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Immanuel Kani und die Denk wende der Neuzeit

Am Morgen des 12. Februar 1804 ist Kant gestorben. Der größte deutsche Denker, einer der größten Geister der Welt und Geschichte, war dahingegangen — vor 150 Jahren.

Kant hat sich in sein Königsberg wie in eine Zelle eingeschlossen. Es ist bekannt, daß er seine Heimatstadt nie verlassen hat. Mit dieser äußeren Eingeschlossenheit verband sich eine innere Aufgeschlossenheit für das wesentliche Geschehen seiner Zeit. Man kann ruhig sagen, daß er die geistige Bilanz seiner Zeit gezogen hat. Und dies schöpferisch — das heißt, er hat nicht nur den Stand formuliert, sondern die neue Richtung der Zukunft gewiesen. Das wesentliche Geschehen seiner Zeit war der endgültige Durchbruch der neuzeitlichen Denkwende. Diese „Revolution der Denkungsart“ (Kant) betrifft sowohl das theoretische Gebiet der menschlichen Erkenntnis wie das praktische persönlicher und öffentlich-politischer Lebensgestaltung. Auf dem theoretischen Gebiet war der Sieg der neuen mathematischen Naturwissenschaft besiegelt. Die klassische Physik gestaltet das neue mechanistische Weltbild, das zunehmend auf dem Wege der Technik herrschend wird. Auf dem praktisch-politischen Gebiet bricht in der Französischen Revolution das neue Freiheitsideal absoluter Selbstbestimmung des Individuums, insbesondere als Folge der gesellschaftskritischen Werke und Ideen Rousseaus, durch. Es gestaltet sich das neue individualistische Menschenbild. Es war Kant, der die innere Einheit der beiden Ereignisse erfaßte und erkannte, daß die neue mechanistische Physik und die Französische Revolution in ihren Ideengehalten aus dem Holz des gleichen Geistes geschnitzt sind. Er hat erkannt, daß Newton und Rousseau aus der gleichen Wurzel stammen, aus demselben Erdreich erwuchsen. Diese gemeinsame Wurzel der „neuen Denkungsart“ hat Kant bloßgelegt, er, der Verehrer Newtons, der das Wesen der neuen Naturwissenschaft ebenso zu deuten vermochte wie sich Rousseau, dessen Bildnis den Ehrenplatz über seinem Schreibtisch zierte, dem neuen Bilde des Menschen zuwandte.

Was verbindet Newton und Rousseau? Was vereint die mechanistische Notwendigkeit der „Natur“ und die selbstbestimmende Freiheit des Einzelmenschen? Dieses Band ist die Vernunft. Aus ihr geht objektiv die Natur hervor mit ihrem Gesetz der -Notwendigkeit, des streng determinierten Ablaufs der Erscheinungen. Nur so kann man sich vernünftigerweise Natur denken. Aus derselben Vernunft aber geht subjektiv der Mensch hervor mit seinem Gesetz der Freiheit. Nur so kann der Mensch vernünftigerweise als Mensch bestehen. Die Vernunft verlangt, daß die Natur der Notwendigkeit unterliegt, der Mensch aber der Freiheit teilhaft wird. Dasselbe Gesetz der Vernunft erteilt der Natur die ausnahmslose Geltung ihrer Gesetze wie dem Menschen Autonomie im Bereiche des sittlichen Handelns. So spaltet sich die Vernunft in einen theoretisęhen und praktischen, in einen objektiven und subjektiven Bezug. Der objektive Bezug stellt die Natur als Objekt der naturwissenschaftlichen Erkenntnis in Gestalt der mechanistischen Physik her. Der subjektive Bezug hebt den Menschen als Subjekt sittlicher Handlungen aus demselben Mechanismus der Natur heraus. Rousseaus freie Entfaltung und Verwirklichung des Menschen wird im Bereiche der Sittlichkeit möglich. Hier verwirklicht sich der Mensch in seiner Humanitas, in seinem allgemeinen Menschentum aus freier Erfüllung des sittlichen Gebotes, des kategorischen Imperativs, eines unbedingten Sollens auch gegen Naturtrieb und Umwelt.

