"Dieser Professor aus H."

Wie die Union den Wahlsieg verspielte.

Paul Kirchhof war in dieser Wahlauseinandersetzung der personifizierte aufgelegte Elfmeter, den auch ein weniger begabter Ballkünstler als Gerhard Schröder zielsicher verwandelt hätte. Denn Torhüterin Angela Merkel schien ziemlich unentschlossen, ob es wohl überhaupt die Anstrengung lohne, den Ball zu halten. Nun, das Tor brachte der SPD zwar nicht den Sieg, aber ein insgesamt weit besseres Wahlergebnis als sie hoffen durfte - eines freilich, mit dem kaum jemand recht glücklich ist, und von dem auch eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler meint, so habe man es nicht gewollt.

CDU-Chefin Angela Merkel musste sich des doppelten Risikos bewusst gewesen sein, das die Nominierung Kirchhofs zum Finanzexperten ihres Kompetenzteams bedeutete: Zum einen handelte es sich bei dem Ex-Verfassungsrichter um einen politisch Unerfahrenen, zum anderen war klar, dass sein radikales Steuerkonzept ("Flat tax") an sich nicht dazu geeignet sein würde, die Menschen in Scharen der Union zuzutreiben. Das heißt nicht, dass man ein solches Risiko prinzipiell nicht eingehen hätte dürfen. Dann hätte man freilich sämtliche Energien darauf verwenden müssen, landauf landab zu erklären, was dieser Kirchhof für ein "toller Hecht" ist, warum die Flat tax - entgegen der weit verbreiteten Meinung - kein Geschenk an "die Reichen" ist und dergleichen mehr. Oder aber man war der - vermutlich richtigen - Ansicht, dass sich ein hochkomplexes, vielstufiges Steuersystem nicht umstandslos planieren lässt und es daher klüger ist, sich dem Ziel niedrigerer Sätze plus mehr Transparenz in Form abgestufter Modelle zu nähern: Dann wäre zu klären gewesen, ob Kirchhof dafür zu haben ist, oder ob man jemanden anderen nominiert, der diese Position mit Verve und Prägnanz "kommuniziert". Dem politischen Gegner aber einen Spalt zwischen Kirchhof- und Unionsmodell zu öffnen, in den dieser genüsslich seinen Keil treiben konnte, war ziemlich dilettantisch. Schröders Wahlkampfphrase "Dieser Professor aus Heidelberg ..." brachte nicht nur Rot-Grün-Sympathisanten in Stimmung, sondern stieß sichtlich auch in Unionskreisen auf zunehmende Resonanz.

Daneben verblassen im Rückblick fast die Ossi-Sager von Jörg Schönbohm und Edmund Stoiber, die schon rein strategisch verfehlt waren. Im Falle Stoibers mag man sich freuen, dass sein Lob der bayerischen Intelligenz, an der es dem ostdeutschen Menschen mangle, nicht einmal von den eigenen Landsleuten honoriert wurde: Minus zehn Prozent für die csu in Bayern sind kein Ruhmesblatt. Dass im Osten mentalitätsmäßig freilich noch viel zu tun ist - das wäre der wahre Kern der Stoiber'schen Auslassungen -, zeigt, dass die Linkspartei von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine dort zweitstärkste Kraft geworden ist: Wie sollen ausgerechnet die Erben jener, welche die ddr heruntergewirtschaftet haben, verstärkt um einen westdeutschen Linkspopulisten, die "Landschaften" zum "Blühen" bringen? Für die Menschen "drüben" in ihrer vielfach misslichen Lage den richtigen Ton - jenseits von Arroganz einerseits und falschen Versprechungen andererseits - zu finden, wird eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Regierung sein, wer immer diese bildet.

Ob es Angela Merkel sein wird, ist nach diesem Wahlergebnis äußerst fraglich. Seltsam müde wirkte sie in den Tagen danach, das Lächeln war plötzlich weg, im Nachhinein scheint sich der Eindruck zu bestätigen, die Zuversicht des Wahlkampfs sei Fassade gewesen. Ihr Führungsanspruch klang nicht mehr sehr überzeugend.

Dass sie ihn zu Recht stellt, mit weit mehr Recht jedenfalls, als Gerhard Schröder, steht auf einem anderen Blatt. Dessen Siegerlaune der letzten Tage mag man entweder als geniale Zermürbungsstrategie der Gegnerin oder schlicht als Chuzpe (vermutlich beides) empfinden. Den Amtsbonus hat er für sich, gewiss - und weil die Deutschen wissen, wie er den Kanzler gibt, hat er bei den Persönlichkeitswerten auch die Nase vorn. Aber, wie Heribert Prantl in der Süddeutschen richtig bemerkte, "Demokratie funktioniert anders als eine Oscar-Verleihung".

Nein, es war kein guter Sonntag. Am liebsten möchte man über die Grenze rufen: "Zurück an den Start, probiert es einfach nocheinmal!"

rudolf.mitloehner@furche.at

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