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Existentialismus — eine Modephilosophie

Wer Philosophie ernst nimmt, dem ist sie die Grundlage alles Denkens und Erkennens. Sie gilt nicht nur als Denkform des Menschen ki ihrem Ewigkeitswert, sondern sie ist auch das Ergebnis des augenblicklichen menschlichen Denkens, abgesehen von dem Urteil, ob richtig oder unrichtig. In diesem Sinne spricht jedwede Art des Philosophierens durch Themen- und Fragestellung zeitlich anders zu den Menschen und unigekehrt verlangt dieser nach zeitgemäßen Lösungen und Antworten.

Heute heißt das große Wort, das allenthalben ausgesprochen wird, Existenzphilosophie. So viel davon geredet, geschrieben und von ihren Begriffen auch angewendet wird, sind im wesentlichen ihre Vertreter: Karl Jaspers (geboren 1883) mit seinen Hauptwerken „Psychologie der Weltanschauungen“, erschienen 1919, und „Philosophie“,' 1927; Gabriel Marcel (geboren 1887), „Metaphysisches Tagebuch“, 1927, „Positions et approches“, 1933; Martin Heidegger (geboren 1889), „Sein und Zeit“, 1927, und Jean Paul Sartre (geboren 1907) mit seinem grundlegenden Werk „Stein und Nichts“, 1943. Wenn man auch keinen davon als den eigentlichen Begründer dieser Richtung betrachten kann, so war es doch K. Jaspers, der die Probleme in der heute am geläufigsten Form zum Ausdruck brachte. Die Quellen liegen offen zutage, da alle Existen flausten atif einen Philosophen irgendwie zurückgreifen und ständig seine Beispiele, seine Problematik und Dialektik behandeln, nämlich auf Sören Kierkegaard (1813 bis 1855). Diesen Denker kann man aber trotzdem nicht als den Ahnherrn bezeichnen und es wäre verfehlt, in ihm den Ursprung zu bezeichnen, weil manche Existcntialisten, wie Gabriel Marcel, unabhängig von diesem die gleichen Gedanken aussprachen.

Der Existentialismus, aufgebaut auf ihm eigentümlichen Formulierungen und ungewöhnlichen Wortprägungen, che selbst die einzelnen Vertreter untereinander verschieden gebrauchen, von besonderem Sinn und Bedeutung, ist ein Versuch, mit den materialistischen Gedankengängen des 19. Jahrhunderts zu brechen. Was vor ihm zwei Richtungen schon begonnen haben, die Le-benspbilosophie eines Nietzsche, Bergson, Dilthey und die Phänomenologie Husserls und Schelers, mk dem Bestreben, dem Mechanismus der materialistischen Philosophie zu entrinnen, das führte zur Neuentdeckung des Begriffes vom Sein, das im 19. Jahrhundert ein vollkommen vergessener Begriff war. Daß diese Auffassung zur Wirkung gelangte, hat eine zutiefst menschliche Ursache in der tragischen Stimmung der Zeit und in der Bereitschaft des Menschen, aus der Sinnlosigkeit des, Daseins sich herausführen zu lassen. Während der Materialismus dem Glauben an einen ungeahnten und grenzenlosen Fortschritt huldigte, der in der Zukunft nur höher führen könnte, so war es nach den Erschütterungen des Geistes und des Herzens allenthalben klar geworden, daß die Lebens- und Zeitkurve ganz anders verläuft.

Darum steht der Mensch im Mittelpunkt des Denkens beim Existentialismus, und zwar unter Ablehnung eines jeglichen Rationalismus, so daß auch jeder vernunftmäßigen Vorsehung widersprochen wird. Dam wird jede rationale Methode, etwa

im Sinne der Naturwissenschaften oder der Seinslehre, der Ontologie, verworfen, da wir rational nur Gegenstände fassen können, während die Existenz ungegenständlich ist. Sie wird demnach nicht erkannt, sondern erlebt („erhellt“ nach Jaspers) in ihrem Ganzen, und zwar vorzüglich in der Todesangst oder in ähnlichen „Grenzsituationen“. Um existentiell vorgehen zu wollen, muß man zuerst die Angst erleben und dann die phänomenologische Methode, die exakte Analyse auf das Phänomen, anwenden. Hier verstehen es die Existentiali-ten vorzüglich, seelische und geistige Situationen darzustellen und mit Genauigkeit vollzogene Analysen der Angst, des Todes, menschlicher Beziehungen und der Hoffnung zu bieten.

