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Feuilleton

Was Leben ist, weiß sie nicht

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Naturwissenschaft kann nur periphere Erscheinungen des Lebens erfassen.

Dass Wissenschaft und Technik die Richtung der Entwicklung bestimmen, gehört so sehr zum heutigen Selbstverständnis, dass kaum mehr darüber nachgedacht wird, welche Begrenzungen sich die Gesellschaft mit dieser Option auferlegt. Die Wissenschaft moderner Prägung ist nämlich nur eine Form, in der Menschen Erkenntnis gewinnen können. Im Gefolge von Galileo Galilei misst sie, was messbar ist, und beschränkt sich damit auf die in Zahlen fassbaren Phänomene. Wenn sie außerdem messbar zu machen versucht, was nicht messbar ist, erweitert sie zwar ihr Beobachtungsfeld, erkauft dies aber damit, dass sie komplexe Phänomene in das Korsett ihrer vereinfachenden Prämissen zwängt.

Weil die Naturwissenschaft außerdem nur solchen Beobachtungen Bedeutung beimisst, die bei einem neuerlichen Versuch wiederholt werden können, blendet sie alles aus, was einmalig in Zeit und Raum ist. Und weil ihre Modelle logisch konsistent zu sein haben, ignoriert sie alles, was sich als widersprüchlich darstellt.

Aus all diesen Gründen tut sie sich schwer, mit dem Phänomen Leben umzugehen. Zwar weiß man heute enorm viel über Mechanismen des Lebens - die Zahl dieser Erkenntnisse explodiert geradezu -, aber dieses Wissen beschränkt sich auf das Wie des Lebens. Es erfasst - und das auch nur partiell - allein die Funktionsweise des materiellen Substrats.

Was aber das Leben selbst ist, bleibt der Wissenschaft verborgen. In den Lexika wird das erkennbar, etwa in "Meyers Neues Lexikon" (1980). Da liest man unter dem Stichwort "Leben": "Stationärer Zustand eines materiellen Systems komplizierter chemischer Zusammensetzung, der aus einem Zusammenwirken aller Einzelbestandteile auf Grund physikalischer und chemischer Wechselwirkungen resultiert."

Weiß nun jemand, der das liest, was das Leben ist? Nein, denn mit der Brille der Naturwissenschaften lässt sich das Besondere des Lebendigen nicht erfassen, wie auch dem neuen Brockhaus (24-bändig, 20. Auflage) zu entnehmen ist: "Die komplizierten physiologisch-chemischen Prozesse in den Lebewesen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Naturgesetzmäßigkeiten nicht von denen in der übrigen Natur. Insofern muss den Lebewesen kein eigentümlicher ontologischer Status zugesprochen werden."

Das Lebendige versperrt sich dem naturwissenschaftlichen Zugang insofern, als es sein wesentliches Merkmal, nämlich das Leben, verliert, wenn man es in seine Teile zerlegt. Es entzieht sich einer konsequent vorangetriebenen Analyse.

Nicht analysierbar

Max Thürkauf, ehemals Professor für physikalische Chemie in Basel, kennzeichnet das Problem wie folgt: "Alle Gesetze der Chemie und Physik haben etwas gemeinsam: In ihrem Gültigkeitsbereich ist es stets möglich von einem Teil auf das Ganze zu schließen. Man nennt deshalb die in der modernen Naturwissenschaft angewendete Schlussfolgerung die Induktion, wie in der Fachsprache der Philosophen der Schluss vom Besonderen auf das Allgemeine genannt wird. Lebewesen sind induktiv nicht erfassbar ... Im Gegensatz zu physikalischen Kraftfeldern und chemischen Verbindungen können Lebewesen nicht in kleinste Teile zerlegt werden, ohne dass das Entscheidende der Lebewesen verschwindet: das Leben, weil der kleinste Teil eines Lebewesens immer seine Ganzheit ist."

Die Wissenschaft weiß nicht, was das Leben ist. Nur verliert sie die Begrenztheit ihrer Fähigkeit zur Einsicht allzu oft aus den Augen, worauf der Biochemiker Erwin Chargaff seit Jahren hinweist (siehe die untenstehenden Zitate). Dann werden ihre Erkenntnisse für das Ganze genommen. Das ergibt die immer wieder gehörten "Nichts-als"-Aussagen: Der Embryo sei nichts als ein Zellhaufen, die Weitergabe des Lebens nichts als ein Prozess der Verschmelzung zweier Zellen, die Entwicklung des Kindes nichts als ein Differenzierungsprozess von Zellen und Geweben - und der Mensch nichts als materielles Substrat: "Jetzt können wir endlich den Menschen definieren. Genotypisch zumindest ist er sechs Fuß einer besonderen molekularen Anordnung von Kohlen-, Wasser-, Sauer- und Stickstoff- sowie von Phosphoratomen" (Joshua Lederberg, Nobelpreisträger). Natürlich kann man den Menschen auch so sehen. Aber wie unbedeutend ist diese Sichtweise!

Wegen dieser Begrenztheit ist die Naturwissenschaft auch durchaus nicht kompetent, Grenzen und Ziele für die Biotechnik beim Menschen festzulegen. Leider wird dies weitgehend ignoriert, wie unter anderem die Zusammensetzung der österreichischen Bioethik-Kommission - zu mehr als 50 Prozent mit Wissenschaftern besetzt - erkennen lässt.

