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Digital In Arbeit

Der Arbeit Sinn geben

Mehr und mehr setzt sich die Einsicht durch, daß die Qualität des Lebens in starkem Maße abhängig ist von der Qualität des Arbeitslebens.

Besonders hervorzuheben ist die gesellschaftspolitische Komponente. Wer eine geistlose Arbeit im Betrieb zu verrichten hat, von dem ist nicht zu erwarten, daß er das in der Freizeit dadurch kompensiert, daß er dort geistig um so reger ist. Vielmehr hat diese geistlose Tätigkeit Rückwirkungen auf die Freizeit, auf die Familie, auf die Politik (mündige Bürger?) und auf die Gesellschaft überhaupt.

Der Mensch ist ein umso wertvolleres Glied der Gesellschaft, je mehr er seine Anlagen und Fähigkeiten entfalten kann. Wer immer menschliche Arbeit organisiert und strukturiert, wird verantwortlich für einen weiteren und sehr bedeutenden Teil menschlicher Lebensgestaltung.

Zwar stellen wir fest, daß in verschiedenen Bereichen die Anforderungen an die Arbeitnehmer, insbesondere auch an ihre geistigen und kreativen Kräfte, steigen. Es besteht also eine Tendenz zu erhöhten beruflichen Anforderungen.

Daneben gibt es aber auch erhebliche Dequalifizierungsprozesse, d. h. daß die Qualifikationsanforderungen in vielen Bereichen eher geringer werden. Wir haben daher in vielen Bereichen keine Leistungsgesellschaft, sondern wie Brockert sagt, eine „Leistungsver-hinderungsgesellschaft", in der „die vielen psychischen Probleme, deren Entstehen man der Wirtschaftsordnung zuschreibt, aus der Tatsache resultieren, daß unsere Arbeitsverhältnisse so strukturiert sind, daß die meisten Menschen unterhalb ihres Leistungspotentials .funktionieren' müssen."

Experten schätzen die Nutzung des Fähigkeitspotentials in der amerikanischen Wirtschaft trotz der intensiven Bemühungen um eine rationelle Produktion auf höchstens 50 %. Gerade in der Humanisierungsdiskussion darf nicht übersehen werden, daß Unterforderung genauso inhuman sein kann wie Uberforderung!

Neben ethischen und arbeitsmedizinischen Überlegungen, sprechen für die Humanisierungsbestrebungen aber auch handfeste ökonomische Befunde. VOLVO stellte fest, daß die jährliche Fluktuationsrate 50 % und die tägliche Absentismusrate über. 25 % betrug. Deshalb überlegte man sich, ob man nicht Fertigungsmethoden finden könnte, die die Unzufriedenheit der Arbeiter reduzieren. So kam man schließlich zur Gruppenfertigung und dem System von autonomen bzw. teilautonomen Gruppen.

An Stelle des Diktats des Fließbandes trat ein Gruppenprozeß. Die Aktivitäten werden teilweise selbst gesteuert, d. h. Arbeitsplätze und Arbeitsintensität werden selbst bestimmt und unter den Mitgliedern der Gruppe verteilt. Die Fremdbestimmung durch den Takt der Maschine wird durch die Selbstbestimmung durch Teilnahme am Entscheidungsprozeß in der Gruppe ersetzt. Ganz wesentlich dabei scheint aber auch die Möglichkeit des Kontakts und der vermehrten Kommunikation der Gruppenmitglieder untereinander.

Es kam also gerade in der jüngsten Vergangenheit zu einer Verschiebung der Fragestellung in der Sozialpolitik. Aus der Frage der Sicherung der Existenz und der Absicherung der Lebens-risken entstand eine neue Frage: Wie kann möglichst vielen Menschen eine Arbeit angeboten werden, die Selbstverwirklichung im weitesten Sinne zuläßt?

Die Sinnfrage wird heute immer stärker und immer drängender gestellt. Unlängst befaßte sich auch eine Enquete der Vereinigung österreichischer Industrieller mit diesem Thema, wobei Prof. Krejci in seinem Referat „Wirtschaft ist nicht alles" Sätze zitierte, die fast wörtlich der Katholischen Soziallehre entnommen sein könnten, wie beispielsweise: „Der Mensch ist das Maß der Wirtschaft". Er zitierte auch Egon Friedeil: „Es gibt keine Erlösung auf ökonomische Weise" ...