Zwei charakteristische Merkmale treten indessen hervor: diese „Existenz“ ist nie fertig sondern reine Möglichkeit; sie ist ein Werden, ein „Entwurf“ (Heidegger), indem ihr Wesen em stetes Sich vorwärtswerfen ist. Sie ist gar nicht, sondern sie wird nur immer. Sie ist eine aus dem Innern herrührende Bewegung, ein beständiges Über-sichhinausgehen, ein immer erneuertes über sich selbst Hinausgerissensein, das die Schöpfung der Zeit im Gefolge hat. Mit anderen Worten, unsere Existenz ist nicht nur ein „Da-Sein“, sondern eine „Transzendenz“ im Heideggerischen Sinn dieses Ausdrucks, der ein Hinausgehenüber bezeichnet. K. Jaspers drückt sich so aus: Wir sind nicht nur „Da-Sein“, sondern „Ex-sistenz“ im stärksten und transitiven Sinne dieses Wortes. Wir stellen uns unaufhörlich außerhalb unser, indem wir über uns hinausgehen und uns verzeitlichen. Das charakteristische Moment ist die „Ge-worfenheit“, die beständige Befreiung von der schon vollzogenen Vergangenheit, die bei uns nicht die Zukunft nach sich zieht, sondern es ist die von uns unaufhörlich wiederbegonnene Schöpfung unseres Selbst. Die Bande sind in jedem Augenblick zerbrochen. Die Ex-sistenz des Menschen ist nicht die Natur, sondern die Freiheit. Eternit tritt als drittes Merkmal die radikale Subjektivität hinzu.

Nach diesen* Grundzügen unterscheidet der französische Philosoph Le Blond (vgl. Stüdes, März 1946) zwei verschiedene Richtungen: die „existentielle“ Philosophie eines K. Jaspers erkennt wie der ganze Existentialismus die Sinnlosigkeit der Welt, aber sie wird dadurch gekennzeichnet, daß sie auf der menschlichen Existenz besteht. Sie betont, daß diese, die zuweilen einer persönlichen Erfahrung, einem Akt tiefer Sympathie mit sich oder einem anderen zugänglich ist, jeder allgemeinen Formulierung widersteht. Jaspers zieht daraus die äußerste Konsequenz, daß es keine „Lehre“ von der Existenz geben kann. Nur infolge einer Selbsttäuschung, der fundamentalen Selbsttäuschung der Philosophie, sucht man zu wissen, was nicht Gegenstand des Wissens ist. Jede Existenzphilosophie, die völlig klar sein will, wird sich also mit dieser Unmöglichkeit bescheiden und sich, bewußt der Lage, die es gebietet, nur als persönliches Zeugnis darbieten. Sie ist im Zeichen, drts fähig ist, anzudeuten, aber niemals auszudrücken, was

* S. Cai II 5 (M 250—251) nach Urs von Balthasar, Augustinus, Das Antlitz der Kirche (Benzinger, 1942), Seite 326.

So kommt oft das Recht gezogen auf den Straßen des Unrechts, und während die Ordnung der Welt zu zerbrechen droht, stellt sich unter neuer Verschuldung der Menschen das Recht wieder her, ohne daß die geblendeten Kämpferpaare dessen gewahr werden. Denn wie die Erde von Schwung und Gewicht nach dem Willen Gottes in Ihrer Bahn gehalten wird, so die Geschichte der Menschen; es ruht eine Kraft in ihr, die unabänderlich-nach oben weist

Reinhold Schneider, „Stimme des Abendlandes“

es Bedeutet. Andererseits, um! das Ist zweifellos der charakteristische Punkt, stößt der Geist jenseits aller Erkenntnis auf ein Geheimnis, nicht auf ein Problem, das man lösen zu können hofft, sondern auf ein unauflösliches Geheimnis Jede menschliche Erkenntnis, selbst die tiefste und ausgedehnteste, entdeckt nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, der Zeit, des Lebens und ist folglich selbst unsicher. Jaspers erkennt daraus nicht nur unsere Transzendenz, sondern auch ein „Transzenden-dierendes“, das sidi insbesondere in dem aufdrängt, s*as er „Grenzsituationen“ nennt, wie die Angst oder die Erwartung des Todes. Diese existentielle Philosophie stellt sich wesentlich unvollendet und somit offen dar. Sie läßt damit für etwa* Platz, was man als eine Art Glauben bezeichnen kann und geht über das Sinnenhafte hinaus.