Dieser Gegensatz zwischen wissenschaftlicher Teorie und ethischer Praxis gründet im Verhältnis von Subjekt zu Objekt und versöhnt sich wieder in der umgreifenden Einheit der Vernunft. Denn worin besteht denn die „Revolution der Denkungsart“ in der neuen Naturwissenschaft? Kant sagt dazu: „ … so ging allen Naturforschern ein Licht auf, sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwürfe hervorbringt, und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müssen.“ Mit anderen Worten: von Beobachtungen bestimmter Erscheinungen angeregt, konstruiert die Vernunft von sich aus (a priori) den naturgesetzlichen Zusammenhang der empirischen Erscheinungen, der von diesen aus (a posteriori) „nur zufällig und ohne Plan“ wäre. Aus diesem im Denken vorentworfenen Naturzusammenhang werden durch entsprechende Versuchsanordnung Fragen an die Natur gestellt, die sie mit den entsprechenden Erscheinungen beantwortet und damit den Denkentwurf in eine gültige Theorie verwandelt. „Und so hat sogar Physik die so vorteilhafte Revolution der Denkart lediglich dem Einfall zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft in die Natur hineinlegt, gemäß dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß.“ Dieses methodische Herausholen der zuerst in die Natur hineingelegten Vernunft im Verfahren wissenschaftlicher Naturerkenntnis bedeutet die Kopernikanische Wendung in der menschlichen Erkenntnis. „Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten. Man versuche es einmal, ob wir nicht besser damit fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten.“ So wie Kopernikus, „nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbcwegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe.“ Die neue erfolgreiche naturwissenschaftliche Erkenntnisweise setzt voraus, daß wir die Welt nicht erkennen, wie sie an sich ist, sondern wie wir sie auf Grund der Gesetze unseres Denkens, also der Vernunft gemäß, objektiv denken müssen. So wird die Natur als Objekt der Erkenntnis der Vernunft unterworfen. „Die Vernunft schreibt der Natur die Gesetze vor.“ Die Vernunft wird zum eigentlichen Subjekt im aktivsten Sinne. Sie unterwirft sich der Natur, um ihr in der Wissenschaft die Erkenntnis und in der Technik die Naturkräfte abzufordern, um die Schätze des Bodens und die Energien des Alls zu „fördern“. Die Natur wird, wie Heidegger sagt, „in Bestellung genommen“. Dieser im Verhältnis von (Vernunft-) Subjekt und (Welt-) Objekt geübte rationalistische Imperialismus des Geistes kündigte sich schon bei Francis Bacon bestimmt in der Voraussage der „Nova Atlantis“ an: „Ihr werdet die Natur erkennen, um sie zu beherrschen“, und von Nietzsche enthüllt im „Zarathustra“: „Ihr Wissenschaftler wollt die Welt denkbar machen, ihr wollt, daß sie sich eurem Denken füge.“ So wird die von Kant aufgeschlossene kopernikanische Wendung von Nietzsche als „Wille zur Macht“ interpretiert, und zweifellos liegt dieser alles sich unterwerfenden Vernunft, die „der Natur die Gesetze vorschreibt“, ein herrschaftlicher Wille des Menschen zugrunde. In dieser wissenschaftlich und technisch errungenen Herrschaft über die Natur gründet ohne Zweifel das neue Bewußtsein der Freiheit als der Weltsouveränität des Herrn der Erde, die Nietzsche im Uebermenschen idealtypisch gestaltet hat. Man muß hervorheben, daß Kant wußte, diese äußere Herrschaft über die Natur könne die Freiheit des Menschen keineswegs gewähren und gewährleisten. Nicht der Wille nach außen, sondern der Wille nach innen sei dafür maßgebend, d. h. der sittliche, auf das eigene Selbst gerichtete Wille, der „allein gut genannt zu werden verdient“. Kant wußte, daß Freiheit im moralischen Gesetz in mir gründet, in der sittlichen Verwirklichung einer allgemein verpflichtenden Humanität in jedem einzelnen Menschen. Darin wurzelt die Person, in der sich das Allgemeine mit dem Individuellen verbindet, deren Würde darin besteht, daß der Mensch nicht als Mittel zum Zweck betrachtet werden darf. „Wenn es irgendeine Wissenschaft gibt, deren der Mensch bedarf, so ist es die, so ihn lehret, die Stelle geziemend zu erfüllen, welche ihm in der Schöpfung angewiesen ist und aus der er lernen kann, was man sein muß, um ein Mensch zu sein.“

