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Von alten Frauen und toxischen Männern

1945 1960 1980 2000 2020

Theodora Bauer über die Beziehung ihrer Figuren zu jenen von Marie von Ebner- Eschenbach, deren Erzählung "Das tägliche Leben" sie für den Thalhof bearbeitet hat.

1945 1960 1980 2000 2020

Theodora Bauer über die Beziehung ihrer Figuren zu jenen von Marie von Ebner- Eschenbach, deren Erzählung "Das tägliche Leben" sie für den Thalhof bearbeitet hat.

Theodora Bauer hat auf der Basis von Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung "Das tägliche Leben" ein Theaterstück verfasst, das am 9. August am Thalhof in Reichenau an der Rax uraufgeführt wird. Die FURCHE sprach mit der 28-jährigen Autorin über das Stück "Am Vorabend" sowie über ihren Roman "Chikago" (Picus 2018), in dem die vielseitige Schriftstellerin über die burgenländische Auswanderungswelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts schreibt.

DIE FURCHE: Ihr Stück bezieht sich auf Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung "Das tägliche Leben". Wie kamen Sie dazu?

Theodora Bauer: Ich lernte Anna Maria Krassnigg bei dem Festival "Neues Wiener Volkstheater" kennen, wo 2017 mein Stück "papier. waren.pospischil" aufgeführt wurde. Krassnigg, Leiterin der "Thalhof wortwiege", verfolgt seit längerer Zeit das Konzept, am Thalhof Altes mit Neuem zu verbinden. Sie erzählte mir im letzten Herbst von zwei Texten von Marie von Ebner-Eschenbach. Ihre Begeisterung dafür steckte mich an und ich las "Das tägliche Leben". Die Erzählung hat mich sehr angesprochen, da liegt richtig viel in der Luft! Bei Ebner-Eschenbach versucht eine dritte Person, eine Freundin der Protagonistin, die Geschichte zu rekonstruieren. Der Blick auf das Geschehen ist hier liebevoll-neutral, aber von außen. In meiner Dramatisierung findet eine direkte Konfrontation der Figuren statt.

DIE FURCHE: Warum lautet der Titel des Stückes "Am Vorabend"?

Bauer: Ich habe den ersten Satz von Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung aufgegriffen: "Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares ". Ich finde, dass diese Worte die Geschichte richtiggehend aufmachen.

DIE FURCHE: In der Erzählung geht es um den Selbstmord der Frau, in Ihrem Stück um Mord. Wie kam es zu dieser Wendung?

Bauer: Mich interessiert die Frage, wie eine Frau von heute mit einer solchen Situation umgehen würde. In meinem Stück bringt sich die Hauptfigur nicht selbst um, sondern denjenigen, der ihr die Misere eingebrockt hat, nämlich ihren Mann. Interessant finde ich auch die Darstellung älterer Frauen in der Literatur, ein spannendes und viel zu selten behandeltes Thema. Wenn Frauen im Zentrum stehen, dann geht es häufig um ihre Sexualisierung. Bei mir ist es so, dass die Frauen, sowohl die Gräfin als auch das junge Mädchen, ihr Dasein und Selbstbestimmung klar einfordern. Die junge Frau, Katharina, sehe ich als die moderne Version der Protagonistin, sie repräsentiert die nächste Generation. Zugleich geht es mir um die Konfrontation verschiedener Klassen. Sowohl bei Marie von Ebner-Eschenbach als auch bei mir finden utopische Begegnungen statt, über Klassengrenzen hinweg.

DIE FURCHE: Warum stellt sich die Gräfin der Polizei? Es gäbe doch keine Notwendigkeit dafür!

Bauer: Die Gräfin ist durch und durch eine Ebner-Eschenbach-Figur. Ihr werden genügend Möglichkeiten gegeben, die Selbstanzeige zurückzuziehen. Sie aber möchte für ihre Tat ernst genommen und zur Verantwortung gezogen werden. Wäre es eine von mir geschaffene Figur, dann hätte sie sich vermutlich herausgewunden. Denn die wenigsten Menschen sind Helden. Richtige Helden haben meist etwas Tragisches.

DIE FURCHE: Die Gräfin erinnert an ihre Protagonistin Ana im Roman "Chikago". Auch sie ist eine Frau, die sich nicht fremdbestimmen lassen möchte.

