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Psychoanalytiker Christian Dunker über Rechte in Brasilien: „Ein Affekt-Circuit"

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Christian Ingo Lenz Dunker, Psychoanalytiker und Forscher an der Universität São Paulo, über den seit Jahren in Brasilien aufkommenden Rechtsextremismus und dessen wahre Hintergründe.

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Christian Ingo Lenz Dunker, Psychoanalytiker und Forscher an der Universität São Paulo, über den seit Jahren in Brasilien aufkommenden Rechtsextremismus und dessen wahre Hintergründe.

Warum können sich nach wie vor so viele Brasilianer mit Bolsonaros Botschaften identifizieren? Warum fällt Rechtspopulismus so oft auf fruchtbaren Boden? Ein psychoanalytischer Klärungsversuch.

DIE FURCHE: Herr Dunker, Sie sagen, der Bolsonarismus lege verborgene faschistische Tendenzen der Gesellschaft offen. Inwiefern?
Christian Ingo Lenz Dunker:
Dazu müssen wir zurückgehen zu einigen historischen Aspekten: der Sklaverei (1888 abgeschafft, Anm. d. Red.), der Diktatur von Getúlio Vargas (ab 1930, Anm. d. Red.) und dem Estado Novo („Neuer Staat“, Anm. d. Red.), schließlich der Diktatur ab den 1960ern. Diese Ereignisse sind verbunden mit einem sehr konservativen, faschistischen, populistischen Umgang mit sozialen und politischen Themen. Brasilien hatte die zweitgrößte faschistische Partei im Westen. In den 1960ern erlebten wir die Rückkehr dieses Faschismus über 20 Jahre hinweg.

DIE FURCHE: Was passierte danach?
Dunker:
Es gab keine Vermittlung, keine neuen Gesetze, kein Entnazifizierungsprogramm. Als letztes Land in Amerika bekam Brasilien eine Wahrheitskommission – aber nicht wie in Südafrika. Es gab keine Anstrengung, irgendeine Veränderung zu erzielen, und keinerlei Diagnose, dass wir ein Problem haben: die alte Tradition der weißen Rechten Brasiliens ...

Bolsonaro kennt diese Geschichte natürlich. Er nahm während der Diktatur an militärischen Aktivitäten teil. Er ist eigentlich ein Repräsentant der alten faschistischen Vision in diesem Land.

Warum können sich nach wie vor so viele Brasilianer mit Bolsonaros Botschaften identifizieren? Warum fällt Rechtspopulismus so oft auf fruchtbaren Boden? Ein psychoanalytischer Klärungsversuch.

DIE FURCHE: Herr Dunker, Sie sagen, der Bolsonarismus lege verborgene faschistische Tendenzen der Gesellschaft offen. Inwiefern?
Christian Ingo Lenz Dunker:
Dazu müssen wir zurückgehen zu einigen historischen Aspekten: der Sklaverei (1888 abgeschafft, Anm. d. Red.), der Diktatur von Getúlio Vargas (ab 1930, Anm. d. Red.) und dem Estado Novo („Neuer Staat“, Anm. d. Red.), schließlich der Diktatur ab den 1960ern. Diese Ereignisse sind verbunden mit einem sehr konservativen, faschistischen, populistischen Umgang mit sozialen und politischen Themen. Brasilien hatte die zweitgrößte faschistische Partei im Westen. In den 1960ern erlebten wir die Rückkehr dieses Faschismus über 20 Jahre hinweg.

DIE FURCHE: Was passierte danach?
Dunker:
Es gab keine Vermittlung, keine neuen Gesetze, kein Entnazifizierungsprogramm. Als letztes Land in Amerika bekam Brasilien eine Wahrheitskommission – aber nicht wie in Südafrika. Es gab keine Anstrengung, irgendeine Veränderung zu erzielen, und keinerlei Diagnose, dass wir ein Problem haben: die alte Tradition der weißen Rechten Brasiliens ...

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DIE FURCHE: Wie kann so jemand mehrheitsfähig werden?
Dunker:
Nach meiner Einschätzung gibt es hier nicht mehr als 15 Prozent Faschistinnen oder Faschisten. Um gewählt zu werden, ging er eine Art von Allianz ein mit Konservativen, Liberalkonservativen und gewöhnlichen Rechten. Das schuf die Tragödie, die wir nun erleben.

DIE FURCHE: Was ging dieser Allianz voraus?
Dunker:
Nach seiner Armeezeit ging Bolsonaro direkt in die Politik. 30 Jahre lang war er Abgeordneter in Rio de Janeiro und im Parlament in Brasília, aber es gab in dieser Zeit nichts, wodurch er sich auszeichnete. Vom Keller der Politik aus organisierte er eine Art Rebellion von Abgeordneten ohne Macht, Prestige und Stimme. Im fragilen Moment, als die brasilianische Ökonomie einbrach und wir diesen LavaJato-Korruptionsskandal hatten, 2013, erschien diese als eine Art neuer Diskurs.

Es ist wichtig zu verstehen, wie man die Figur von Jesus Christus quasi hinter ein Gewehr stellen kann, ohne dass die Leute darin einen Konflikt identifizieren.

DIE FURCHE: Wodurch zeichnet sich dieser Diskurs aus?
Dunker:
Er dreht sich um Waffen und Gewalt, machistische und aggressive Rhetorik und verspricht Lösungen, die auf Regression basieren: zurück zur Familie, zu alten Zeiten, zur Militärdiktatur, zu Militärs in der Politik, zur alten Moral. Die Nichtfaschisten, die Bolsonaro unterstützen, fanden sich in einer Art diskursiven Coup wieder.
Die meisten glauben nicht, dass er tun wird, was er versprach, aus Blindheit oder Wunschdenken. Dazu kommt dieser neue Protestantismus der evangelikalen Kirchen, eine Strömung, mit der Bolsonaro eng verbunden ist. Es ist wichtig, dies zu verstehen: wie man die Figur von Jesus Christus quasi hinter ein Gewehr stellen kann, ohne dass die Leute darin einen Konflikt identifizieren.

DIE FURCHE: Also wurde er Präsident, weil man ihn unterschätzte oder nicht ernst nahm?
Dunker:
Ein weiteres Merkmal ist Bolsonaros Fähigkeit, eine soziale Bewegung zu schaffen, aus Leuten, die wenig Stimmen hatten im öffentlichen Raum. Die aktiviert er mit einer symbolischen Art, die Straßen einzunehmen, die einer Revolution sehr nahekommt. Eine rechte Revolution: Wir müssen alles von null beginnen, eine neue Moral schaffen, eine neue Menschheit, die brasilianischen Institutionen radikal verändern. Hinzu kommt ein weiteres Merkmal: das Gefühl von Hass. Bolsonaro operiert in einem Affekt-Circuit von Furcht und Hass.

DIE FURCHE: Wie sieht der konkret aus?
Dunker:
Er sagt: „Wir sind unsicher“, „Eure Kinder und Familien sind unsicher“, „Schulen sind unsicher“. Universitäten sind für ihn Orte mit linker, kommunistischer Kontrolle, und so gibt es viele Orte, die ihm zufolge unsicher sind. Viele Leute fühlen den tatsächlichen Mangel an Sicherheit in Brasilien, die Kriminalität, die Gewalt, die Politik, die unzureichend dagegen vorgeht. In diesem Punkt sagt er die Wahrheit, um eine Lüge zu kreieren. Es gibt sehr viel Furcht, und er schafft einen Feind, von dem er eigentlich sagt: „Lasst uns diese Leute eliminieren! Sie sind die Ursache eurer Furcht.“

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