Die Sinngebung in der Arbeit ist ein weiter Weg und die Sinnfindung sicherlich ein vor allem individueller Prozeß. Viele Probleme sind dadurch entstanden, weil lange Zeit nur ökonomische Aspekte, und diese nicht immer richtig, gesehen wurden.

Der Fortschritt der letzten Jahrzehnte war ein überwiegend eindimensionaler Fortschritt: er erfaßte nur die materielle Dimension. Zurückgeblieben ist die geistig-kulturelle Dimension. Jetzt entstehen die Probleme, weil die Menschen keinen Sinn in der Arbeit mehr finden und damit auch unfähig werden, die Freizeit sinnvoll zu gestalten.

Diese Feststellung beschränkt sich nicht nur auf die Arbeitnehmer, sondern trifft durchaus auch für die Unternehmer und die Manager zu. Vor kurzem wurde durch das Wirtschaftsmagazin „Trend" eine Umfrage bei Unternehmern und Politikern durchgeführt, wobei auch die Frage gestellt wurde: „Wie gestalten Sie ihre Arbeitspause?" Die Antworten geben zu denken: „Dabei lese ich Zeitung und verhandle gleichzeitig mit meinen Mitarbeitern."

Weitere Antworten: „Wenn ich Kaffee trinke, bleibt die Linke zur Arbeit

Länderbank feiert

Eine der größten österreichischen Banken, die Länderbank, feiert in diesen Tagen ihr hundertjähriges Bestehen.

Nach den Spekulationswirren von 1867 bis 1869, in denen Wien der Schauplatz der dubiosesten Bankgründungen war, kam es 1873 zum großen Börsenkrach. Erst 1879 begann ein neuer Aufschwung. In dieser Phase gab der damalige Finanzminister Julian Ritter von Dunajewski - den Anstoß zur Gründung der Länderbank.

Sollte die 1855 gegründete Credit-Anstalt der Verwirklichung der Pläne des liberalen Finanzministers Bruck dienen, so setzte 1880 Dunajewski mit der Gründung der Länderbank ein Signal, das zugleich das Ende der liberalen Ära bedeutete.

Wurde die Creditanstalt mit der Hilfe Rothschilds gegründet, so wandte sich Dunajewski an die französische Union Generale. Die neue Bank arbeitete eng mit der Regierung zusammen, ohne jedoch eine Staatsbank zu sein.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kommen bittere Jahre. Bis 1920 gehen sämtliche ausländische Filialen verloren, und 1921 geht die Geschäftsführung (nachdem seit 1882 die Länderbank ein rein österreichisches Institut war) in ausländische Hände über.

1946 wird die Länderbank, gemeinsam mit anderen Geldinstituten, verstaatlicht. Seither beteiligt sie sich aktiv am Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft. KURT NEBEHAY frei. quot; Fast unisono kam die Gegenfrage: „Arbeitspause, was ist das?" Ein Spitzenpolitiker (Benya) gab zur Antwort: „Ich mache keine Pause. Wozu brauche ich das? Bei mir gibt es so etwas nicht."

Ich glaube, die meisten von uns sind hier auch selbst mitbetroffen. Gerade deshalb müssen wir über die Situation, auch über unsere Situation, nachdenken. Kann man wirklich von Lebensqualität sprechen, wenn man nicht mehr die Zeit hat, auch nur eine kleine Pause einzulegen?

Kann ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem eine erfreuliche Entwicklung nehmen, in dem jene, die weitreichende Entscheidungen treffen, einem ständigen Streß, einer geschäftigen Hast unterworfen sind und keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit ein Buch zu lesen, keine Zeit mit ihren Mitmenschen oder Mitarbeitern zu reden und keine Zeit haben, einmal nichts zu tun.

Ist solche Arbeit und ist ein solches Leben noch human, ist es menschengerecht und menschenwürdig?

Vielleicht muß beides Hand in Hand gehen: Das Zurückfinden zu einem menschenwürdigeren und menschengerechteren Leben der Manager und Politiker, damit die Einsicht, daß auch andere ein Recht auf ein menschengerechtes Leben (auch ein menschengerechtes Arbeitsleben) haben, Platz greift.

Dies ist der Auszug eines Referates, das der Autor am 30. Juni in der Handelskammer Feldkirch gehalten hat.

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