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Heiliger Feuerkopf

Bernhard von Clairvaux prägte eine ganze Epoche. Am 20. August jährte sich zum 850. Mal sein Todestag.

Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen; noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus." Sätze wie dieser klingen heute eher befremdlich. Bernhard von Clairvaux (1090-1153), von dem diese Aussage stammt, vermochte unzählige Teilnehmer mit solchen Predigten für den zweiten Kreuzzug (1147-1149) zu mobilisieren. 850 Jahre nach dem Tod des Zisterziensermönchs, Kirchenpolitikers und Mystikers ist dieses Engagement oft das Einzige, was über Bernhard von Clairvaux - der 1174 heilig gesprochen wurde - allgemein bekannt ist. Seine Bedeutung beschränkt sich aber nicht auf dieses dunkle Kapitel des Christentums; sein Einfluss war sogar so groß, dass man gar vom "bernhardinischen Zeitalter" spricht.

Spirituelle Begabung

Bernhard von Clairvaux, der 1113 in das 1098 gegründete strenge Reformkloster Cîteaux bei Dijon eintrat, spielte eine überragende Rolle in der Geschichte des Zisterzienserordens. Durch seine mystische, sehr auf die Liebe bezogene Christusfrömmigkeit prägte er stark den Geist des Ordens. Gregor Henckel-Donnersmarck, Abt von Österreichs größtem Zisterzienserstift in Heiligenkreuz bei Wien, unterstreicht im Gespräch mit der Furche, dass es durch die "geniale spirituelle Begabung" Bernhards zu einer atemberaubenden Entwicklung des Ordens kam. Bis zu seinem Tod 1153 entstanden in ganz Europa über 300 Klöster. 1115 wurde Bernhard nach Clairvaux geschickt, um dort ein neues Kloster zu gründen, dem er bis ans Ende seines Lebens als Abt vorstehen sollte und dem er auch seinen Beinamen verdankt. Gemäß der Reform von Cîteaux lebte Bernhard streng nach den Regeln des hl. Benedikt. Einfachheit, Bescheidenheit und harte Arbeit gehörten neben dem Gebet zum Alltag des monastischen Lebens.

Wie groß die Wirkung Bernhards war, zeigt sich zum Beispiel auch daran, dass er einen ganzen Kunst- und Architekturstil geprägt hat. Henckel-Donnersmarck weist darauf hin, dass es ohne Bernhard nicht zur Entwicklung des "Zisterzienserstils" gekommen wäre, der wiederum ein entscheidendes Element für die Entstehung der Gotik darstellte: "Indem Bernhard von Clairvaux - um der Einfachheit willen und um die Konzentration auf die heilige Schrift nicht durch Äußerlichkeiten zu stören - Farbe, Bildwerke und edle Materialien untersagt, entsteht ein Druck, der ein Ausbrechen in eine neue Architekturform mit sich bringt."

Auch kirchenpolitisch und in seinen Stellungnahmen zur Theologie reichte der Einfluss des berühmten Zisterziensers weit über die Ordensgeschichte hinaus. Besonders deutlich wird das am Fall Pierre Abaelards, eines französischen Theologen, der als einer der Hauptvertreter der Frühscholastik gilt. Bernhard setzte durch, die Lehre seines Gegenspielers als ketzerisch zu verdammen, und er brachte Papst Innozenz II. dazu, Abaelard zu Stillschweigen, Klosterhaft sowie Verbrennung seiner Schriften zu verurteilen.

Auch während des 1130 ausgebrochenen päpstlichen Schismas nützte Bernhard von Clairvaux seinen Einfluss und unterstützte mit Erfolg Innozenz II. Höhere kirchliche Würden lehnte Bernhard aber zeitlebens ab.

Fanatische Züge

In all seinem Wirken spiegelt sich eine gewisse Radikalität und ein Großteil von Bernhards Faszination bestand wahrscheinlich in eben dieser Heftigkeit. Werner Maleczek, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Wien, bezeichnet Bernhard von Clairvaux als "Feuerkopf", dessen Eifer bisweilen "fanatische Züge" angenommen habe und der mit Sicherheit ein "temperamentvoller und aufbrausender Mensch" gewesen sei. Seine große Ausstrahlung und brillante Rednergabe waren ihm auf seinem Propagandazug durch Frankreich zur Gewinnung von Teilnehmern für den Zweiten Kreuzzug - den er auf Veranlassung des Papstes Eugen III. unternahm - sehr zu Diensten. Berüchtigt ist seine Predigt von 1146 in Vélezy vor dem französischen König Ludwig VII. und zahlreichen Rittern. Obwohl ein Großteil der Anwesenden seine auf Latein gehaltene Predigt nicht verstanden haben dürfte, war "seine charismatische Persönlichkeit so beeindruckend, dass sich viele darauf das Kreuz an die Schultern hefteten", so Maleczek.

Memoria-Theologie

Unbestritten bleibt die Bedeutung Bernhards als Mystiker. Im Zentrum steht bei ihm die so genannte "Memoria-Theologie", die Erinnerung an das Leben und Leiden Christi. Bernhard sah in der meditativen Betrachtung des Bildes des Gekreuzigten und in der emsigen Lektüre der Heiligen Schrift einen Weg zu einer heilsbringenden und vitalen Beziehung des Menschen zu Gott. Zisterzienserabt Henckel-Donnersmarck betont, dass besonders das Hohelied, "das mit einem gewissen Grad an Sinnlichkeit und an Verzücktheit die Beziehung zwischen Gott und den Menschen" schildere, Bernhard nicht losgelassen habe. Seine Predigten zum Hohenlied sind ein Paradebeispiel für die so genannte Brautmystik in der christlichen Theologie: In der allegorisch-mystischen Auslegung dieses alttestamentlichen Buches, das eine poetische Darstellung der Liebe zwischen Mann und Frau zum Inhalt hat, wird Jesus zumBräutigam der Seele des Frommen. Bernhards Mystik hat die Frömmigkeit, der nächsten Jahrhunderte - auch die protestantische! - nachhaltig beeinflusst.

Deutsche Gesamtausgabe

Anlässlich der Gedenkfeiern zum 850. Todestag Bernhards haben die österreichischen und deutschen Zisterzienser eine zehnbändige Gesamtausgabe der ins Deutsche übersetzten Werke des Zisterziensermönchs fertiggestellt, die im Tyrolia-Verlag erschienen ist. Geplant ist außerdem ein CD mit Texten, Orgelmusik und Chorälen. Die Live-Aufnahme wird bei einem öffentlichen Konzert in der Stiftskirche Heiligenkreuz am 28. August um 19 Uhr 30 erfolgen.

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