Rainer Winkler Drachenlord - Zu sehen ist der YouTuber und Streamer Rainer Winkler alias „Drachenlord“. Er hat braune Haare und trägt einen schwarzen Hoodie. Über dem Mund hat er einen schwarzen Schal drapiert. Er steht vor einem braunbeigen Bürohaus, im Vordergrund sind die Äste eines Nadelbaums zu sehen, hinter dem er sich zu verstecken scheint. - © Foto: IMAGO / Pond5 Images
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„Drachenlord“ Rainer Winkler: Der Mob, der Staat und ein zerstörtes Leben

Vor drei Jahren wurde der deutsche YouTuber und Streaming-Produzent Rainer Winkler – alias „Drachenlord“ – verurteilt, weil er sich mit Gewalt gegen einen Mob vor seinem Haus gewehrt hatte. In der Folge verlor er seine gesamte Existenz. Die Chronologie eines Versagens.

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Update: Am Samstag, den 9. August 2025, versammelten sich nach Aufrufen in sozialen Medien rund 4000 Menschen am ehemaligen Wohnort von Rainer Winkler. Ein 16-Jähriger wurde vorläufig festgenommen, gegen 100 Anwesende leitete die Polizei Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten ein. Nach Polizeiangaben erließ die Gemeinde Emskirchen (Bayern), nachdem sie von den Mobilisierungsaufrufen erfahren hatte, für Samstag eine Allgemeinverfügung, die unter anderem Versammlungen von mehr als acht Menschen verbot. Die rund 4000 Personen, vor allem junge Männer, hielt das nicht auf.

Im Internet kann jeder das sein, was er will. Schüler und Schülerinnen können sich als Supermodel abbilden, der Schichtarbeiter als Sportwagenfahrer und die Arbeitsbiene als großer Manager. Die sozialen Medien geben uns die Freiheit, das zu tun. Und meist nimmt kaum jemand davon Notiz, wenn wieder einmal die Schere zwischen Realität und Fiktion auseinanderklafft.

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Auch der ehemalige Sonderschüler Rainer Winkler wollte unter seinem Pseudonym „Drachenlord“ aus der Einsamkeit seines baufälligen Elternhauses im deutschen Franken in eine Scheinwelt entfliehen. Ein Eskapismus in eine Welt aus Gaming und Heavy-Metal-Musik sollte es sein. Doch das bezahlte der heute 36-Jährige mit seiner gesamten Existenz. Und der Staat ließ es zu.

Leicht zu reizen

Wie war das möglich? Winkler startete seinen YouTube-Kanal 2011 mit eher banalen Videos. Seine Art „unkonventionell“ zu nennen, trifft es nur unzulänglich. Er war unbeholfen, sprach im Dialekt, verhaspelte sich oft und zeigte Einblicke in die Ödnis seines Lebens. Er filmte sich beim Brote schmieren oder beim Training seines adipösen Körpers. Inhalte zum Fremdschämen zwar, aber in sich doch auch irgendwie authentisch. Das Problem: Winkler ist leicht zu reizen.

Bei dummen Kommentaren schoss er sofort zurück. Was wieder zu neuem Hass führte, auf den er noch heftiger reagierte. So wuchs seine Bekanntheit – aber nicht im positiven Sinne. Es entwickelte sich eine Online-Szene, in der Winkler regelrecht gehasst wurde. Aus Internet-Trolling wurde organisierte Belästigung. Aus Kommentaren wurden Belagerungen. Aus digitalem Spott wurde physische Bedrohung.

Ziel des ‘Spiels’: Wer Winkler am schönsten quält, wird in Gruppen auf Telegram, Reddit oder Discord dafür beklatscht.

Denn bei Kommentaren blieb es nicht. Die sogenannten Hater fanden rasch heraus, dass man Winkler Probleme machen kann. Erst bestellten sie Pizzen, Sexspielzeug und teure Artikel in seinem Namen. Dann ging es auch an die Familie: Das Grab seines Vaters am Friedhof wurde geschändet. Als die Hater den Wohnort seiner Schwester herausbekamen und sie belästigten, machte er einen entscheidenden Fehler: Er forderte die Hater heraus, zu ihm „nach Hause zu kommen“ und sich ihm persönlich zu stellen.

Das ließ sich der harte Kern nicht zweimal sagen. Beinahe täglich tauchten sie bei ihm auf und belästigten ihn. Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Beleidigung oder Stalking nennt man das in der echten Welt. Sie nannten es beschönigend „Drachengame“. Ziel des „Spiels“: Wer Winkler am schönsten quält, wird in Gruppen auf Telegram, Reddit oder Discord dafür beklatscht.

