Basis und Brisanz der Zehn Gebote

#Was ist gutes Leben?# # Mit dieser Frage beschäftigen sich die #Theologischen Kurse# anlässlich ihres 70-jährigen Bestehens und werfen einen genauen Blick auf die Zehn Gebote. Bis heute formulieren diese universale Einsichten und Werte, die längst nicht mehr von allen geteilt werden.

Verschiedene Interessen, unterschiedliche und individuelle Lebensstile und divergierende Ansichten zu politischen und gesellschaftlichen Themen prägen unsere ausdifferenzierte Gesellschaft. Diese Entwicklung macht auch vor dem Christentum und seinem Wertefundament keinen Halt: Erstmals seit fast zwei Jahrtausenden scheint der gesellschaftliche christliche Grundkonsens rasant an Bedeutung zu verlieren.

Es sind die Säkularisierung und die Auswanderung der Religiosität aus institutionalisierten großkirchlichen Glaubensgemeinschaften, die zu diesem enormen Umformungsprozess einen erheblichen Beitrag leistet. Die einstmals vornehmlich christlich geprägten Staaten Mitteleuropas haben in den vergangenen Jahrzehnten ebenso wie Nordamerika tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen erlebt.

Dies zeigt sich in einem besonders starkem Ausmaß bei den nachwachsenden Generationen. Selbst die grundlegendsten Elemente der jüdisch-christlichen Traditionen sind für junge Menschen kaum mehr nachvollziehbar, das rein kulturwissenschaftliche Wissen über deren Eckpunkte ist oft schon völlig abhanden gekommen.

In den Hintergrund geraten #

Die #zehn Gebote# (der Dekalog, griechisch für die #zehn Worte#) sind eines der wenigen Elemente der biblischen Überlieferung, das (noch) fast allen Kreisen der Gesellschaft bewusst geblieben ist, auch dort noch, wo religiöse Inhalte der jüdisch-christlichen Kultur bereits weitgehend in den Hintergrund getreten oder auch schon ganz in Vergessenheit geraten sind.

Es scheint so, als formulierte der Dekalog # zumindest in jenen Passagen, die zentrale Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens regeln wollen # immer noch universal kommunikable Einsichten und Werte, auf die sich praktisch alle kulturellen bzw. gesellschaftlichen Kontexte auch noch jenseits der jüdisch-christlichen Religion verständigen könnten. Es hat den Anschein, als bewahre dieser im Dekalog formulierte religiös-ethische Minimalkonsens ein zentrales Element des #biblischen# Erbes jenseits aller Formen gesellschaftlich organisierter Religiosität.

In seinem ursprünglichen Überlieferungszusammenhang freilich beabsichtigt das #Zehnwort#, das Mose als Mittler dem von Gott auserwählten Volk Israel am Sinai gleichsam übergibt, zunächst etwas vollkommen anderes: Die Verhaltensregeln des Dekalogs stehen in einem ganz bestimmten literarischen Kontext, und sie ergehen # so wollten es die Endredaktionen des Pentateuchs # an einem entscheidenden Punkt der Geschichte Israels!

Mitten in der Wüste, von einem noch weitgehend unbekannten Gott gerade erst aus der Sklaverei in Ägypten befreit, und in erheblicher zeitlicher und geografischer Entfernung vom verheißenen Land, in welches das Volk unter der Führung des Mose einziehen soll.

Die #zehn Worte# richten sich an eine Gruppe, die als erste Tat ihres #neuen# Gottes dessen befreiendes Handeln erfahren hat. Diese Erfahrung der Befreiung ist für die kontextuelle Interpretation des Dekalogs von größter Bedeutung.

Treue gegenüber Gott

Die #zehn Worte# sprechen zuallererst von dieser Befreiungstat und fordern erst danach bestimmte Verhaltensweisen ein. Die Ansprüche zielen auf etwas ganz Konkretes ab: Sie wollen grundlegende Elemente des Zusammenlebens des befreiten Volkes regeln, und zwar für die Zukunft, in der Israel im gelobten Land angekommen sein und als geschwisterliche Gesellschaft zusammenleben wird.

Der deutsche Alttestamentler Frank Crüsemann spricht in diesem Zusammenhang vom Dekalog als ein kleines Grundinstrumentarium zur #Bewahrung der Freiheit#, die Gott seinem Volk völlig unverdient, als Akt reiner Gnade, geschenkt hat. Dieses Zusammenleben erfordert ganz im Stile altorientalischer Traditionen zunächst Treue Gott gegenüber, dann aber auch bestimmte soziale Verhaltensweisen ein.

Die beiden Fassungen des Dekalogs in Ex 20 und Dtn 5 verdeutlichen diese Notwendigkeit kontextueller Interpretation dadurch, dass sie jeweils an die Spitze äußerst umfangreicher Gesetzeskorpora gestellt sind, welche dessen Gebote explizieren und (keineswegs immer übereinstimmend) interpretieren. Wieder geht es um das eine: die Bewahrung der Freiheit im alltäglichen Zusammenleben, in Treue zu Gott, der dies durch seine Heil schaffenden Taten überhaupt erst möglich gemacht hat.

Von daher ist es auch verständlich, dass die beiden Dekaloge schon in ihrer Anlage weder ein umfassendes Kompendium des Glaubens Israels noch einen vollständigen Katalog ge- bzw. verbotener Verhaltensweisen enthalten, sondern als leicht zu merkende Reihe von kurzen, elementaren Regeln konzipiert sind, die der Ergänzung, Kommentierung und jeweils neuen, der Zeit entsprechenden Interpretation bedürfen.

Heilsgeschichtliche Komponente

Eine Reduktion der #zehn Worte# auf allgemein menschliche ethische Grundwerte ohne Anbindung an die ihrem Wesen nach (heils-)geschichtliche Tradition der Geschichte des auserwählten Volkes, besonders jener zentralen Rettungserfahrung, hält den Text permanent in Schwebe, hält ihn in einer Unbestimmtheit gefangen, die er in seinem primär intendierten Kontext nicht hat.

Aus biblischer Sicht hat die Wiedergewinnung der dem Gebot bzw. den Verboten vorausgehenden Erfahrung der Befreiung aus den vielen Knechtschaften, denen Menschen in aller Welt zu allen Zeiten unterworfen sind, Priorität gegenüber der Einmahnung oft als blutleer empfundener Lebens- und Verhaltensregeln.

Besonders jenen, die sich selbst als von Gott auserwählte und erlöste Gemeinschaft von Glaubenden verstehen, Christen wie Juden, ist es als Aufgabe mitgegeben, die im Exodus geschenkte Befreiung durch die Praxis des Alltags auf die eigentliche Sinnspitze der #zehn Worte# hin transparent zu machen. Was an biblisch inspirierten ethischen Normen in der modernen Gesellschaft noch erhalten geblieben ist, könnte so zu einem neuen Anknüpfungspunkt an das Sinnpotenzial der jüdisch-christlichen Überlieferung werden.

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