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Der Krieg und die Erhaltung des Friedens

Der offene Gegensatz zwischen den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der verschiedenen Völker der Erde, bei ihrer

gleichzeitigen gegenseitigen engen Verbindung, äußert sich in unvermeidlichen scharfen Spannungen und unerträglichen Belastungen sowie auch im inneren Versagen, wenn die Beziehungen nach außen gestört werden. Es

ist eine törichte Annahme, das System des Krieges sei etwas für sich selbst, bestehe aus sich heraus und um seinetwillen. Es ist vielmehr der Ausdruck der angesammelten Spannungen, Uberlastungen und des Versagens, das die Spaltung und die Feindschaft der wirtschaftlichen und politischen Systeme der jetzigen Welt kennzeichnet. Das Verständnis des

Kriegssystems einerseits und das jener Bedingungen, deren Erfüllung für die Bildung einer Weltregierung erforderlich ist, andererseits muß von der Erkenntnis dieser tragischen Trennung ausgehen. Das Versagen, die Friedensbestrebungen mit Planung der Mittel zu verbinden, die eine Ergänzung der wirtschaftlichen, politischen und moralischen Phasen des sozialen Lebens herbeiführen sollen, erklärt das Versagen der pazifistischen Bewegung der Vergangenheit, trotz der Sehnsucht der Menschen nach Frieden. Es erklärt auch, wieso kein Volk, wenn es auf sich selbst ankommt, den Krieg wünscht, daß aber jedes Volk den Krieg, in den es gerät, zunächst ganz passiv auf sich nimmt, ihn aber dann begeistert unterstützt.

Es gibt kein Ersatzmittel für den Krieg, solange die wirtschaftlichen Verhältnisse die Völker dieser Erde in einem gemein-

samen Schicksal verbinden, während die politisch organisierten Gebilde beharrlich und kräftig nach der entgegengesetzten Richtung streben.

Daraus ergibt sich, von welcher Art die Einrichtungen sein müssen, über die die Weltregieruing verfügen soll, wenn sie in der Aufrechterhaltung eines Friedenssystems Erfolg haben soll.

Die technischen Auswertungen der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Industrie und im Handel haben die durch die geographischen Entfernungen bedingte Trennung aufgehoben, die Meere sind überbrückt; Berge bilden genau so wenig Hindernisse wie Ebenen, die Welt ist geographisch eine Einheit geworden. Ihre Größe, gemessen an Geschwindigkeiten, ist von der Geschwindigkeit des Fußgängers, des Reiters oder des Reisenden in der Postkutsche auf die Geschwindigkeit der Eisenbahn, des Dampfschiffes und des Flugzeuges zusammengeschrumpft. Die Reisen zu manchen Völkern dauerten in früherer Zeit Tage, Monate oder Jahre, heute oft nur wenige Stunden. Das engere räumliche Aneinanderrücken hat sein Gegenspiel in den Einrichtungen, die die Verbindungswege ganz neu gestaltet und damit einen ganz neuen Ausblick für die geistige Entwicklung eröffnet haben. Eilpost, Telegraph und Telephon und nun auch das Radio haben es den Völkern der Erde ermöglicht, voneinander Wissen und Kenntnisse, Freuden und Leiden zu empfangen, als wären sie Teile eines einzigen lebenden Organismus.

Der wirtschaftliche Faktor hat bei der technischen Anwendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse die größte Rolle gespielt. In mancher Hinsicht hat sich also die optimistische Erwartung auf weitreichende Verbesserungen als nicht ganz unbegründet erwiesen. Der Austausch von Waren, von Kenntnissen und Ideen hat eine Fülle von Wohltaten mit sich gebracht. Aber auch die Zahl der R e i b u n g s p u n k t e hat sich vervielfacht. Menschen, die gar keine Berührung miteinander haben, können auch nicht miteinander in Streit geraten. Die Konfliktmöglichkeiten sind nicht auf die zahlreich hinzugekommenen Orte, an denen es Reibungen gibt, beschränkt geblieben. Dazu kommt noch eine entsorechend vermehrte Zahl von Konflikten auf Grund nationaler Interessen. Solange die politische Ordnung der Welt so abgestimmt ist, daß sie einigermaßen mit der Wirkung der Wirtschaftsfaktoren harmoniert, muß gesagt werden, daß das Bild, das durch die Disharmonie der

veralteten politischen und der neuen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren bestimmt ist, vollständig und genau in dem weltumfassenden Charakter der beiden Kriege in Erscheinung tritt, der beiden Kriege, mit denen die Menschheit in den vergangenen 25 Jahren gestraft wurde. Eine gegenseitige Abhängigkeit, die auf Grund des politischen Charakters der Organisation, die sie durchkreuzt, lästig und unbequem ist, schließt schon infolge ihrer ganzen Art die Möglichkeit des Krieges in sich, und zwar eines solchen, der unermeßlich zerstörend ist.

