Mit der Liebe ist das so eine Sache

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Gesellschaftssatire mit Biss wiedergelesen.

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Gesellschaftssatire mit Biss wiedergelesen.

Wo Romane gewöhnlich aufhören, wird es für Louise de Vilmorin (1902–1969) erst richtig interessant. Zwei haben sich gefunden, nichts ist gerettet, die eigentlichen Kalamitäten beginnen erst jetzt. Nichts da von ruhigem Durchatmen mit Blick auf eine gesicherte Zukunft, verlassen darf man sich auf rein gar nichts.

Diese Autorin traut den Menschen eine Menge zu, wenn es um die Jagd nach dem eigenen Glück geht. Die seelische Verletzungsgefahr für jemanden, der sich gerade noch geliebt fühlen durfte, ist ausgesprochen groß. Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander, eine Allerweltsgeschichte, möchte man meinen. Falsch, denn es funkt zwischen ihnen zum falschen Zeitpunkt, als die Verhältnisse längst geklärt scheinen. Sie ist die Braut eines Anderen und verlässt diesen kurzerhand, um sich einem alten Freund der Familie, der eigentlich gekommen war, um der Hochzeit beizuwohnen, anzuschließen. Der Skandal ist perfekt. Noch dazu befinden wir uns in den besseren Kreisen der französischen Gesellschaft. Es wird eng für den Einzelnen, außer er nimmt sich seinen Freiraum einfach und macht sein eigenes Ding.

Die junge Frau, eine Soldatenwitwe, taucht mit dem Verführer ab in Südamerika, wo sie – als Frau des reichen Geschäftsmannes – etwas darstellt in der Gesellschaft. Ende, aus? Keineswegs. Diese Autorin findet großes Vergnügen daran, alle Verbindlichkeiten über den Haufen zu werfen. Nach Jahren besucht das Ehepaar, mustergültig durch und durch, Frankreich wieder, und jetzt ist die Chance da für den einst verschmähten Bräutigam. 1954 erschien der Roman „Belles amours“ im renommierten Verlag Gallimard. Gut möglich, dass sich die Öffentlichkeit über die Intrigen-Mentalität der Reichen und Schönen erschrocken gezeigt hat. In ihrem Werk wurde Vilmorin nicht müde zu zeigen, dass Werte wie Treue und Zuverlässigkeit nicht mehr als Empfehlungsstatus besitzen. Halten will sich daran keiner.

Louise de Vilmorin versteht Ironie genau zu dosieren. Sie betrachtet ihre Figuren mit Nachsicht, richtet nicht über sie. Sie musste nicht viel erfinden, um zu ihren Stoffen zu gelangen, war sie doch selbst umtriebig und Mittelpunkt von Affären. Sie war verlobt mit Antoine de Saint-Exupéry, zwei Mal verheiratet und liiert mit etlichen einflussreichen Männern. André Malraux regte sie zum Schreiben an, und tatsächlich hatte sie Erfolg damit. Ihre Bücher bieten vergnügliche, intelligente Lektüre. Gesellschaftssatire mit Biss.

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