Die Naturwissenschaft kann nur periphere Erscheinungen des Lebens erfassen.

Dass Wissenschaft und Technik die Richtung der Entwicklung bestimmen, gehört so sehr zum heutigen Selbstverständnis, dass kaum mehr darüber nachgedacht wird, welche Begrenzungen sich die Gesellschaft mit dieser Option auferlegt. Die Wissenschaft moderner Prägung ist nämlich nur eine Form, in der Menschen Erkenntnis gewinnen können. Im Gefolge von Galileo Galilei misst sie, was messbar ist, und beschränkt sich damit auf die in Zahlen fassbaren Phänomene. Wenn sie außerdem messbar zu machen versucht, was nicht messbar ist, erweitert sie zwar ihr Beobachtungsfeld, erkauft dies aber damit, dass sie komplexe Phänomene in das Korsett ihrer vereinfachenden Prämissen zwängt.

Weil die Naturwissenschaft außerdem nur solchen Beobachtungen Bedeutung beimisst, die bei einem neuerlichen Versuch wiederholt werden können, blendet sie alles aus, was einmalig in Zeit und Raum ist. Und weil ihre Modelle logisch konsistent zu sein haben, ignoriert sie alles, was sich als widersprüchlich darstellt.

Aus all diesen Gründen tut sie sich schwer, mit dem Phänomen Leben umzugehen. Zwar weiß man heute enorm viel über Mechanismen des Lebens - die Zahl dieser Erkenntnisse explodiert geradezu -, aber dieses Wissen beschränkt sich auf das Wie des Lebens. Es erfasst - und das auch nur partiell - allein die Funktionsweise des materiellen Substrats.

Was aber das Leben selbst ist, bleibt der Wissenschaft verborgen. In den Lexika wird das erkennbar, etwa in "Meyers Neues Lexikon" (1980). Da liest man unter dem Stichwort "Leben": "Stationärer Zustand eines materiellen Systems komplizierter chemischer Zusammensetzung, der aus einem Zusammenwirken aller Einzelbestandteile auf Grund physikalischer und chemischer Wechselwirkungen resultiert."

Weiß nun jemand, der das liest, was das Leben ist? Nein, denn mit der Brille der Naturwissenschaften lässt sich das Besondere des Lebendigen nicht erfassen, wie auch dem neuen Brockhaus (24-bändig, 20. Auflage) zu entnehmen ist: "Die komplizierten physiologisch-chemischen Prozesse in den Lebewesen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Naturgesetzmäßigkeiten nicht von denen in der übrigen Natur. Insofern muss den Lebewesen kein eigentümlicher ontologischer Status zugesprochen werden."

Das Lebendige versperrt sich dem naturwissenschaftlichen Zugang insofern, als es sein wesentliches Merkmal, nämlich das Leben, verliert, wenn man es in seine Teile zerlegt. Es entzieht sich einer konsequent vorangetriebenen Analyse.

Nicht analysierbar

Max Thürkauf, ehemals Professor für physikalische Chemie in Basel, kennzeichnet das Problem wie folgt: "Alle Gesetze der Chemie und Physik haben etwas gemeinsam: In ihrem Gültigkeitsbereich ist es stets möglich von einem Teil auf das Ganze zu schließen. Man nennt deshalb die in der modernen Naturwissenschaft angewendete Schlussfolgerung die Induktion, wie in der Fachsprache der Philosophen der Schluss vom Besonderen auf das Allgemeine genannt wird. Lebewesen sind induktiv nicht erfassbar ... Im Gegensatz zu physikalischen Kraftfeldern und chemischen Verbindungen können Lebewesen nicht in kleinste Teile zerlegt werden, ohne dass das Entscheidende der Lebewesen verschwindet: das Leben, weil der kleinste Teil eines Lebewesens immer seine Ganzheit ist."

Die Wissenschaft weiß nicht, was das Leben ist. Nur verliert sie die Begrenztheit ihrer Fähigkeit zur Einsicht allzu oft aus den Augen, worauf der Biochemiker Erwin Chargaff seit Jahren hinweist (siehe die untenstehenden Zitate). Dann werden ihre Erkenntnisse für das Ganze genommen. Das ergibt die immer wieder gehörten "Nichts-als"-Aussagen: Der Embryo sei nichts als ein Zellhaufen, die Weitergabe des Lebens nichts als ein Prozess der Verschmelzung zweier Zellen, die Entwicklung des Kindes nichts als ein Differenzierungsprozess von Zellen und Geweben - und der Mensch nichts als materielles Substrat: "Jetzt können wir endlich den Menschen definieren. Genotypisch zumindest ist er sechs Fuß einer besonderen molekularen Anordnung von Kohlen-, Wasser-, Sauer- und Stickstoff- sowie von Phosphoratomen" (Joshua Lederberg, Nobelpreisträger). Natürlich kann man den Menschen auch so sehen. Aber wie unbedeutend ist diese Sichtweise!

Wegen dieser Begrenztheit ist die Naturwissenschaft auch durchaus nicht kompetent, Grenzen und Ziele für die Biotechnik beim Menschen festzulegen. Leider wird dies weitgehend ignoriert, wie unter anderem die Zusammensetzung der österreichischen Bioethik-Kommission - zu mehr als 50 Prozent mit Wissenschaftern besetzt - erkennen lässt.