Die Annahme jedoch, daß die Hoffnungen jener, die in der wirtschaftlichen Verbundenheit einen Weg zu einer harmonischen Weltregierung und zum Weltfrieden begrüßten, gänzlich unbegründet und daher zum Scheitern verurteilt waren, bedeutet nichts anderes als ein Verzweifeln an dei Zivilisa

tion. Wir haben die Atomenergie, Erfindun gen, technische Entwicklungen der Erzeugung, eine Verteilung der Güter und Verkehrssysteme. Sie werden bestehen, bis die Zivilisation sich selbst vernichtet. Nicht in ihrem Bestehen beruht die Gefahr, sondern in der Verewigung der politischen Organisationsformen, die deren Auswirkungen bestimmend beeinflußen.

Der endgültige Ausgang der Entwicklung hängt davon ab, ob die Staatsmänner und die breite Masse der Menschen den Mut, die Tatkraft und den guten Willen aufbringen, die nationalen politischen Organisationsformen so umzugestalten, daß die Nationen als Mitglieder einer weltumfassenden Gesellschaft wirken.

Die Theorie des Liberalismus

Die Soziologen, die das Glaubensbekenntnis des Liberalismus auf etwas aufbauten, das sie für eine gesunde wirtschaftliche Basis hielten, nahmen an, daß der weitere Fortschritt der infolge der industriellen Revolution freigewordenen wirtschaftlichen Kräfte in der Gestaltung der zukünftigen sozialen Beziehungen eine entscheidende Rolle spielen würde. Im besonderen faßten sie eine Unterordnung der Politik unter die Wirtschaft ins Auge. In dieser Unterordnung würde die Wirtschaft entsprechend ihrer Auffassung der zukünftigen Entwicklung die freie Wahl der Individuen darstellen.

Die Freiheit wie auch der Frieden waren, so glaubte man, mit dem ungehinderten Spiel der wirtschaftlichen Interessen aufs engste verbunden. Politische Aktionen würden dann auf die negative Aufgabe, Ordnung zu halten, beschränkt bleiben; da sie Zwangsmaßnahmen sind, würde sie nur dann erfolgen, wenn Individuen oder Gruppen ihre Freiheit dazu gebrauchten, die Freiheit mehrerer zu beeinträchtigen. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurden Lehrsätze dieser allgmeinen Art oft formuliert und übten einen weitreichenden Einfluß aus. Sie wurden auch aus der Theorie in die Praxis umgesetzt. Gesetzgebung, Rechtsent-scheidungen und die Gestaltung der Beziehungen mit dem Ausland wurden zu einem beträchtlichen Ausmaß mit diesen Lehrsätzen übereingestimmt. Im Laufe der Zeit hemmten die Ereignisse sehr bald die Auswirkungen dessen, was stolz als die Entdeckung des einzig richtigen Ausgleichs der sozialen Kräfte angekündigt worden war, ein Ausgleich, mit dem man Fortschritt, Freiheit, Wohlstand und Frieden erreichen wollte. Weder Politik noch Wirtschaft verblieben in dem ihnen zugewiesenen Bereich. Während die Theoretiker diese Tatsache

als eine Verletzung des Naturrechtes beklagten, führten die drängenden spezifischen Probleme, die eine aufmerksame Beachtung und Behandlung erforderten, zu der gewaltigsten und kompliziertesten Verquickung der politischen und wirtschaftlichen Fragen, die die Welt je erlebt hat. Keine umfassende Auffassung oder Planung lag den Maßnahmen und der Politik zugrunde, die zu dieser Verwicklung geführt hatten. Besonders auf dem Gebiet der Politik behalf man sich mit stückweiser Behandlung jeweiliger zusammenhangloser Probleme von besonderer Dringlichkeit. Mit einer nun ganz seltsam anmutenden Blindheit wollte man nicht einmal zugeben, daß die Theorie der Trennung der Politik und der Wirtschaft in der Praxis vollständigen Schiffbruch erlitt. Jeder folgende Schritt in der Preisgabe der Lehre wurde als eine Konzession gegenüber besonderen Umständen angesehen, durch die aber das eigentliche Lehrgebäude unberührt bliebe.

