Schmerzgekrönt

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Ines Charlotte Knoll über den Abschied von einem nahen Menschen inmitten der Corona-Krise.

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Ines Charlotte Knoll über den Abschied von einem nahen Menschen inmitten der Corona-Krise.

„Grüß Gott, das ist mein Corona-Anruf!“: So melde ich mich am Smartphone in diesen Wochen gerne bei meiner Familie, Freundinnen und Freunden. Das Gespräch beginnt mit einem Lachen, das Züge von Galgenhumor in sich trägt.

Ein Anruf indes darf so nicht beginnen, er gilt der todkranken geschätzten, wunderbaren Freundin, die nicht mehr antworten kann. Die Kinder sind bei ihr und sie sprechen mit mir, ich fahre fraglos zum Sterbe- und Segensgebet zu ihr. Die Kinder, die ihrer Mutter das Totenlager bereiten, haben für uns alle Masken. In der Tiefe wusste ich, sie hat sich bei Ausbruch der Corona-Krise gefragt: Wie soll ich das schaffen? Die Antwort war schmerzklar: Ich kann nicht mehr. Die Hingabe ihrer selbst hatte sie die lange Zeit ihres Krankseins in Jesu Hände gelegt, der alle Fragen zugelassen hat. Bis zuletzt: In Gethsemane die Frage an die Jünger: „Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“ An den, der ihn verriet: „Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?“ Und auch die letzte ­Frage: „Mein Gott, mein Gott. Warum hast du mich verlassen?“

Manfred Josuttis hat den Mut zur Frage unterstützt, für ihn kann die Freiheit des Glaubens zur Realität gerade darin bestehen, dass er auf „die Verklärung des Sinnlosen“ verzichtet – und die Kraft des Glaubens darin, das Sinnlose auszuhalten, „ohne es in Sinn umlügen zu müssen“. Es gehöre zur „Tiefe des religiösen Geistes, sich verlassen gefühlt zu haben, selbst von Gott“, lese ich mit Schmerzglück den unterstützenden Gedanken des Philosophen Alfred North Whitehead.

Die Passion des Jesus ist auch ein Fragentrost für jedwedes Warum und Wozu. Das Kreuz als das schmerzgekrönte Fragezeichen der Welt ist die Antwort in dem Pulsschlag seiner ewiggültigen, am Ende alles verwandelnden Liebe.

Die Autorin ist evangelische Pfarrerin, freischaffend.

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