Bauer: Stimmt, auch wenn es sich um eine andere Generation und um eine andere Form der Artikuliertheit handelt. Ana ist eine Frau, die viel stemmen muss und für ein besseres Leben arbeitet, sie möchte die Familie zusammenhalten und wünscht sich, dass die Menschen einander mit Wertschätzung begegnen. Das Tragische an ihrer Situation ist, dass sich das leider nicht ausgeht. Die beiden Männer in "Chikago" sind verlorene Gestalten. Sowohl die Gräfin aus meinem Stück als auch Ana aus dem Roman wissen, was sie wollen, scheitern aber an den Umständen. Die Männer wissen nicht, was sie wollen, ihr Scheitern ist daher vorprogrammiert. Für das Gelingen des eigenen Lebens wäre wichtig zu wissen, was man möchte und wie man es erreichen kann. Das trifft aber leider nicht auf sehr viele Menschen zu.

DIE FURCHE: In Ihren Texten hat man das Gefühl, dass eher die Frauen wissen, was sie wollen, und die Männer orientierungslos sind. Bauer: Mich interessiert die Frage nach dem Verständnis von Männlichkeit. In "Chikago" agieren die beiden Männer destruktiv, weil sie total verloren sind. Die Männer in "Am Vorabend" sind sehr unterschiedliche Figuren. Den Ehemann der Gräfin schildere ich beispielsweise als versteckten Homosexuellen, was das Leben der beiden nicht gerade einfacher gemacht hat. DIE FURCHE: Die Figuren tragen sprechende Namen. Bauer: Ja, das habe ich bewusst gewählt! Der Inspektor heißt Brigl, weil ich ihn als grobschlächtigen Mann zeichnen wollte. Der junge Polizist heißt Felix Kainmann, weil er bei sich ist und damit ein glücklicher Mensch. Er verströmt keine toxische Männlichkeit, sondern verfügt über ein positives Selbstverständnis. Der Name der Gräfin, Carné-Teguski, hat einerseits mit Fleisch bzw. Fleischeslust zu tun und zugleich erinnert mich "Teguski" an das englische Wort "disgusting". Immerhin hat die Gräfin einen Mord begangen. Zugleich soll ihr Name auch adelig klingen, daher ist er zweiteilig. Und Katharina trägt einen alltäglichen Namen.

DIE FURCHE: Was interessiert Sie an toxischen Männlichkeiten?

Bauer: Das ist ein Begriff aus der Männlichkeitsforschung, mit dem ich mich auch im Publizistik-und Philosophiestudium beschäftigt habe. Toxische Männlichkeit meint Männer, die einen destruktiven Einfluss ausüben.

DIE FURCHE: Und wie sieht es mit toxischer Weiblichkeit aus?

Bauer: Frauen vergiften wohl eher sich selbst. Das Toxische bezieht sich auf die Vergiftung der Umgebung, das hängt häufig damit zusammen, dass Menschen aus Unsicherheit heraus Stärke zeigen wollen. Man kennt das auch aus Männerbünden, wo Männer an seltsamen Aufnahmeritualen teilnehmen und Körper und Psyche strapaziert werden. Meine Figur Feri in "Chikago" ist ein Mann, der an solchen Männlichkeitskonzepten scheitert. Er wird plötzlich mit Erwartungshaltungen -etwa des starken Ernährers -konfrontiert und resigniert. Feri ist mit seiner Rolle überfordert und weiß nicht, was er mit sich anfangen soll.

DIE FURCHE: Ihr Roman handelt von nach Amerika ausgewanderten Burgenländern.

Bauer: Ich habe viel recherchiert, was gar nicht einfach war, da die einzelnen Hinweise über ganz unterschiedliche Orte und Quellen versteckt lagen. Bislang gibt es -meines Wissens -keine literarischen Werke, die sich tiefergehend mit der Geschichte der Auswanderer beschäftigen. Das hängt möglicherweise auch mit der aufwändigen Recherche zusammen. Ich selbst bin auch erst wieder über meine künstlerische Arbeit zum Burgenland gekommen. Dort gibt es viele Einzelkämpfer im Bereich der Kunst und Kultur, die jedoch vor großen Herausforderungen stehen, der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel wäre etwa wichtig, um die vielen spannende Orte, an denen jetzt schon tolle Dinge passieren, auch mit Publikum zu füllen.

Das tägliche Leben +Am Vorabend Marie von Ebner-Eschenbach + Theodora Bauer Thalhof, Reichenau an der Rax 9., 10., 11., 17., 18., 19., 24., 25., 29., 30. August, jeweils 19 Uhr

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