Das einzige, was die Konservativen und die Radikalen gemein hatten, war der Vorrang der Wirtschaft gegenüber der Politik. Aber bezüglich , der Gesellschaftsklasse, der die Aufgabe übertragen werden sollte, die wirtschaftlichen Faktoren zu einem bestimmten Ziel zu leiten, gingen die Auffassungen vollständig auseinander. Die Konservativen glaubten, die Gesellschaftsklasse, die bereits die Fabriken, Banken, Transport- und Verkehrsmittel in den Händen habe, sei die geeignete, die Unterordnung der politischen Maßnahmen gegenüber denen der Wirtschaft durchzuführen. Die radikalen Repräsentanten der Lohnempfänger vertraten die Auffassung, daß die Klasse der Arbeiter dazu prädestiniert sei, den endgültigen Sieg der wirtschaftlichen Freiheit über die zwangsmäßigen und versklavenden Einrichtungen der Politik zu erringen, wobei die letzteren natürlich nur das Erbe der Tyrannen einer erledigten, vor der Zeit der Industrie liegenden Vergangenheit seien.

Da aber auch ihre praktischen Ziele, wenn es auf die Behandlung besonderer Streitfälle ankam, einander- entgegengesetzt waren, erreichten die Vertreter der beiden Extreme eine noch größere wechselseitige Verquickung der politischen und wirtschaftlichen Probleme. Die Sozialgesetzgebung, die die Interessen der arbeitenden Klasse schützen sollte, wurde oft durch Staatsmänner be-scirnimt, die mehr die politische und iriili-

tärische Macht ihrer Nationalstaaten im Auge hatten, als menschliches Verständnis für den Arbeiter, dessen Los erleichtert werden sollte. Die inneren Folgen, die sich aus dem Mißerfolg bei der Trennung der Politik von der Wirtschaft ergaben, kommen hier nur soweit in Betracht, als sie die internationalen Beziehungen berührten. Die herrschende wirtschaftliche Klasse war es, die die Führung in der Festlegung von Tarifgesetzen übernahm; diese Gesetze machten jener Freiheit des Handels ein Ende, die ein integrierender Teil des früheren Lehrgebäudes war. Die führende wirtschaftliche Klasse setzte als erste die politische und militärische Kraft der fortgeschrittenen Industriestaaten zur Durchführung einer imperialistischen Kolonialpolitik ein. Heute ist es außerordentlich schwierig sichv vorzustellen, daß vor hundert Jahren verantwortliche Staatsmänner so stark unter dem Einfluß der früheren Lehre standen, daß sie meinten, die Zeit der Kolonisation sei vorbei, da die Kolonien eine finanzielle Last bedeuten.

Der Imperialismus

Das ungeheuer rasche Wachstum der imperialistischen Politik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei deshalb hier erwähnt, weil es ein in die Augen springendes Beispiel jener Verquickung der Politik und der Wirtschaft bietet, durch die der liberale Nationalismus mit seinem großzügigen Ausblick in den nationalen Liberalismus mit seinen exklusiven und international aggressiven Tendenzen verwandelt wurde. Die Politik der mächtigen Nationalstaaten konzentrierte sich allmählich immer mehr darauf, das Wirtschaftssystem der Nation in Gang zu halten und die dabei auftretenden Störungen zu beheben. Das unter der Kontrolle der politisch selbständigen und nicht verantwortlichen Staaten stehende Wirtschaftssystem brachte nicht nur keine Wohlfahrt, keine Freiheit und kein ruhiges Nebeneinanderleben, obwohl diese Attribute von ihm in Anspruch genommen wurden, es konnte sich nicht einmal selbst behaupten außer durch Stärkung der politischen Macht. Solange diese Verstärkung politischen Faktoren diente, die eifersüchtig auf ihre eigenen, besonderen Interessen bedacht waren, trug der vorherrschende großangelegte nationale Egoismus ständig zu den Spannungen, die sich schließlich explosiv in einem Krieg entluden.

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