papst assisi - © APA / AFP / Tiziana Fabi
Religion

Enzyklika "Fratelli tutti": Kein Dialog mit dem Liberalismus

1945 1960 1980 2000 2020

Mit dem Liberalismus hat die katholische Kirche seit zwei Jahrhunderten Mühe. Auch weil sie, wie in der neuen Enzyklika von Papst Franziskus, die Funktionen des Staates missdeutet. Eine kritische Analyse.

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Mit dem Liberalismus hat die katholische Kirche seit zwei Jahrhunderten Mühe. Auch weil sie, wie in der neuen Enzyklika von Papst Franziskus, die Funktionen des Staates missdeutet. Eine kritische Analyse.

Persönliche Glaubwürdigkeit ist Papst Franziskus in der Enzyklika „Fratelli tutti“ zuzugestehen. Er meint es mit der Geschwisterlichkeit im Verhältnis zu anderen Religionen und Kulturen ernst. Aber, hart gesagt, das analytisch dürftige Geschwurbel insbesondere im „Die beste Politik“ über­titelten Kapitel ist ärgerlich.

Gegenüber Globalisierung, Liberalismus und Individualismus verkümmert das Gespräch. Die Wirtschaft stellt sich der Papst als Kuchen vor, dessen Ungleichverteilung von Tortenstücken bedeute, „von den Armen zu stehlen“. Freihandel unterstellt der Papst, nicht zurückzuschrecken, „Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten“, auch, sich der „Aussonderung in abscheulichen Formen“ wie des „Rassismus“ zu bedienen. Kritik ist gut, aber der Papst sollte ein, gemessen am Gini-Koeffizienten, Absinken der globalen Einkommensungleichheit seit zwei Jahrzehnten und eine Zunahme des Wohlstands in sich dem Freihandel öffnenden, früheren Entwicklungsländern nicht ignorieren. Franziskus schreibt dagegen von einem „autoritären und abstrakten Universalismus, den einige diktieren und als angebliches Ideal darstellen, um alle gleichzuschalten, zu dominieren und auszubeuten“.

Päpstliche Vorwürfe

Seine Beurteilung führt den Papst zur Forderung der „vorrangigen und vorgängigen Unterordnung allen Privatbesitzes unter das allgemeine Anrecht auf seinen Gebrauch“. Es tritt eine fragwürdige Haltung zu Grundrechten vor, die der Papst eher als kollektive denn individuelle Rechte begreift. Er befindet, dass jeder nur „wirklich eine Person ist, wenn er zu einem Volk gehört“. „Personen auf Individuen zu reduzieren“ heiße dagegen, sie von Mächten beherrschbar zu machen, „die auf unrechtmäßige Interessen abzielen“. „Aus einem falschen Verständnis des Begriffes Menschenrechte und deren widersinnigem Gebrauch“ werden diese seines Erachtens als „individuelle Rechte“ begriffen, und er bezeichnet, inmitten der Pandemie, „radikalen Individualismus“ als „das am schwersten zu besiegende Virus“.