des Trump-Systems, gibt es bekanntlich jeden Tag).

Religiöse Schichten der Entwicklung

Man kann uneingeschränkt raten, sich mit dieser religionssichtigen Analyse des "God's Own Country", als das sich die USA in fundamentalistischer Übertreibung ja schon lang bezeichnen, auseinanderzusetzen. Andreas G. Weiß deutet mit einigen Strichen an, wie sich Christinnen und Christen in dieser politischen Lage verhalten könnten. Das ist aber nicht das Hauptanliegen seines Buches. Sondern er legt in erstaunlicher Präzision die religiösen Schichten der Entwicklungen offen.

"Man kann aus diesem Trump lernen", lautet eine seiner Schlussfolgerungen: "Man muss ihn nicht einfach als gegeben hinnehmen oder seine politische Richtung als den Schlüssel für eine erfolgreiche Stimmungsmache in der Zukunft ansehen. Trump ist bereits geschehen, aber ihm kann entgegengetreten werden."

Trump Du sollst keine anderen Götter neben mir haben Von Andreas G. Weiß Patmos 2019 216 Seiten, geb.,€ 24,70

Religion, wenn sie nützlich ist

Der evangelikale Prediger Andrew Branson betet mit Donald Trump im Oval Office des Weißen Hauses nach seiner Freilassung aus einem türkischen Gefängnis im Oktober 2018, wo Branson zwei Jahre lang wegen Terrorismus und Spionage eingesperrt worden war.