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Maschinen gegen Gemüse

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Elastische Anpassung an die Tatbestände ist für jeden initiativen Exportkaufmann des Westens eine bleibende Aufgabe. Vor zwei Jahrzehnten bedeuteten die Tauschgeschäfte (Barter, Ware gegen Ware) für den Westen eine kaum überwind-liche Barriere. Clearing und Kontingente in starren zweiseitigen Verträgen gab und gibt es zwischen West und Ost auch heute. Schließlich darf man nicht vergessen: Der gesamte blockinterne Handel Osteuropas spielt sich immer noch bilateral und im Clearingwege ab. Zum Unterschied von der westlichen Welt nicht auf Dollarbasis, sondern auf Rubel-Verrechnungsbasis. Für die Entwicklungsländer gibt es auch andere Verrechnungsgrundlagen, wie etwa die indische Rupie. Weshalb? Nun, der Dollarvorrat beispielsweise der 37 afrikanischen Länder reicht durchschnittlich nur für 70 Tage.

Wie also kann man heute Nebenmärkte und Handelspartner erreichen, die höchstens gegen eine entsprechende Kreditmarge und mit „Gegenwaren“ als Käufer in Frage kommen? Ein Beispiel: Ein Oststaat will im Iran eine Möbelfabrik errichten, deren Installationen der Oststaat selbst aus einem westlichen Lande importiert. Der Iran und der Oststaat können dem westlichen Lieferanten bilaterale Parallelgeschäfte anbieten. Der Iran hat seinerseits in ein, zwei westlichen Ländern Guthaben, der Oststaat kann ebenfalls auf realisierbare Forderungen in Nachbarländern hinweisen. Was tun? Es gab bekanntlich schon seit vielen Jahren technische Kredite, Swftch, den sich die Handelsländer wechselseitig einräumen, um die laufende Fortführung der Geschäfte zu erleichtern. Darüber hinaus ist aber gerade in Wien der Zusammenschluß von rund 100 Firmen zustande gekommen — eine Verrechnungsstelle für Austauschverkehr und warengebundene Parallelgeschäfte mit COMECON- sowie mit Entwicklungsländern. Seit geraumer Zeit haben allmählich rund 200 Handels- und Exportgesellschaften Niederlassungen in Wien gegründet — von England bis Bulgarien und von Pakistan bis Ungarn. Die ausländischen Niederlassungen dienen so gut wie ausschließlich der Geschäftsabwicklung mit den Nebenmärkten und im Verkehr mit Ländern, deren chronische Dollarknappheit sie sonst vom westlichen Warenstrom ausschließen müßte. Rund 15 Prozent der Außenhandelstransaktionen Österreichs gewinnen seit etwa drei Jahren reinen Transitcharakter und die Ware berührt das Territorium Österreichs nicht. Wie man sieht, handelt es sich um sehr nüchterne, praktische Versuche und Verwirklichungen, das Handelsvolumen zwischen West und Ost, zwischen zivilisatorischen und Entwicklungsbereichen der Welt auszuweiten und das Problem der Drittlandgeschäfte, der Refinanzierung und eines erträglichen Disagio für Verkäufer über einen gemeinsamen Umschlagplatz abzuwickeln. Als Umschlagplatz Nummer eins fungierte seif den fünfziger Jahren diesbezüglich Zürich und Bern. Seit zwei Jahren hat sich Wien für diese Vermittlungsgeschäfte in die Spitzenposition zwischen West und Ost, Nord und Süd geschoben. Vor wenigen Jahren noch hätte ein westlicher Exportkaufmann es ablehnen müssen, gegen eigene Maschinenexporte Flachglas oder Gemüsekonserven zu erhalten, deren Weiterverkauf für ihn neue Probleme aufwirft. Heute hat der kaufmännische Sinn in West und Ost Nebenlösungen und Provisorien entdeckt — und sind nicht Provisorien ein Charakteristikum Österreichs?

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