Um ein Mensch zu sein, genügt die Wissenschaft nic'ht. Die von Kant geübte Kritik der Vernunft macht ihre Grenzen sichtbar. „Ich mußte also das Wissen aufheben, tum Glauben Platz zu machen.“ Diese Begrenzung der Vernunft durch das innere Reich des Glaubens hat ihre Auswirkung in der Romantik gefunden, in die kantisches Denken schon zukunftsträchtig ausschwingt. Wir wissen heute, daß die romantische Innerlichkeit dem gewaltigen Druck der von Naturwissenschaft und Technik hervorgerufenen Daseinsgestaltung nicht gewachsen ist, der den Menschen in kollektive Funktionen auflöst. Die humanistische Sittlichkeit birgt in ihrer abstrakten Allgemeingültigkeit nicht die schöpferische Kraft, das Leben in allen Dimensionen, auch den äußeren, und bis zum äußersten zu durchdringen und zu formen, weil die Situation des Menschen, seine Bedrohung und Gefährdung schon bis zum äußersten gestiegen ist. Die Welt ist in allen Bereichen aus den Fugen. Auch in den Grundbereichen, die von Wissenschaft und Technik beherrscht werden. Auch dort muß sie mit einer neuen Kraft und Gestalt des

Menschen erfüllt werden. Gerade in diesen Bereichen aber hatte Kant die Lebensform einer hybriden Vernunft enthüllt, die ihre Entwürfe wie Netze über die Natur wirft, um deren Schätze und Kräfte als Beute heimzubringen. Es ist eine geistige Sammler- und Jägerstufe, der wir darin gewahr werden, ein bindungsloses geistiges Nomadentum, das sich in diesen Subjektivismus und Individualismus der Neuzeit sogar bis tief in den Charakter seiner geistigsten Schöpfungen hinein — das hat uns Kant gelehrt — enthüllt. Daß dieses schweifende Nomadentum des Geistes, die kollektivistische Zwangsbildung unter dem geistigen „Dschingiskhanismus“ (Nietzsche) der totalitären Systeme auf den Plan rief, ist die historisch notwendige Dialektik dieser Primitivstufe der ersten wissenschaftlich- technischen Phase der Neuzeit, die wir zu überwinden im Begriffe sind. Wir werden sie überwinden durch die neue heraufkommende Idee des Menschen, die Werte und Würde der Person einfaltet in die gemeinschaftverbundene schöpferische Leistung, die der Welt die neue Einheit in der Weltordnung des Geistes verleiht aus der Einstellung des Daseins auf die über die Welt hinausgespannte Zielsetzung und Sinnerfüllung des menschlichen Lebens. Ohne diese Beziehung zur Transzendenz gibt es auf die Dauer kein geistiges Schöpfertum und vor allem keine Möglichkeit, die Totalitarismen künftig zu verhindern. Diese Beziehung zu den Urgründen des menschlichen Daseins schwingt als Gefühl des Erhabenen in den letzten Bezügen kantischen Denkens, die sich in dem bekannten Schlußsatz seiner Kritik der praktischen Vernunft aussprechen: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der besternte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

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