Der Nationalratspräsident als Wächter der demokratischen Republik - In Zeiten, wo in Europa und der Welt Systemdebatten über die Ausrichtung der Demokratie vom Zaun gebrochen werden, kommt auch dem Amt des Nationalratspräsidenten mehr und mehr Bedeutung zu. - © Parlamentsdirektion / Michael Buchner

Erster FPÖ-Nationalratspräsident: Wundern, was alles möglich ist…

Laut Wahlergebnis und den bisherigen Usancen steht das Amt des Ersten Nationalratspräsidenten der FPÖ zu. Sind die dagegen vorgebrachten Bedenken berechtigt? Ein Rundruf.

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Alle Vorbehalte gegen einen FPÖ-Abgeordneten als Ersten Nationalratspräsidenten gründen in diesem Satz: „Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist.“ Ironie der Parteigeschichte, dass derjenige, der diese Ankündigung im Bundespräsidentenwahlkampf 2016 machte, heute von einer Mehrheit der Abgeordneten als Herr im Hohen Haus wohlgelitten wäre. Erstens weil Norbert Hofer als Dritter Nationalratspräsident seit 2019 keinen Anlass zum Wundern gab. Zweitens scheint seine Achse zu FPÖ-Parteichef Herbert Kickl wenn nicht gebrochen, so zumindest verbogen zu sein. Und je gespannter sein Verhältnis zu Kickl, desto entspannter die Sicht der Anti-Kickls auf Hofer. Denn das wichtigste Kriterium für das Amt des Nationalratspräsidenten ist Vertrauen. „Onkel Salomon“, der Spitzname für Nationalratspräsident Heinz Fischer, ist das größte Kompliment, das man der Frau, dem Mann in dieser Funktion machen kann.

Kein Salzstreuer

ÖVP-Nationalratspräsident Andreas Khol würdigte Fischer in der FURCHE, dieser sei „berühmt geworden für seine vorsichtigen Stellungnahmen, die oft erst nach sorgfältigster Untersuchung eine Spur Salz erkennen ließen“. Genau darum geht es. Der Nationalratspräsident ist kein Salzstreuer, soll keine demokratische Debatten würzen, sondern darauf achten, dass diese köcheln, aber nie überkochen. Oder, wie es Fischer im FURCHE-Interview beschrieben hat, dass in „Situationen der Emotionalität mit Augenmaß und Objektivität Vorsitz geführt wird, damit die Dinge nicht eskalieren“.

Dabei hatte Fischer „die sehr sensiblen politischen Phasen“ der schwarz-blauen Koalition zwischen 2000 und 2002 vor Augen. Dritter Nationalratspräsident war damals der frühere ÖVP-Verteidigungsminister Werner Fasslabend. Gefragt, ob er jetzt die Bedenken gegen einen FPÖ-Nationalratspräsidenten teile, antwortet er mit „Nein“. Der Präsident sei „der Herr des Hauses und besitzt als solcher weitgehende Befugnisse“, sagt Fasslabend. Gleichzeitig habe sich aber der Konsens in der Präsidiale als zentrales Element parlamentarischer Führung eingebürgert, „über den sich kein Präsident dauerhaft hinwegsetzen kann“. Für eine Frontstellung gegenüber den anderen Präsidenten und Klubobleuten „bräuchte er eine Absolute“, ist Fasslabend überzeugt. „Ansonsten bekommt er einen Aufstand im Haus, und der nützt weder ihm noch seiner Partei.“

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