
Wann wird Kunst Propaganda?
Man müsse sich „aus der Politik heraushalten“, ja „das Gegengewicht zur Politik“ sein: So antwortete Wim Wenders, Regisseur und Jurypräsident der Berlinale, vergangene Woche auf die Frage, warum sich das Filmfestival nicht zu Gaza positioniert habe. Die Aufregung war enorm. Aus Protest wurden bei der Abschiedsgala palästinensische Fahnen geschwenkt – was wieder andere empörte und am Ende zur Absetzung von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle führen könnte.
Hat also Wenders vielleicht sogar Recht? Und wenn nicht: Wie ist das Verhältnis von Kultur und Politik zu denken – vom Gazakrieg bis zum Umgang mit russischen Künstlerinnen und Künstlern, vier Jahre nach Putins Angriff auf die Ukraine? DIE FURCHE hat dazu zwei namhafte und international tätige Persönlichkeiten zum Gespräch gebeten: die Kulturmanagerin Elisabeth Schweeger und den Dirigenten und Organisten Martin Haselböck.
DIE FURCHE: Beginnen wir unser Gespräch mit Wim Wendersʼ umstrittener Aussage auf der Berlinale, dass sich Kunst und Kultur „aus der Politik heraushalten“ sollten. Wie stehen Sie dazu?
Elisabeth Schweeger: Vielleicht hat sich Wim Wenders unglücklich ausgedrückt. Denn Kunst ist natürlich immer politisch, weil sie sich aus gesellschaftlichen Prozessen heraus entwickelt und mit einem kritischen und differenzierten Blick darauf schaut. Das muss nicht zwingend mit Tagespolitik zu tun haben, aber unpolitisch ist sie nie. Insofern finde ich falsch, was Wenders gesagt hat. Aber er hat es wohl auch nicht so gemeint, weil er selbst ganz gesellschaftspolitische Filme gemacht hat.
DIE FURCHE: Wäre es aus Ihrer Sicht notwendig gewesen, dass sich ein Filmfestival zu Gaza positioniert? Nicht wenige sprechen längst von „Bekenntniszwang“...
Schweeger: Ich finde es fürchterlich, was in diesem israelisch-palästinensischen Krieg passiert – für beide Seiten. Ich muss mich aber nicht ausschließlich für Gaza positionieren, sondern ich positioniere mich gegen den Krieg, denn der schadet allen Menschen, die dort leben. Deswegen würde ich mich freuen, wenn die deutsche Künstlerschaft einmal das macht, was Kunst heute vor allem als Aufgabe hat – nämlich zu differenzieren.
Aisthesis heißt nicht umsonst „wahrnehmen“ und „erkennen“: In ästhetischen Prozessen geht es immer darum, die Perspektiven zu verändern und kritisch zu hinterfragen, während man im Alltag schnell bei der Pauschalierung ist. Genau davor sollte sich die Kunst hüten.
Martin Haselböck: Natürlich ist jeder Film und jede narrative Kunst politisch und mit einer Botschaft verknüpft. Es geht aber hier auch um die Instrumentalisierung von Kunst. Jeder Herrscher – das erleben wir gerade von Moskau bis Washington – versucht, die Kultur zu benützen und im eigenen Interesse zu verwenden.
Oft sagt man: „Wer instrumentalisiert hier wen?“, aber die Kunst ist meist der schwächere Teil, weil sie falsch gedeutet werden kann. Insofern verstehe ich das Statement von Wim Wenders auch im Sinn von: Wir dürfen uns nicht missbrauchen lassen.
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