Bis zu 15 Polizeieinsätze am Tag

Mehrmals täglich musste die Polizei ausrücken, um Hater in die Schranken zu weisen. Bis zu 15 Einsätze am Tag verzeichnete die örtliche Polizeistation. Zu einem illegalen „Schanzenfest“ an Winklers Adresse kamen Hunderte. Während draußen der Mob tobte, streamte Winkler drinnen – und goss somit erneut Öl ins Feuer.

2016 kam es sogar zum ersten Fall von „Swatting“ in Deutschland. Dabei wird mit einem falschen Notruf ein Sondereinsatzkommando der Polizei (in den USA SWAT genannt) zur Abwehr einer Gefahr an eine Adresse geschickt. An Winklers Adresse. Der Anruf war ein Fake. Der 24-jährige Anrufer wurde später dafür zu drei Jahren Haft verurteilt. Aber warum hörte Winkler nicht einfach auf? Warum tat er sich das an, immer weiter Material zu erstellen, das immer heftigeren Hass nach sich zog? Die Antwort ist banal: Die Videos auf YouTube und anderswo waren längst seine einzige Einnahmequelle. Selbst wenn Winkler aufhören wollte – er konnte nicht anders.

Ja, Winkler ist unreflektiert, trotzig und bisweilen verletzend. Doch rechtfertigt das ein jahrelanges Martyrium?

Lieber griff er zur Selbstjustiz, wenn wieder einmal Hater an seinem Haus auftauchten. Und ging dabei nach Ansicht der Gerichte zu weit: Für den Einsatz von Pfefferspray setzte es eine Bewährungsstrafe von sieben Monaten. Noch während der Bewährungszeit kam es zu weiteren Straftaten. 2021 verurteilte ein Gericht ihn zu zwei Jahren Haft, weil er einen Mann, der seinen Zaun belagerte, mit einer Taschenlampe geschlagen und mit Steinen beworfen hatte.

Das Urteil schlug hohe Wellen, vielfach wurde in den Medien von einer perversen Täter-Opfer-Umkehr gesprochen. Wie weit darf man sich wehren, wenn der Staat mit dem Schutz der Person überfordert ist? Ja, Winkler ist unreflektiert, trotzig und bisweilen verletzend. Immer wieder fällt er auch mit frauenfeindlichen Aussagen auf. Doch rechtfertigt das ein jahrelanges Martyrium?

Geschichte eines Staatsversagens im Netz

Nach dem Urteil wurden ihm seine Kanäle gesperrt, was ihn endgültig mittellos machte. Die Gemeinde kaufte ihm sein Elternhaus ab und ließ es vom Bagger planieren. Alles in der Hoffnung, die Ruhe im Ort wiederherzustellen. Seitdem zieht Winkler von Bleibe zu Bleibe, immer in der Hoffnung, einen Schritt vor den Hatern zu sein. Immer wieder ist er auch auf TikTok aktiv, aktuell aber nicht.

Was vom „Drachengame“ bleibt, ist nicht die Geschichte eines gescheiterten YouTubers, sondern die Geschichte eines Staatsversagens im Netz. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die aufgehört hat, zwischen öffentlichem Interesse und öffentlichem Sadismus zu unterscheiden. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nicht daran gescheitert ist, dass er provoziert hat – sondern daran, dass es nicht möglich war, ihn zu schützen. Durchaus auch vor sich selbst.

Es ist nicht möglich, einen Einzelnen gegen einen außer Rand und Band geratenen Online-Mob zu schützen, der sich online unter falschen Namen organisiert.

Sicherlich, die Polizei war oft vor Ort. Aber auch sie war heillos überfordert mit der schieren Menge an Einsätzen. Und irgendwann gab man dann auf. Die Hater waren einfach zu viele, zu organisiert, zu motiviert und allzu oft auch klug genug, die Grenzen des Strafrechts im Auge zu behalten. Der Staat kapitulierte somit letztlich vor der Aufgabe.

Was man aus der Sache mitnehmen muss, ist: Es ist nicht möglich, einen Einzelnen gegen einen außer Rand und Band geratenen Online-Mob zu schützen, der sich online unter falschen Namen organisiert. Die Geschichte des „Drachenlords“ darf uns somit zur Warnung gereichen. Sie ist kein Kuriosum im Netz, keine einmalige Sache. Sie ist ein Symptom der Verrohung, die sich jederzeit wiederholen kann.

Diesen Artikel lesen Sie in der Printausgabe der FURCHE vom 14. August 2025.

Hier eine Kurz-Dokumentation von „Der Fall“ über Rainer Winkler:

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