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Was wird aus der AZ?

Die Identitätslnise der österreichischen Sozialdemokratie, die ein nicht auf Österreich beschränkter Teil der Krise des Parteiensystems überhaupt ist, manifestiert sich in dem Jahr, in dem die SPÖ in das zweite Jahrhundert ihres Bestandes tritt, symbolisch nicht zuletzt darin, daß die „AZ“ als Zentralorgan der Partei ausgedient zu haben scheint und vor einer entscheidenden Änderung, die bis jetzt bloß in Umrissen bekannt ist, steht. Dabei stellt sich die Frage, ob ein so später und von ökonomischen Tatsachen - und nicht von besserer Einsicht - herbeigeführter Entschluß nicht schon verspätet ist und die alte .Arbeiter-Zeitung“, die sich zur „AZ“ und zur „Neuen AZ“ gemausert hat, die historische Überfuhr nicht schon versäumt hat und jetzt nur mehr dazu verurteilt ist, Rückzugsgefechte zu liefern und den historischen Abgang auf Raten zu vollziehen.

Doch auch wenn man die Sache für so aussichtslos nicht hält und es auch begrüßt, wenn eine sozialdemokratische Tageszeitung erhalten bleibt, muß man Fragen stellen, die einer künftigen Führung und Nachfolge dieser Zeitung nicht erspart bleiben werden. Je eher sich die für den bevorstehenden ökonomischen und eigentumsmäßigen Transfer Verantwortlichen diesen Fragen stellen und sie in einer für die Öffentlichkeit und potentielle Leserschaft überzeugenden Weise beantworten, desto eher wird eine neue Zeitung, die an die alten Traditionen anknüpfen und sie gleichzeitig überwinden will, die Chance haben, sich inmitten der vielschichtigen Medienlandschaft zu behaupten.

Die Frage der Behauptung einer sozialdemokratischen Tageszeitung vis-ä-vis den anderen Zeitungen und politischen Kräften ist nicht in erster Linie eine- Frage des Titels, wenngleich die Wahl des Titels nicht ohne Bedeutung und Aussagekraft ist. Sie ist auch nicht bloß eine solche der Chefredaktion und der Mannschaft, wenngleich aüch diese Frage von nicht unerheblicher Bedeutung ist. Denn wenn sich am Zeitungskopf und am Kopf der Zeitung nichts änderte, wäre der Entflechtungsvorgang, der in der Preisgabe der Funktion als Zentralorgan zum Ausdruck kommen soll, in Gefahr, zu einem bloßen Etikettentau zu werden.

Die Neuorientierung, die aus der „Neuen AZ“ nach den Vorstellungen des Parteivorsitzenden und von Mitgliedern der Redaktion selbst eine „links-liberale“ Tageszeitung machen soll, ist zwar die inhaltlich wichtigste, hängt aber aufs engste mit der Besetzung der Redaktion zusammen. Denn wenn es zu keinem wenigstens teilweisen Revirement, aber zu einer deklarierten Richtungsänderung käme, müßte man sich fragen, ob die, die früher an der Leine der Partei die Feder geführt haben und jetzt ohne diese Leine zu ihr greifen und dann wohl auch inhaltlich Verschiedenes produzieren, damals oder jetzt ihrer Überzeugung gefolgt sind.

Die inhaltliche Gestaltung der neuen Tageszeitung im links-libe- ralen Sinn erzeugt auf jeden Fall Behauptungs- und Abgrenzungsprobleme im Hinblick auf konkurrierende Zeitungen, aber auch im Hinblick auf die eigene historische Tradition, mit der man ja nicht brechen, sondern die man nur zeitgemäß abwande ln will Versteht sich die in eine neue Form überführte Tageszeitung als links-liberal und nicht als sozialistisch im spezifischen und verengten Sinn, so hat sie auf jeden Fall mit der Konkurrenz des „Standard“ zu rechnen, dersich als links-liberale Tageszeitung etabliert hat. Will sich die „AZ“ künftig als links-liberale und nicht als eigentlich linke oder gar linksradikale Tageszeitung verstehen, muß 6ie aber auch mit manchen Untugenden ihrer bisherigen Schreibweise und Gesinnungsdemonstration brechen. Der Verbalradikalismus hat ja schon in der alten, historischen .Arbeiter-Zeitung“ eine nicht nur positive Rolle gespielt.

Auch die „Neue AZ“ ist von solchen Gefährdungen undVersuchungen nicht frei. Und eine künftige Redaktion wird sich bei ihren konkreten Stellungnahmen zu überlegen haben, ob die Tageszeitung tatsächlich links-liberal oder links- links sein will. Liberale Haltung setzt jedenfalls Verständnis auch für die Gedankenwelt anderer voraus und darf nicht nur gegenüber linken Gruppen bis zur Terrorszene an den Tag gelegt werden, sondern muß auch andere Bevölkerungsschichten umfassen: Die Ahti-Waldheim- Kampagne und die Berichterstattung über das Zita-Begräbnis im besonderen und Habsburg im allgemeinen sind jedenfalls Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte, wenn man Liberalismus nicht nur als Verbrämung, sondern als Gesinnung wirklicher Toleranz verstehen und anwenden will.

Es wird nicht leicht sein, eine Tageszeitung der geplanten Art hinüberzuretten. Aber es kann und soll gelingen, wenn man sich zur ehrlichen und ganzen Lösung durchringt und nicht der sowohl österreichischen als auch sozialdemokratischen Gewohnheit, es bei Halbheiten und Anläufen bewenden zu lassen, treu bleibt. Im Interesse der Vielfalt der Medien wäre ein völliges Verschwinden der „Neuen AZ“ oder dessen, was von ihr übriggeblieben ist, keineswegs wünschenswert, sondern das Zeichen einer weiteren Verarmung unseres veröffentlichten Bewußtseins.

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