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Schwarze Pioniere

Eine neue über Debatte Kirche und Politik ist fällig

Zweitausend Jahre Christentum und keine 200 Jahre christliche Parteien - wie das? Einfache Antwort: weil es bis ins 19. Jahrhundert überhaupt keine Parteien gab! Politik machten die Herrscher und ihre Höflinge. An der Wiege der Volksherrschaft standen Christen in Kontinentaleuropa nicht. Das besorgten Aufklärungsanhänger, Freidenker, Liberale, die durch den erbitterten Widerstand des Vatikans in ihrer krass antikirchlichen Haltung allzu lange bestärkt wurden.

Das 19. Jahrhundert war kein gutes für die katholische Kirche, als deren Verkörperung sich die Hierarchie verstand. Das protestantische Preussen rang zuerst das katholische Österreich, dann das katholische Frankreich nieder. Im Zug der politischen Einigung Italiens verlor der Papst seine letzten Ländereien und mit der zum Ausgleich proklamierten Unfehlbarkeit auch die letzten Sympathien außerhalb der eigenen Reihen. Auch konservativen Hierarchen dämmerte: Kaiser, König, Edelmann reichen nicht mehr als Bundesgenossen! Dem geistigen Massenansturm mussten Massen entgegengesetzt werden. Die Mobilisierung der Laien in der katholischen Kirche begann in der Politik.

Was daraus geworden ist, wurde auf einer Konferenz des Karl-Vogelsang-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Europäische Integration im Oktober 1998 in Wien erörtert und das Ergebnis, um Beiträge aus Ost-Mitteleuropa ergänzt, nun als Sammelband herausgebracht. 32 wissenschaftliche Autoren ziehen in deutsch-, englisch- und französischsprachigen Beiträgen eine Bilanz, die sich sehen, aber sicher nicht linear fortsetzen lassen kann.

Schon in der Gründerzeit gab es Parallelen und Unterschiede zwischen den Ländern. Gemeinsames Anliegen war überall ein Schutz der katholischen Bevölkerung gegen die antiklerikalen Zumutungen der Liberalen und später auch der Sozialdemokraten in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Zunehmend kam in der Folge ein innovatives Element in Form der katholischen Soziallehre dazu: Ihre Kapitalismuskritik und das Ja zum Koalitionsrecht förderte Vereine und Gewerkschaften, die mit denen der Linken konkurrieren konnten, während die elitär organisierten Liberalen zahlenmäßig ins Hintertreffen gerieten.

In den meisten Ländern Europas waren die neuen Parteien im wesentlichen katholisch, aber es gab auch solche mit protestantischen Anfängen (Niederlande, Skandinavien). Einige nahmen bewusst davon Abstand, das Christliche in den Parteinamen zu rücken (die Italienische Volkspartei, das Zentrum in Deutschland), was damals prophetisch im Vergleich zum Rückfall ins "hohe C" nach 1945 war. In Österreich gelang den Christlichsozialen Sympathiewerbung von Arbeitern und Kaplänen bis hinauf zu einzelnen Mitgliedern des Herrscherhauses. Der Start war imponierend.

Weniger imponierend verlief die Zwischenkriegszeit, in der die Führung praktisch aller christdemokratischen Parteien der Verführung durch autoritäre Schalmeienklänge erlag. In Italien gehörte Parteigründer Luigi Sturzo zu den demokratiebewussten Ausnahmen, in Deutschland Matthias Erzberger, in Österreich am ehesten noch der Bauernführer Josef Reither und der Arbeitervertreter Leopold Kunschak, dem man freilich im Rückblick seine Judenfeindschaft vorhalten muss. Helmut Wohnout (der übrigens wohltuend nicht vom "Aufstand der Sozialdemokraten", sondern richtig von einer "Linzer Schutzbundrevolte" schreibt), meint dazu, dass antiliberaler und antimarxistischer Antisemitismus für viele Christlichsoziale "eine persönliche Ausdrucksform der Kritik an der modernen Gesellschaft" gewesen sei, was den Jahrhunderte hindurch gepflegten Judenhass doch wohl ungebührlich verharmlost.

Nach 1945 kam die große Zeit christdemokratischer Parteien in Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich, Belgien und den Niederlanden, in der christdemokratische Regierungschefs und Minister die Weichen für eine Integration Europas stellten: Bidault, Schuman und Pflimlin, Adenauer und De Gasperi samt Nachfolgern, in Österreich (wo, wie in der Schweiz, der Neutralitätskurs zeitweise auch die Christdemokraten bremste) vor allem Hurdes, Klaus, Bock und später Mock.

Der Monsterband enthält viel Informatives auch aus anderen Ländern, leider aber keine Untersuchung, warum christdemokratische Parteien im angloamerikanischen Raum keinen Nährboden fanden. Eine noch einmal den Gesamtbogen spannende Zusammenfassung wäre gleichfalls hilfreich gewesen. Ein letzter Wunsch, den freilich weniger die beschreibenden Wissenschafter als die beschriebenen Akteure erfüllen müssten: Eine zeitgemäße Neuaufnahme des Diskurses über das Generalthema Kirche und Politik ist überfällig geworden.

CHRISTDEMOKRATIE IN EUROPA IM 20. JAHRHUNDERT. Herausgeber: Michael Gehler, Wolfram Kaiser, Helmut Wohnout. Böhlau-Verlag, Wien 2001.

791 Seiten, geb., e 101,74 /öS 1.400,-

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