Hier liegt auch der positive Gedanke, daß das Wesen der menschlichen Persönlichkeit sich klar von dem übrigen Begriff der Natur abbebt und über diesen sich hinansstelk. Zugleich wird den vom Materialismus verschütteten Quellen des Denken nachgespürt und die Eigenart des Menschen klargelegt. Dieser wird wieder als Person gesehen und die ihm eigenartige Problematik gewürdigt. In diesem Sinne bedeutet der Existentialismus Aufbruch, Erkenntnis, aber noch ohne absolutes ZieL

Die Sprache und Begriffsanwendung Jaspers und Heideggers ist. weit über die ursprünglich philosophisdi interessierten Kreise hinausgedrungen. Sie wird von manchen in maniehafter Art und Weise bis zum Überdruß gebraucht und ist so vielfach der Mißdeutung unterworfen. Diesen Eindruck hat man noch mehr in der zweiten Richtung bei der „existentialen“ Philosophie Heideggers, die durch den französisdien Philosophen Jean Paul Sartre derzeit in Frankreich im Mittelpunkt der Diskussion steht. Mit seinem Hauptwerk „Sein und Nichts“ (1943) gilt er heute weithin als der Modephilosoph. Sartre, vor dem zweiten Weltkrieg unbekannter Professor in Paris, verbrachte nach 1940 einige Jahre in deutschen Gefangenenlagern, wo er nicht nur die Kälte und Hoffnungslosigkeit der Gefangenschaft erlebte, sondern auch die deutsche Philosophie kennenlernte. Für ihn gibt es kein Geheimnis im Sinne Jaspers und kein Transzendentes mehr, denn das Transzendente, nämlich Gott — sagt er —, ist unmöglich. Es wäre die kontradiktorische Vereinigung der beweglichen Freiheit und des festen Insichseins. Der Mensch selbst ist die reine Transzendenz, ein unbegrenztes Fortschreiten ohne andere Zukunft als den Tod oder die verlängerte Existenz im Bewußtsein eines anderen. Die Welt in ihrer Gesamtheit ist eine unvollendete und unvollendbare Ganzheit

und das ausgetriebene Geheimnis macht dem endgültigen Absurdum Platz. Der Mensch, der so auf keinen Gott sich verlassen kann und von keinem Gott weiß, ist nur sich selbst und seinem Mitmenschen gegenüber verantwortlich.

9o ist Sartres Existentialismus ein atheistischer Humanismus. Er versucht, seine Gedanken zu veransdiaulichen und diesen Menschen in seinem Sein, und So-Sein durch Schauspiel und Dichtung darzustellen. Ein Stück wurde sogar wegen der Art der Darstellung, das man als schmutzigen Realismus ansah, in England verboten. Die darin handelnden Personen sind alle moralisch defekt und sexuell abnormal, während zum Schauplatz die Hölle selbst gewählt wurde. In Kopenhagen wurden bei einem seiner Dramen die Methoden der Gestapo durch Originalinstrumente veransdiaulicht. Sartre vermag die Unruhe und die Zügellosigkeit des Menschen zu zeichnen, aber nicht seine Heilung. Seine Lehre ist ein „stolzer Humanismus, der die Unvollendbarkeit und das Leiden hinnimmt nicht als Anruf, sondern wie ein Vorrecht; als geschlossene Haltung, die, man muß es sagen, den Charakter gerade der Hauptsünde trägt, ,der Liebe zum Menschen bis zur Verachtung Gottes'. Sie ist eine Zurückweisung aller Gnade und eines jeden Glückes, das man sich nicht selbst gibt“ (J. M. Le Blond).

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